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aus Heft 51/2010 Märchen

Der verfluchte Hinterseer

Thomas Gsella  Fotos: Daniel Sannwald

Buddha, der heilige Martin und ein Bär, der sich als Schlagersänger erweist: ein Abenteuermärchen, bei dem nicht nur der Held schnell die Orientierung verliert.

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Es war einmal in bettelarmer Zeit, da begab sich ein langer langer Müllerssohn auf die Suche nach einem fahrenden Schuster, denn der Winter war grimmig kalt und das Schuhwerk des Müllerssohns gebrochen und schadhaft an mancherlei Stellen. Nun lebte auch damals, was aber der Müllerssohn nicht wusste, kein einziger fahrender Schuster, und als der Müllerssohn sieben Tage und Nächte vergeblich gelaufen war, gelangte er an ein reißendes Gewässer und setzte sich, wie ihn sein Vater gelehrt hatte, welcher ein Müller mit dem unglücklichen Namen Schneider gewesen, im Schneidersitz auf den Boden, schloss die Augen und wartete.

Nachdem er auf diese Weise weitere sieben Tage und Nächte gesessen hatte, kam der heilige Martin auf seinem Rosse des Wegs, und als er den Müllerssohn so vollkommen regungslos im Schneidersitze verharren sah, war er bald überzeugt, dass der Fremde kein anderer als Buddha sein mochte. Mit einem einzigen Hieb seines mächtigen Schwertes wollte er dem Ungläubigen den Kopf vom Rumpfe schlagen, denn er war ein guter Christ und frommer Diener seines Herrn, und also ließ er seine Waffe sprechen. Nun war aber der Müllerssohn, welcher den Namen »Benjamin der Grausame« trug, von all der Entbehrung schwach und müde geworden, und so fiel sein Rücken gerade in dem Augenblick zu Boden, als das Schwert mit einem Sausen die Luft durchschnitt.

»Sssuuuii!« machte das tödliche Eisen, und das Sausen war so gewaltig, dass der Grausame gleich wieder erwachte, die Augen öffnete und sprach: »Du musst St. Martin sein, denn du besitzest ein Schwert, ein warmes Herz und einen Mantel für zwei. Doch wer bin ich?« Es war nämlich der Grausame ein wahrhaft milder, wenngleich autoritärer Charakter, welcher der Herrschaft Fragen und Begehr zwanghaft zu den seinen machte, vgl. Adorno, Frankfurt 1973.

»Ich bin Buddha«, sprach Martin, indem er sich von der Verwirrung des anderen befeuern ließ, und mit einem Hieb seines mächtigen Schwertes wollte der Heilige seinen eigenen Kopf vom Rumpfe trennen, denn er war ein guter Christ und frommer Diener seines Herrn. Mit aller Kraft holte er aus, sich zu entleiben, doch unterdessen hatte der lange Müllerssohn sich wieder aufgerichtet, und so kam es, dass das Schwert nicht den heiligen St. Martin, sondern ebenjenen zwischen Kopf und Rumpf traf und beide voneinander trennte, und wenn sie nicht gestorben sind, dann sterben sie noch heute. Das Märchen geht indes noch weiter, denn kaum war der heilige Martin innegeworden, dass Dummheit und Missgeschick ihn vor dem sicheren Tode bewahrt hatten, vollführte er einen Freudentanz und lobte Gott in den höchsten Tönen.
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Nun lebte aber in einem nahe gelegenen Walde, am Grunde eines finstren Hexenteichs, ein so vollkommen böser Grottenolm und Tyrann, dass auch die gar mächtige und schöne Waldi die Waldfee bereits vor vielen, vielen Jahren Reißaus genommen und ans Ufer eines anderen Gewässers umgesiedelt war – jenes Gewässers, an dem der heilige St. Martin gerade seinen gottgerechten Tanz aufführte, als die Waldfee zu ihm hinflog und sprach: »Wahrlich, ich sage euch: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass dieser Winter nicht grimmig kalt ist, und selig, wer mir seinen Mantel überlässt.« Da ging der heilige Martin hin und tat wie erbeten, worauf ihn so sehr fror, dass er der Fee den Mantel gleich wieder entriss und umgekehrt. Auf diese Weise ging es viele Stunden hin und her, bis der heilige St. Martin der körperlichen Reize der Fee gewahr wurde. »Sköne Oke! Sköne Oke!«, rief er und wähnte sich nun sicher, dass die Gelobte sich erkenntlich zeigen und ihm den Mantel überlassen werde.

Es war aber die Fee, was sie selbst längst vergessen hatte, ein verhexter Höhlenbär. Mit einem herzhaften Haps verschlang er den armen St. Martin, der jedoch ebenfalls nicht der Heilige selbst, sondern der verfluchte Hansi Hinterseer war, welcher im Inneren des Höhlenbären zu einem letzten neuen Leben kam und augenblicklich nicht nur teuflisch rumpelte und lärmte, sondern lauthals trällerte: »Rück a bisserl zu mir rüber!!« und »Schöne Mädchen sind zum Küssen da!!!!« Crux: Auch der Höhlenbär war in seiner Kindheit einst verflucht worden und ursprünglich jener Müllerssohn gewesen, und weil er, der Höhlenbär, an Hinterseers Gesang von einer zur anderen Sekunde unter schrecklichen Qualen verstarb – wie übrigens auch der Hinterseer, dessen Todeskampf aber, wie alle Quellen einhellig versichern, im Darm des toten Höhlenbären noch mehrere Tage, ja Monate andauerte und blühte –, ward der mächtige Zauber also gelöst, und der geköpfte Müllerssohn stand von den Toten auf, erhob sich und setzte, als sei nichts geschehen, die glücklose Suche nach einem fahrenden Schuster fort. So war am Ende, wie so oft, niemandem geholfen.

Lust auf mehr Heldenmärchen? Lesen Sie »Der Mann, der die Tiere mehr liebte als die Menschen« von Michael Krüger oder Karen Duves »Bruder Lustig«.
Thomas Gsella

, 52, lebt als freier Autor in Aschaffenburg. Zuletzt veröffentlichte der Satiriker die Prosasammlung »Blau unter Schwarzen«, im Frühjahr erscheint »Reiner Schönheit Glanz und Licht – Ihre Stadt! im Schmähgedicht«.

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