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aus Heft 05/2011 Tiere/Pflanzen

Können diese Augen lieben?

Seite 2: »Woran sieht mein Hund, dass ich Schmerzen habe?«

Gabriela Herpell  Foto: Hubertus Hamm

Folgerichtig stehen Hunde – und das müssen jetzt selbst die größten Behavioristen zugeben – seit Menschengedenken für die Treue zum Menschen. »Es gibt keine Treue, die nicht schon gebrochen wurde, ausgenommen die eines wahrhaft treuen Hundes«, schrieb Konrad Lorenz. Im Spielfilm Heimweh aus dem Jahr 1943 läuft der Collie Lassie dreimal durch ganz Yorkshire, um sein Herrchen Joe um Punkt vier Uhr von der Schule abzuholen. Und Terrier Bobby soll, nachdem sein Herr, Old Jock, gestorben war, für den Rest seines Lebens an dessen Grab gewacht haben.

Tatsächlich glaube nicht einmal ich, dass mein Hund das für mich tun würde. Aber auch Hunden muss man zugestehen, mehr oder weniger lieben zu können. Und unterschätzen sollte man sie nicht. Der Hund meiner Schwester wurde eines Tages im Kölner Stadtwald auf unglückliche Weise von einem Auto daran gehindert, zu ihr zurückzulaufen. Als das Auto vorbeigefahren war, war auch der Hund verschwunden. Meine Schwester wohnt viele Kilometer entfernt vom Kölner Stadtwald und war nie vorher mit dem Hund dort gewesen. Sie wartete also und rief und pfiff, zwei Stunden lang. Nichts. Sie fluchte, heulte, rief und pfiff weiter. Irgendwann fuhr sie nach Hause, holte die Decke des Hundes und seinen Futternapf. Sie stellte Futter an die Stelle, an der sie ihn zuletzt gesehen hatte, und legte die Decke daneben.

Tagelang passierte nichts. Die Familie redete über kein anderes Thema, alle schliefen schlecht. Nach einer Woche gab meine Schwester es auf, täglich mehrmals an die Stelle zu fahren, an der sie den Hund verloren hatte. Nach zehn Tagen lag der Hund auf der Schwelle ihres Hauses, er war fast tot vor Erschöpfung. Der Tierarzt, der ihn untersuchte, sagte, Hunde würden von dem Ort aus, an dem sie verloren gehen, ihr Zuhause in immer größer werdenden Kreisen suchen. Spiralförmig. Der Hund meiner Schwester musste Hunderte Kilometer gelaufen sein und verschiedentlich sechs- und achtspurige Straßen überquert haben. Er wurde 18 Jahre alt, was für einen Hund außergewöhnlich ist. Er war blind und taub und steif, joggte nur noch um einen Baum im Garten. Er wich meiner Schwester kaum von der Seite. Als wollte er sie niemals mehr allein lassen.
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Da die Liebe aber eine sehr komplexe Angelegenheit ist, geht es um mehr als Zuneigung, Hingabe, Nähebedürfnis. Um Empathie beispielsweise, im Idealfall so eine Art Verantwortung für den anderen. Der populäre deutsche Neurobiologe und Hirnforscher Gerald Hüther schreibt in seinem Buch Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, die Fähigkeit zur Empathie würde das menschliche Gehirn von allen anderen Nervensystemen unterscheiden. Dabei übersieht er, dass der amerikanische Psychologe Russell Church bereits 1959 bei einem Versuch feststellte, dass sogar Ratten das Leid anderer Ratten begreifen können. Church brachte den Ratten bei, einen Hebel zu drücken, um an Futter zu kommen. Jedes Mal, wenn eine Ratte den Hebel betätigte, wurde einer anderen Ratte ein Stromschlag verpasst. Sie wand sich vor Schmerzen. Nach einer Weile weigerte sich die eine Ratte, den Hebel zu drücken – sie konnte den Schmerz der anderen mitempfinden.

Nun, ein halbes Jahrhundert später, wurde dieses Experiment im Zuge einer verstärkten Empathieforschung weitergeführt. Das Ergebnis: Mäuse, die sich aus dem Käfig kennen, empfinden den Schmerz ihrer Genossen viel stärker mit als Mäuse, die sich nicht kennen. Die Wissenschaft folgert daraus: Wenn Mäuse empathisch sind, sind Hunde es allemal. Sie verfügen also tatsächlich über ein großes Spektrum an Emotionen, von denen einige, wie die Empathie, sogar einen gewissen Grad an bewusstem Denken erfordern. Und weil Hunde und Menschen seit 40 000 Jahren auf engem Raum zusammenleben, weil sie also Sozialpartner geworden sind, stehen sie einander mindestens so nah wie eine Maus der anderen und empfinden füreinander Empathie.

Nur: Woran sehen Hunde, dass es dem Menschen, den sie lieben, schlecht geht? Oder dass er Schmerzen hat? Denn dieselbe Sprache sprechen Hunde und Menschen ja nicht.

Verhaltensforscher unterzogen Hunde, Wölfe und Affen mehrfach sogenannten Objekt-Wahl-Tests: Unter Bechern versteckten sie Futter. Dann deutete ein Mensch mit dem Finger auf den Becher. Die Wölfe und Affen verstanden den menschlichen Fingerzeig meist nicht, aber unter den Hunden begriffen oft schon die Welpen, worum es ging. Über ihre lange Zugehörigkeit zum Menschen haben Hunde also gelernt, dessen Mimik und Gestik zu lesen, und sie geben dieses Wissen offenbar in ihren Genen weiter. Im Gegensatz zu den Menschen übrigens, denen man in der Hundeschule erst einmal erklären muss, was ein Hund mit seiner Körpersprache sagen möchte.

Und mein Hund, ist er mitfühlend? Versteht er meine Gestik, meine Mimik? Manchmal schon. Wenn ich mit Fieber im Bett liege, ist er, der eigentlich ziemlich hyperaktiv ist, mit kleinen Notrunden draußen zufrieden. Als würde er einsehen, dass mich jeder Schritt anstrengt. Wenn ich Kummer habe, kommt er zu mir und legt den Kopf auf mein Knie, ganz zart, auch abends, wenn sein Zärtlichkeitsbedürfnis eigentlich gegen null geht. Seine Augen sind dann dunkel, voller Anteilnahme. Er liebt mich also, mein Hund. Er empfindet Wut, Schmerz, Trauer, Angst, Glück. Er fühlt mit mir mit. Vielleicht hat er sogar Emotionen, die wir Menschen gar nicht kennen und darum auch bisher nicht erforscht haben. Dieses Wissen ist nicht nur befriedigend, weil der Hund meine Liebe erwidert. Es ist wirklich wichtig. Weil es zeigt, dass nicht die Menschen allein über tiefe Gefühle verfügen. Und weil es die Haltung der Menschen gegenüber den Tieren verändert. Denn wer denkt, Tiere könnten nicht denken und kaum fühlen, darf ja fast alles mit ihnen machen.

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Gabriela Herpell

ist ein Hundemensch. Deshalb gefällt ihr dieser Vergleich so gut: Der Hund denkt, der Mensch gibt mir zu fressen und zu trinken, er muss Gott sein. Die Katze denkt, der Mensch gibt mir zu fressen und zu trinken, ich muss Gott sein.

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