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aus Heft 06/2011 Medien

Da-dam-da-dam-da-daaaa-daaa

Andreas Bernard 

Mit dieser Melodie kündigt Bayern 3 seit vierzig Jahren seine Verkehrsdurchsagen an. Drei Millionen Menschen schalten jeden Tag ein – aber was kommt da eigentlich? Unser Autor hörte an einem beliebigen Werktag das komplette Programm durch, ab fünf Uhr morgens.


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Es ist 7.34 Uhr, die Sendung Die Frühaufdreher läuft seit zweieinhalb Stunden, als zum fünften Mal ein Lied mit dem Slogan »Der Soundtrack deines Lebens« angekündigt wird. Seit Beginn des Jahres steht das Programm unter diesem Jubiläumsmotto; den »Soundtrack deines Lebens« bilden die besten Songs seit 1971, dem Gründungsjahr des Senders.

»Jetzt hören Sie ein ganz besonderes Schmankerl von 1986«, sagt Marcus Fahn, einer der Moderatoren. Im Hintergrund erklingt das Synthesizer-Intro von Touch Me , gesungen von dem blonden Pin-up-Girl Samantha Fox. »Ja, ich hatte damals ein Samantha-Fox-Poster in meinem Zimmer«, verkündet er. »Und ich habe heimlich auf meinem C 64-Computer Samantha-Fox-Strip-Poker gespielt.« Große Begeisterung bei den beiden anderen Moderatoren: »Hast du sie auch berührt damals?«, ruft Fleischi, der Niederbayer, und Claudia Conrath sagt: »Ach, 1986, da hab ich grad Abi gemacht.«

Es ist ein typischer Bayern-3-Moment an diesem Mittwochmorgen: Der alte Popsong, der »Kult-Achtziger«, wie eine ständig wiederkehrende Wortschöpfung des Senders verheißt, löst die Erinnerung an Jugend und Schulzeit aus. Eine Stunde zuvor haben die Moderatoren zum AC/DC-Klassiker You Shook Me All Night Long über Dia-Abende im Freundeskreis debattiert; um halb neun wird Claudia nach einem Hit von 1974 sagen: »Denken Sie doch mal nach, was Sie in dem Jahr gemacht haben, also ich hab lesen und schreiben gelernt.«

Bayern 3 ist eine kollektive Erinnerungsmaschine: Die Moderatoren, fast alle zwischen 35 und 45 und damit genauso alt wie das anvisierte Kernpublikum, haben zwischen 1980 und 1989 die ersten Schulpartys gefeiert, ihren ersten Kuss erlebt. Und die Selbstpräsentationen auf der Homepage des Senders erwecken den Eindruck, als solle dieser Abschnitt ihrer Biografie für immer konserviert bleiben: Sie heißen »Fleischi«, »Kauli«, »Matuschke«, haben die Spitznamen von damals bewahrt, und ihr Blick auf die Welt ist immer noch der des lässigen Kollegstufenschülers in der Raucherecke des Pausenhofs.
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Bayern 3 - klingt dreimal gut

»Und jetzt Bayerns bester Wetterbericht, mit Thomas Anzenhofer«: Alle halben Stunden, zwischen Kurznachrichten und Verkehrsdurchsage, ist in Bayern 3 ausführlich vom Wetter die Rede; hinzu kommen unzählige verzagte Zwischenkommentare über den zurückgekehrten Winter vonseiten der Moderatoren. In den Vormittagsstunden fallen heute unter anderem die Sätze:
»Also, so langsam nervt der Schnee auf den Straßen. Der Freistaat ist wieder schön glatt.«
»Imprägnieren Sie heute Früh Ihre Schuhe noch mal, sonst könnte es sein, dass Sie nasse Füße kriegen.«
»Es gibt sie noch, die Wolkenlücken, aber nur wenige, im Moment trifft man sie eher im Museum an.«
»Hoffentlich ist Ihr Mittagessen ein Highlight, das Wetter ist nämlich keines.«

 Die Sprecher geben sich alle Mühe, ihren Missmut über die Vorhersagen im »Bayern-3-Wettertrend« erkennen zu lassen. Die Moderatoren wiederum stellen ihre Musikauswahl regelmäßig in Beziehung zur Witterung draußen: »Was Handfest-Rockiges, das passt ja gut zum Schnee«, sagt Roman Roell um viertel vor zwölf, bevor er Lenny Kravitz spielt; Axel Robert Müller kündigt später einen Song des Hawaiianers Bruno Mars mit der Bemerkung an: »bisschen Sonne im bayerischen Winter«.

Im Bayern-3-Kosmos erscheint es als zentraler Faktor für das Wohlbefinden, ob die Sonne scheint oder nicht, ob es draußen warm ist oder kalt. Heute, an einem Januarmorgen, trüben Schnee und Kälte die Laune der Hörer. An einem überraschend warmen Frühlings- oder Herbsttag ist es bei Bayern 3 bekanntlich genau umgekehrt, dann wird jedes dritte Lied in Verbindung mit dem Glücksgefühl des unverhofften Sommers gebracht. Bereits am Beispiel des Wetters offenbart sich also jenes Weltbild, das der Sender seinen Hörern vermittelt: Das Leben ist von übergeordneten Instanzen und Mächten bestimmt, die man nicht ändern kann, gegen die nichts auszurichten ist.

Die besten Kult-Achtziger

Um 8:10 Uhr kommt zum dritten Mal heute Morgen der Frühaufdreher Showshredder zum Einsatz, ein Apparat, »der alle Sorgen entsorgt«, wie Fleischi sagt. Telefonisch oder per Mail können die Hörer Vorschläge machen, was in der Maschine eliminiert werden soll. Meistens haben diese Vorschläge mit der Welt der Arbeit zu tun. Ein Hörer aus Kötzting im Bayerischen Wald möchte jetzt »seinen Stress« schreddern: »Wenn man gute Mitarbeiter haben will«, sagt er, »muss man sie motivieren und nicht anschreien.« Paul aus Füssen will anschließend die »Zeigefreudigkeit seiner Kollegin« zerkleinern, »die tappt immer mit dem Finger auf den Bildschirm, und ich hab dann diese blöden Fettflecken drauf«.

Am Frühaufdreher Showshredder ist gut abzulesen, welchen Stellenwert die Arbeit und das Büroleben im Programm von Bayern 3 einnehmen. Der Fantasieapparat wird als kleine, spielerische Ausflucht des fremdbestimmten Angestellten in Szene gesetzt. Am Radio zwischen fünf und neun, in der Sendezeit der Frühaufdreher, darf er die Rachegelüste und Ressentiments ausleben, die er in der Realität des Nine-to-five-Jobs wieder unterdrücken wird. Überhaupt bildet die straffe Arbeitswoche - von Montag bis Freitag, frühmorgens bis nachmittags - den seltsam eng gesteckten Rahmen des Programms.

Jedes andere Lebensmodell, ob Selbstständigkeit, Elternzeit oder auch Arbeitslosigkeit, kommt in der Welt von Bayern 3 nicht vor. Und die Moderatoren lassen keinen Zweifel daran, dass es eine entfremdete, von den Hörern zutiefst verachtete Arbeit ist, die verrichtet werden muss, während das Radio läuft. Sie selbst feiern ihre eigene Medienkarriere auf der Bayern-3-Homepage als pure Selbstverwirklichung, als die Erfüllung eines seit Schulzeiten gehegten Lebenstraums. Doch für die Hörer gilt genau das Gegenteil. Ins Büro gehen heißt für sie: sich jeden Morgen überwinden müssen und ab dem Mittagessen den Feierabend herbeisehnen.

Zu den beliebtesten Elementen der Moderation gehört daher die Psychologie der Wochentage. Wer an einem Freitag Bayern 3 hört, wird jede Viertelstunde mit dem Hinweis bedacht, dass dieser oder jene Song »den Start ins Wochenende versüßen« solle und dass die Fron der Werktage »nun endlich vorüber« sei. An jedem Montag zieht sich wiederum das Lamento durchs Programm, wie hassenswert dieser Wochentag doch sei, und der einschlägige Hit der Boomtown Rats darf auf keinen Fall fehlen.

Heute, an einem neutralen Mittwoch, könnte es den Moderatoren vielleicht schwerer fallen, einen Bezug zwischen Wochentag und Arbeitsmotivation herzustellen. Claudia von den Frühaufdrehern schafft es dennoch, ständig Sätze zu sagen wie: »Wir feiern Bergfest heute, es ist schon wieder Mittwoch.« Die Botschaft ist unmissverständlich: »Nur noch zwei Tage«, sollen diese Sätze verheißen, »dann haben wir es geschafft.«
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Andreas Bernard

41, fiel nach 19 Stunden am Radio in einen unruhigen Schlaf. Er träumte von einer Achtziger-Jahre-Party im Bayern-3-Studio – und wachte schweißgebadet auf.

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