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aus Heft 22/2011 Familie 1 Kommentar

Auf und davon

Egal, wie groß die Liebe ist, irgendwann ist es für alle Eltern und Kinder so weit: Die einen müssen raus, ihren eigenen Weg gehen. Und die anderen müssen lernen loszulassen. Drei Hausbesuche im entscheidenden Augenblick.

Von Gabriela Herpell  Fotos: Anja Frers




Als Simon, 22, von zu Hause auszog, atmeten alle auf. Auch er. Mitgenommen hat er: Spiegel, Zimmerpalme, Fernseher, Stövchen, Teekanne.


Simon setzt die Espressokanne auf den Herd, daneben einen Topf Milch. Die heiße Milch schäumt er so cremig wie im Café. Ist das die gute Schule von zu Hause? »Nein,
da gab es nur Kaffee zum Runterdrücken«, sagt er. Er wäscht Erdbeeren und stellt sie seiner schönen schwarzhaarigen Freundin hin. Es ist zwei Uhr mittags, die beiden frühstücken und sind noch »ein bisschen indisponiert«, denn sie sind erst frühmorgens nach Hause gekommen. Der Mitbewohner im Zimmer nebenan schläft noch. Das Fenster zur Straße ist weit geöffnet, warme Frühlingsluft strömt herein und mit ihr Stimmengewirr und Tellergeklapper von der Straße. Es sieht, alles in allem, etwas rustikal, aber sehr anständig aus in der kleinen Wohnung.

Als Simon nach dem Abitur noch ein Jahr bei seinen Eltern lebte, gab es ständig Ärger: Er schlurfte ungeduscht, in Boxershorts und mit verquollenen Augen durch den Flur, wenn sein jüngerer Bruder Lorenz nachmittags aus der Schule kam und seine Eltern einen halben oder dreiviertel Arbeitstag hinter sich hatten.

Seine Eltern sind locker, wie die meisten heute. Aber wenn einer immer bis zwei pennt, wenn sich das dreckige Geschirr tagtäglich in der Küche stapelt, nicht eingekauft ist, das Zimmer aussieht wie eine Müllhalde, flippt auch eine lockere Mutter mal aus: »Das fand ich Wahnsinn! Dass ein Mensch, der den ganzen Tag nichts zu tun hat, so lebt. Solang sie zur Schule gehen, ist man noch erziehungsbefugt«, sagt Simons Mutter Hilde Gerner, die 49 ist, blonde wilde Locken hat und ein unbändiges Lachen. »Und wenn sie dann mit der Schule fertig sind, behält man diese Haltung bei, so schnell kommt man da gar nicht raus. Aber dann sagte er völlig überraschend zu mir: ›Lass mich in Ruhe‹«. Sein Ziehvater, mit dem seine Mutter und er seit Simons sechstem Lebensjahr zusammenleben, sagt, dass es vor allem schwierig wurde mit Lorenz, dem 14-jährigen Bruder, für den er immer das Vorbild war.

Simon, knapp zwanzig, war stolz, das Abitur bestanden zu haben, und dachte, er habe es sich verdient, zu tun und zu lassen, was ihm gefiel. »Er strahlte aus: Ich hab doch alles gemacht, was man in meinem Alter von mir erwarten kann«, erzählt der Ziehvater. Nach 14 Jahren Schule um acht Uhr morgens genoss er das Gefühl, endlich frei von Zwängen zu sein. Im November wollte er mit einem Freund für drei Monate nach Südamerika fahren – warum also sollte er vorher eine Wohnung suchen und Miete bezahlen, wenn sie anschließend drei Monate leer gestanden hätte? Außerdem: Die Beziehung besonders zu seiner Mutter, die ihn allein erzogen hatte, als er klein war, war eng und harmonisch. Er saß gern mit ihr abends am Küchentisch, und sie erzählten sich was.

Doch dann kam die Zeit, in der Simon mit der Schule fertig war und noch zu Hause wohnte, sie sich aber nicht mehr so gut verstanden. Obwohl seine Mutter nicht einmal besonders hohe Erwartungen an ihn hatte. »Ich war nicht enttäuscht, habe das nicht als böse Absicht empfunden«, sagt sie, »ich war einfach genervt. Aber es interessiert Jugendliche nicht, was ihre Eltern für sie tun. Sie kriegen das gar nicht mit. Sie verkonsumieren einen.«

Das Ungleichgewicht zwischen Eltern und Kindern ist selbstverständlich, wenn die Kinder klein sind; nur wenn Pflichten auf der einen und Rechte und Ansprüche auf der anderen Seite auch dann nicht ins Lot kommen, wenn die Kinder größer sind als man selbst, zwei starke Arme und einen gesunden Rücken haben und vielleicht noch eine Freundin oder einen Freund – spätestens dann kippt das gemeinsame Leben ins Unerträgliche. »Für sich ist man mit großen Kindern im Haus nie«, sagt Hilde Gerner, »sie sind sehr Raum einnehmend, rumpeln in dein Schlafzimmer, wann immer sie etwas wollen. Aber wenn es um ihr Zimmer geht, verstehen sie keinen Spaß. Das ist tabu.«

Simon wusste nicht, ob er studieren sollte, und wenn doch, was. Vielleicht war er darum so leicht reizbar. Jedenfalls reagierte er empfindlich, wenn sich die Eltern beklagten. Oder er sagte: »Regt euch nicht auf, ich zieh doch eh bald aus.« Das alles, sagt seine Mutter, »bei Vollpension. Wenn ich mich etwas angestrengt habe, konnte ich aber auch seine Sicht der Dinge verstehen. Er dachte: Mit denen kann man es kaum noch aushalten, die wollen immer was von mir«.

Jetzt, in seiner zweiten eigenen Wohnung, stört Simon plötzlich zu großes Chaos. Manchmal, wenn er sein Frühstück wieder beim Bäcker kaufen muss, weil nichts im Kühlschrank ist, wird ihm klar, dass zu Hause immer Brot und Milch da waren; dass die Wäsche frisch gewaschen dalag; dass kaputte Glühbirnen ausgewechselt wurden und die Arbeitsplatte in der Küche immer sauber war.

Es hat eine Weile gedauert, bis diese Erkenntnisse dazu führten, dass es bei Simon jetzt geschäumte Milch und frische Erdbeeren gibt. Simon sagt über die Unordnung in seinem früheren Zimmer: »Ich habe mich da selbst unwohl gefühlt. Aber ich stand halt jeden Tag vor der Frage: Räume ich das jetzt auf, oder gehe ich lieber? Da bin ich lieber gegangen.« Seine Freundin sagt, dass es in seiner ersten Wohnung, in der er nur drei Monate blieb, schlimm aussah. Simon grinst. »Da hatte ich endlich diese Riesenfreiheit! Konnte mein Geschirr überall stehen lassen, ohne dass jemand das kommentierte. Konnte mir nachts was zu essen machen oder mit dreckigen Schuhen durch den Flur laufen. Da stand ja zu Hause die Höchststrafe drauf.« Heute stellt er fest, wie viel Arbeit es spart, dreckige Schuhe auszuziehen. Er macht eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann, hat eine 40- bis 60-Stunden-Woche und merkt, was es heißt, voll zu arbeiten, einzukaufen, zu putzen, zu waschen. »Und das nur für mich. Zu Hause waren wir ja zu viert«, sagt er, anerkennend.
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Jetzt ruft Simon seine Mutter an, wenn er in der Nähe ist, und fragt: »Gibt es was zu essen?« Wobei es ihm nicht in erster Linie ums Essen geht, sondern darum, sich zu sehen, zusammen am Küchentisch zu sitzen, sich was zu erzählen. Vor dem letzten Muttertag hat Simon eine SMS geschickt: »Gibt’s irgendeine Action?« Als er erfuhr, dass nichts geplant war, hat er seinen Bruder und die Oma zusammengetrommelt, und schließlich gingen sie zusammen mit seiner Mutter essen und schenkten ihr Blümchen.

Kommentare

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  • X y (0) Nichts für ungut, aber das ist der schwachsinnigste Bericht, den ich jemals in der Süddeutschen Zeitung bzw. in ihrem Internet-format gelesen habe. Dieser Beitrag ist weder informativ geschweige denn interessant.
    Meiner Meinung nach gehört ein solcher Beitrag eher in ein Format für Klatsch & Tratsch.