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aus Heft 22/2011 Außenpolitik

Das Blut der Revolution

Michael Obert  Fotos: Moises Saman/Magnum Photos/Agentur Focus

Die Welt jubelte mit den Ägyptern, als sie den Diktator Mubarak stürzten. Doch jetzt geht es ums Ganze: In den Slums von Kairo entscheidet sich, ob das Land zur Demokratie findet oder im Bürgerkrieg versinkt.

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Jedes Mal, wenn er den Löffel zum Mund führt, legt sich ein schwarzer Pelz auf seinen Teller. Kratzt er ein wenig Reis vom Blech, schrecken die Fliegen auf, nur um sich sofort wieder auf seine karge Mahlzeit zu stürzen. Zu Tausenden bevölkern sie Yousrys Hütte auf einer Müllkippe im Osten von Kairo. Den Bretterverschlag hält ein Plakat zusammen: das Porträt jenes Mannes, der zu Jahresbeginn noch als stärkste Kraft des Nahen Ostens galt. Seine Augen sind ausgestochen, seine Lippen mit Rasierklingen zerschnitten. Es ist Hosni Mubarak, der gefallene Diktator von Ägypten.

Seit seiner Kindheit wühlt sich Yousry durch zerfetzte Klamotten, Stromkabel und Wasserrohre, durch verfaultes Gemüse, Blutkonserven und Fäkalien. Seine Haare sind zerzaust, seine Augen entzündet, die Hände verkrustet vom Dreck der Müllkippe. Am 11. Februar war er dabei, als auf dem Tahrir-Platz im Zentrum von Kairo Hunderttausende sangen, tanzten, Fahnen schwenkten. Nur mit der Sehnsucht nach Freiheit bewaffnet, hatten die Ägypter Mubarak gestürzt, den seit dreißig Jahren verhassten Despoten. In der jubelnden Menge ergriff ein Mann in Anzug und Krawatte Yousrys Hand; seine schmutzigen Kleider kümmerten ihn nicht. »Gemeinsam sangen wir: Freies Ägypten! Freies Ägypten!«, erinnert sich Yousry. »Das war der glücklichste Tag meines Lebens.«

Dafür hat Yousry teuer bezahlt. Der jüngere Bruder starb in seinen Armen. »Kopfschuss. Wahrscheinlich ein Scharfschütze.« Zwei Freunde kamen ebenfalls ums Leben. Die Revolution wurde von Jugendlichen aus der Mittelklasse ausgelöst, die mit ihren Handys auf Facebook und Twitter zum Protest aufriefen. Doch erst als sich die Massen in den Elendsvierteln anschlossen, sich Straßenschlachten mit der Polizei lieferten, Highways und Schienen blockierten und streikten – erst da entwickelte sich die Schlagkraft, die Mubarak nach 18 Tagen zu Fall brachte. »Wir sind das Blut der Revolution«, sagt Yousry und verscheucht die Fliegen. »Bei uns, auf den Müllkippen, in den Slums, entscheidet sich die Zukunft von Ägypten.«

Imbaba. Der Slum im Nordwesten von Kairo zählt zu den größten der Welt. Imbaba ist dreimal so dicht bevölkert wie Manhattan. Eine Million Menschen. Verkehrschaos. Autowracks. Müllberge. Die Gassen, oft keine zwei Meter breit, klaffen wie Schnitte zwischen unfertigen Turmhäusern aus Backstein; dazwischen hängt das Lametta vergangener Feste.

Seit Jahren campiert Ahmed, 29, mit seiner Frau und vier Kindern auf einem Treppenabsatz zwischen der vierten und fünften Etage eines heruntergekommenen Wohnblocks. Jeden Morgen faltet der spindeldürre Mann seine Kartons zusammen, um sie nachts wie eine Puppenkiste für sich und seine Familie wieder aufzustellen. Sie schlafen zu sechst auf zwei Decken. Die Nachbarn steigen über sie hinweg. Jeder Treppenabsatz ist belegt. Auf dem Flachdach, im Hinterhof, im Abwasserschacht – überall hausen Menschen in flüchtig gezimmerten Verschlägen. Eine sechsstöckige Metapher für das klaustrophobische Elend in den Kairoer Slums.

»Alles ganz offiziell«, sagt Ahmed und hebt wie zur Entschuldigung die Hände. »Wir bezahlen Miete.« Neunzig Pfund. Wenig mehr als zehn Euro. Weil Ahmed keine Arbeit hat, bekommt er das Geld oft nicht zusammen. Jetzt – nach der Revolution – will er ein eigenes Haus. Zweistöckig. Mit Klimaanlage und Badewanne. »Und einen Mercedes«, sagt er ohne jede Spur von Ironie. »Zur Not gebraucht.«

Die Erwartungen der Armen an das neue Ägypten sind gewaltig. Nach dem Sturz des Diktators hat die Armee die Regierungsgeschäfte übernommen und einen »friedlichen Übergang« versprochen. Wenn die Generäle Wort halten, finden im Herbst freie Wahlen statt. Ägypten könnte die erste liberale Demokratie der arabischen Welt werden. Ein Vorbild für alle, die im Nahen Osten mit friedlichen Mitteln Reformen wollen.

Doch in den Elendsvierteln von Kairo macht sich bereits Ernüchterung breit. Zweimal seit der Revolution sind Ahmed und seine Familie im Treppenhaus überfallen worden. »Ausgerechnet wir«, klagt er, während er die Kartonwände für die Nacht aufstellt. »Unser gesamter Besitz passt doch in zwei Plastiktüten.« Als die bewaffneten Jugendlichen nichts von Wert fanden, nahmen sie die elfjährige Aisha mit. Von
Ahmeds Tochter fehlt seither jede Spur.

Fast die Hälfte der 80 Millionen Ägypter lebt an der Armutsgrenze von zwei Dollar am Tag. Weit mehr als zehn Millionen Menschen drängen sich allein in Kairo in den sogenannten »ashwa’iyat« – vom arabischen Wort für »planlos«, »willkürlich«. Oft ohne Zugang zu Wasser und Strom, ohne richtige Straßen. Es mangelt an Schulen. Auf einen Arzt kommen Hunderte, manchmal Tausende von Patienten. Auf offiziellen Karten von Kairo existieren die meisten »ashwa’iyat« überhaupt nicht.
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»Wir sind nur ein kleiner Haufen«, sagt Mahmoud und lässt nervös den Cursor über den Monitor seines Laptops kreisen. »Die in den Slums sind eine Armee.« Ein Café im Stadtzentrum von Kairo. Keine halbe Stunde von Ahmeds Treppenabsatz entfernt. Mahmoud trägt Röhrenjeans und Converse-Turnschuhe und studiert Kommunikationswissenschaften. Auch seine Freunde gehen zur Uni. Ihre Eltern sind Ärzte, Anwälte, Künstler. Auf dem Tisch liegen ihre neusten iPhones und Blackberrys. Die Monitore von Laptops leuchten. Horreya – der Name des Cafés bedeutet »Freiheit«.

Rechts gibt es Bier, links Tee. Mahmoud und seine Freunde sitzen links. »Leute wie wir haben die Revolution ins Rollen gebracht«, sagt Mahmoud voller Stolz und erklärt, wie sie mit anderen Jugendlichen aus der ägyptischen Mittelschicht in den ersten Tagen mit ihren Smartphones auf Facebook zum Protest aufriefen. Sie sind gebildet, gut informiert, essen bei »McDonald’s« und shoppen in glitzernden Einkaufspassagen. Beim Gedanken an die Massen in den Slums, wo die Arbeitslosigkeit mancherorts achtzig Prozent beträgt und jeder Zweite Analphabet ist, bekommt Mahmoud eine Gänsehaut: »Nicht auszudenken, was passiert, wenn die alle die Islamisten wählen.«

Damit die Revolution nicht ihre Kinder frisst, wollen Mahmoud und seine Freunde den Slumbewohnern Demokratie beibringen. Doch die Slums, wo die Millionen leben, auf deren Stimme alles ankommen wird, sind ihnen fremd. Keiner weiß so recht, wo sie anfangen sollen. Abendkurse geben? Aktionsgruppen gründen? Eine eigene politische Partei? Ihre letzte Hoffnung: »Gib doch bei Google mal ›Demokratieförderung‹ ein.«

Der ägyptische Volksaufstand hatte keinen Anführer. Das war seine Stärke. Doch jetzt sagt den Helden der Revolution niemand, was sie tun sollen. Nach jahrzehntelanger Diktatur mit wenig politischer Teilhabe herrscht fieberhafter Aktionismus. Dutzende von Parteien werden gegründet: linke, liberale, konservative, religiöse, säkulare. Jeden Tag entstehen neue politische Aktionsgruppen und Komitees.

»Keiner blickt mehr durch«, sagt Mahmoud und nippt an seinem Tee. »Ich weiß, was wir mit den Slumbewohnern machen. Wir zeigen denen, wie Facebook funktioniert.« Es ist nicht ganz klar, wie ernst er diese Idee wirklich meint.
Michael Obert

, 45, wird eine Begegnung nie vergessen: jene mit Mohammed, den Mubaraks Schergen im Gefängnis folterten - zwölf Jahre lang. Während der Haft hat er Tausende Fülleretuis hergestellt. Auf jedem steht in Plastikperlen sein Name. Eins davon hat er Obert geschenkt.

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