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aus Heft 24/2011 Arbeitsleben

Einfach laufen lassen

Peter Praschl  Foto: Crowther & Carter / Getty

Weinen gilt am Arbeitsplatz als Tabu – vor allem für Frauen. Wir sollten das ändern.



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Neulich hätte es Hillary Clinton beinahe erwischt. Das Bild ging um die Welt: Sie und die anderen vom Team Obama sitzen im Weißen Haus und verfolgen, wie im fernen Abbottabad Osama Bin Ladens letztes Versteck gestürmt wird. Doch während die Jungs aussahen, als hätten sie sich zu einem Baseball-Abend verabredet, stand in Clintons Gesicht so etwas wie Entsetzen, sie hielt sich sogar die Hand vor den Mund. So jedenfalls schien es auf dem Foto. Doch die Außenministerin dementierte: Sorry, Leute, ich habe bloß gegen meinen Heuschnupfen gekämpft, wie in jedem Frühjahr. Die Botschaft war unmissverständlich: Von euch lasse ich mir ganz sicher keine Gefühle nachsagen.

Erfolgreiche Frauen haben keine Emotionen am Arbeitsplatz, nicht einmal, wenn der Erfolg sie verlässt. Freiherr zu Guttenberg darf beim Abgang zu Smoke On The Water eine Träne verdrücken; Silvana Koch-Mehrin, einst Hoffnung der FDP, verschickt dagegen eine nüchterne Pressemitteilung, niemand soll sie heulen sehen. Und Heidi Klum möchte dem Nachwuchs noch dringender als den richtigen High-Heel-Gang die korrekte Attitüde beibringen: Bloß keine Zicken und Klagen, der Kunde hat immer recht, und falls doch nicht, lass dir um Himmels willen nichts anmerken.
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Denn das muss klar sein: Erfolgreiche Frauen haben am Arbeitsplatz keine Emotionen, und falls doch, allerhöchstens auf diese Angela-Merkel-Art, die sich mit formelhaften Behauptungen wie »mit Sorge zur Kenntnis genommen« begnügt. So stark, dass es für einen Gesichtsausdruck reicht, werden die Emotionen dann doch nicht. Mitunter sind selbst die Minimal-Gefühlsbekundungen Merkels mehr, als die Menschen verkraften können. Als sie äußerte, sie habe sich über die Tötung Bin Ladens »gefreut«, diskutierte die Republik ein paar Tage darüber, bis die Kanzlerin sich für ihr unangemessenes Gefühl entschuldigte.

Nur eines dürfen große Mädchen noch weniger, als sich öffentlich zu freuen: weinen. Tränen sind unprofessionell und unter Garantie ein Karrierekiller. Das sagt jede einschlägige Umfrage, jeder Psycho-Coach, jeder Reißt-euch-zusammen-Frauenzeitschriften-Artikel. Die Einzigen, die bei der Arbeit heulen dürfen, sind Talkshow-Moderatorinnen und Schauspielerinnen, doch selbst die sollten sich vorsehen. Als die Schauspielerin Gwyneth Paltrow vor einem Jahr in einem Interview erzählte, sie sei bei Dreharbeiten manchmal so elend lang von ihren Kindern getrennt, dass ihr vor Sehnsucht hin und wieder Tränen kämen, erschien in der linksliberalen Tageszeitung Guardian unverzüglich eine Kolumne, die Paltrow vorwarf, sie erweise der Sache der arbeitenden Frauen einen schlechten Dienst. Weil sie heule! In ihrem Wohnwagen! Muss doch nicht sein, dass man so etwas ausplaudert! Und gleichsam den Kerlen die Kehle hinhält!

Selbstverständlich dürfen auch Männer im Büro nicht weinen, ohne als Weicheier zu gelten. Doch das Tränenverbot trifft die Frauen härter, weil Frauen nun einmal häufiger weinen als Männer. Das bestätigt einem nicht nur die Lebenserfahrung, sondern auch die Statistik.  Der »International Study on Adult Crying« zufolge, die seit 1996 weltweit die Tränenflüsse untersucht, weinen deutsche Männer im Durchschnitt 1,5 Mal pro Monat, Frauen 3,2 Mal. Eine »Wein-Tendenz« stellt sich bei Frauen 6,3 Mal alle vier Wochen ein, bei Männern beträgt der entsprechende Wert 3,9. Das Tränentabu am Arbeitsplatz mutet den Frauen also mehr zu als den männlichen Kollegen.

Woran das liegt? An einer Art Dreifachbelastung durch körperliche Voraussetzungen, Erziehung und gesellschaftliche Rollenerwartungen. Frauen haben von Natur aus kleinere Tränendrüsen, was dazu führt, dass das Wasser schneller raus muss. Außerdem produzieren sie, sobald sie geschlechtsreif sind, fünfzig bis sechzig Prozent mehr vom Milchbildungshormon Prolactin, das auch den Tränenfluss anregt. Mädchen werden nicht zur Gefühlsunterdrückung angehalten, sondern sollen im Gegenteil warme, empathische Wesen werden, die ihren Mitmenschen einen emotionalen Hafen bieten können müssen. Außerdem ist es Männern durchaus gestattet, Empfindungen von Ohnmacht und Überforderung etwa durch cholerische Anfälle abzureagieren, während sich Frauen in der Arbeitswelt Wutanfälle ebenso wenig leisten können wie Weinkrämpfe, schon weil ihre Stimmen dann so seltsam kieksen. Eine Frau, die nach oben kommen oder oben bleiben will, sollte am besten gar keine Gefühle äußern. Und sich lieber nachsagen lassen, sie sei ein kalter Fisch, noch männlicher als jeder Mann, ganz sicher kein Beziehungsmaterial, aber dafür sicher gut im Job.
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Peter Praschl

, 51, hatte im Lauf seines Berufslebens immer wieder mal weinende Frauen bei sich im Büro - zumindest als es noch Einzelbüros ohne Glaswände gab. Geholfen hat dann in der Regel der Marillenschnaps aus der Wachau, den er für solche Fälle tief unten in der Schreibtischschublade mit den Leitz-Hänge-Ordnern gebunkert hatte.

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