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bedeckt München
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aus Heft 26/2011 Das verstehe ich nicht

Und das soll Urlaub sein?

Andreas Bernard  Foto: Getty

Die Ferien beginnen oft mit einem sinnlosen Ritual: dem frühen Aufstehen am Tag der Abreise.


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Morgen, am ersten Feriensamstag in vielen Bundesländern, wird es vor Tagesanbruch wieder zu Familienkrisen kommen: Der Wecker klingelt um 2.30 Uhr oder 4.00 Uhr, gestresste Eltern scheuchen die Kinder aus dem Bett, und mit flauem Magen werden die Koffer zum Auto geschleppt. Müdigkeit, Schwindel, Brechreiz in der Tiefgarage: So beginnt wie jedes Jahr die Fahrt in den Süden.

Ein hartnäckiges Familiengesetz besagt, dass am Anfang des Sommerurlaubs eine Tortur stehen muss. Die praktischen Gründe für das Aufstehen im Morgengrauen sind seit Jahrzehnten dieselben: »Wir kommen schön früh am Urlaubsort an.« »Es ist noch nicht so heiß auf der Autobahn.« Und, am gewichtigsten natürlich: »So sparen wir uns den Stau.« Aber haben diese Argumente wirklich Bestand? Seitdem es in jedem Auto eine Klimaanlage gibt, ist die Außentemperatur während der Reise bedeutungslos geworden. Das Vergnügen, um halb eins in Bardolino oder Rimini zu sein, hält sich in Grenzen, wenn die Zimmer noch nicht beziehbar sind und die Mittagsstunden in der überhitzten Altstadt verbracht werden müssen. Und zum Stau-Argument sagt Otto Saalmann, Pressesprecher beim ADAC: »An den wichtigsten Reisetagen im Sommer stehen Sie schon um acht Uhr früh kilometerlang am Gotthard- oder Tauern-Tunnel.« Und er empfiehlt, nachmittags loszufahren.

Doch woher rührt die kollektive Unfähigkeit zum entspannten Reisen? Es scheint, als wären die »schönsten Wochen im Jahr« für viele eine Schwelle, deren Überschreiten nicht ohne Anstrengung möglich ist. Inmitten des fremdbestimmten Arbeitslebens bilden die Sommerferien eine Insel freier Zeit; dass der vorgegebene Takt im Betrieb oder Büro nun eingetauscht wird gegen zwei, drei selbstständig gestaltete Wochen, ruft Unbehagen hervor. Der möglichst hektische Beginn der Reise ist Ausdruck dieser verborgenen Angst.
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In der Ethnologie gibt es den Begriff des »Übergangsrituals«. Die prekäre Schwelle zwischen zwei Lebensabschnitten, etwa der Abschied vom Junggesellendasein, wird gemeinschaftlich inszeniert, um die Veränderung für den Einzelnen erträglicher zu machen. Das Früh-in-den-Urlaub-Fahren ist ein solcher Ritus, Jahr für Jahr wiederkehrend. Am Morgen, der die Arbeit von der Erholung trennt, müssen die Schikanen des Alltags – der Wecker zu nachtschlafender Zeit, die Überwindung des Aufstehens – in übermäßiger Schärfe nachgespielt werden, obwohl gar kein Anlass mehr dazu besteht. Den Luxus auszuschlafen, die Möglichkeit, sich Zeit zu lassen und einen auch verkehrsbedingt entspannten Zeitpunkt für die Abfahrt zu wählen, lässt diese Schwelle nicht zu. Es geht morgen früh nicht um die Aussicht auf Stau. Es geht um den heiklen Moment der Unterbrechung fremdbestimmter Existenz.