Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 26/2011 Gesellschaft/Leben

Menschen, Tiere, Aggressionen

Christoph Cadenbach und Wolfgang Luef  Fotos: Thomas Dworzak / Magnum Photos / Agentur Focus

Und plötzlich gehen zwei Zirkusfamilien mit Waffen aufeinander los. Warum nur? Unterwegs in einer Welt, in der das Überleben zum Kampf geworden ist.

Bitte warten, die Bildergalerie wird geladen...

Anzeige
Sie kamen mit Baseballschlägern und Pumpguns, 18 Mann, mindestens, in der Abenddämmerung. Das war ein Überfall, kein Friedensangebot unter Zirkusleuten, Helmut Brumbach, 44 Jahre alt und damit 44 Jahre im Geschäft, ist sich da sicher. »Die wollten nicht reden«, raunt er und steckt sich die zweite Zigarette in zehn Minuten an. »Ich hab gesagt: ›Legt die Waffen weg, dann kämpfen wir‹.« Helmut Brumbach ist keiner, der sich versteckt. Er springt aus dem Sessel auf, tänzelt wie ein Boxer, spannt die Bauchmuskeln – er hat an diesem Morgen im Mai nur eine bayerische Lederhose und eine Lederweste über dem nackten, durchtrainierten Oberkörper an. »Die haben zu fünft mit Knüppeln auf mich eingeschlagen, zwanzig-, dreißigmal haben die mir auf den Kopf gehauen.« Er beugt sich über den Tisch, zieht seine Haare am Scheitel auseinander. »Seht ihr die Narbe?!« Dann lässt er sich zurück in den Sessel plumpsen und schaufelt drei Löffel Zucker in seinen Kaffee.

Helmut Brumbach ist Zirkusdirektor. Seit mehr als zwanzig Jahren reist er mit seiner Frau Manuela durch Deutschland, die meiste Zeit im Landkreis Regensburg. Ein Familienzirkus, wie ihn jeder aus der Kindheit kennt, wenn auf der Wiese hinter dem Fußballplatz plötzlich ein rotweiß gestreiftes Zelt stand, wenn es nach Pferdemist und Abenteuern roch, weil auch den Drei Fragezeichen und den Fünf Freunden immer ein Abenteuer bevorstand, sobald der Zirkus in der Stadt war. Dass Kimba, der weiße gehörnte Löwe, sich in der Manege als Ziege entpuppte, störte damals nicht. Zirkus – das war wie Kirmes, Kino und Streichelzoobesuch zugleich. Spätestens als man Skateboard fuhr und die ersten Zigaretten probierte, war der Zirkus dann egal. Für Helmut Brumbach ist der Zirkus alles.

Mit drei Jahren stand er zum ersten Mal in der Manege, er stammt aus einer Zirkusdynastie. Die Geschichte der Zirkusleute Brumbach reicht bis ins Jahr 1846 zurück. Anfang des 20. Jahrhunderts schaffte es eine Katharina Brumbach als »stärkste Frau der Welt« bis nach New York. In Varieté-Shows verbog sie Eisenstangen und trug drei Männer gleichzeitig auf einem Tablett spazieren. Helmut Brumbach hat seinen eigenen Zirkus mit 18 Jahren aufgemacht. Nur er, seine Frau Manuela und die vier Kinder treten auf, sie müssen alles sein: Clowns, Artisten, Popcornverkäufer, Kartenabreißer. Sie können auch nur das. Helmut Brumbach hat keine Ausbildung, nur einen Hauptschulabschluss und noch nie einen festen Wohnsitz besessen. Er wurde im Zirkus geboren und möchte im Zirkus sterben, aber nun hat ihm diese Familie Renz aus Hamburg alles kaputtgemacht. So sieht er das.
Anzeige

»Zirkuskrieg« hatten die Zeitungen in Regensburg getitelt, nachdem am 18. April die Zirkusfamilien Brumbach und Renz aufeinander losgegangen waren. Eine Massenschlägerei, ein Revierkampf vermutlich. Mindestens ein Schuss ist gefallen, der einem aus dem Renz-Clan durch den linken Unterschenkel gedrungen ist. Bei Helmut Brumbach musste eine fünf Zentimeter lange Platzwunde am Kopf genäht werden. Seine Version des Zirkuskriegs geht so: Von einem Bauern habe er die Genehmigung bekommen, auf einer Wiese im Regensburger Stadtteil Burgweinting zu spielen. Kurz bevor er dorthin aufbrechen wollte, hätten ihn die Renzes angerufen: Das sei ihr Platz. Als er sich geweigert hatte, klein beizugeben, hätten die Renzes gedroht: »Jetzt kommen die Preußen und hauen die Bayern platt.« Dann seien sie angerückt, ein bewaffneter Schlägertrupp. »Es war Osterzeit und ein Osterwunder, dass ich überlebt habe«, schwört Helmut Brumbach und zündet sich die vierte Zigarette an. Der Zirkuschef ist einer, der gern übertreibt. »Unsere Westernshow ist weltberühmt«, sagt er. »Ich werfe über hundert Messer in der Minute.«

Im nächsten Moment steht er draußen in der Sonne und schaut auf seinen Zirkus, mit dem er jetzt eigentlich Geld verdienen sollte. Doch die weißen Holzwaggons mit den clownnasenroten »Circus Brumbach«-Schriftzügen sehen aus, als würden sie nur noch auf ihre Verschrottung warten: dicht aneinandergedrängt wie auf einem Parkplatz, viele Reifen platt, in den Schlaglöchern modert braunes Wasser. »Dieser Platz ist eine Falle«, sagt Brumbach. Viel zu klein für die 24 Wagen, drei Pferde, vier Ponys und vier Ziegen – für das Zirkuszelt sowieso; außerdem viel zu laut mit der Ausfahrtsstraße B8 und dem Schrotthändler nebenan. Die Stadt Regensburg hat ihm das Gelände kostenlos als Winterquartier zur Verfügung gestellt, im November. Jetzt ist es Mai. Die vergangenen Monate waren eine besonders harte Zeit für die Brumbachs.

Alles fing damit an, dass im Juli 2010 bei einem Sommergewitter das Stallzelt umgeweht wurde und die Plane einriss. Dann bekamen sie Ärger mit der Polizei, weil sie ein leer stehendes Schlachthofgebäude besetzt hatten. Ein Mann soll ihnen die Genehmigung erteilt haben, dort während der Winterpause zu kampieren, doch die Stadt Regensburg, der das Gelände gehört, wusste nichts davon und verständigte die Polizei. Die Brumbachs zogen weiter zum Platz an der B8. In den ersten Tagen gab es dort noch keinen Starkstromanschluss, also zapfte Helmut Strom vom benachbarten Schrotthändler ab. Irgendwann sprang die Sicherung raus, es war eine kalte Novembernacht, am nächsten Morgen war die gelbe Tigerpython im Terrarium erfroren. Die Tierschutzorganisation PETA stellte die Zeitungsmeldung über die tote Schlange auf ihre Internetseite, zusammen mit anderen Artikeln, in denen berichtet wird, dass die Brumbachs kaum Geld für Tierfutter hätten. »Aber siehst du hier irgendwo ein dürres Tier?«, ärgert sich Helmut – für ihn ist jeder »du«. »Meine Pferde sind Top-Viecher.« Dann, im April, folgte die Schlägerei mit den Renzes.
Seite 1 2 3
Christoph Cadenbach und Wolfgang Luef

haben den Scherbenkünstler Uwe auch gefragt, warum er sich bei seinem Trick mit den Glassplittern nicht schneidet. Seine Erklärung: 1. Konzentration. 2. Flaschenhälse und Böden aussortieren. 3. Die Füße in Salzwasser baden: Je geschmeidiger die Haut, desto weniger Verletzungen. Noch mehr Bilder des Magnum-Fotografen Thomas Dworzak (ganz unten), 39, sehen Sie diese Woche auf dem iPad.