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aus Heft 40/2011 Gesellschaft/Leben

Schluss mit dem Gemaule!

Gerhard Matzig  Illustration: Damentennis, Foto: Reuters

Seit einem Jahr beherrscht der »Wutbürger« die öffentliche Debatte. Viele feiern ihn als vorbildlichen Demokraten – dabei ist er einfach nur ein jämmerlicher Egoist.

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Mit geballter Faust und erhobenem Regenschirm wettert der Wutbürger gegen fast jede Art von Fortschritt. Erlaubt ist nur, was garantiert nicht auf seine Kosten geht.


Der 7. September war ein schöner Tag. »Nur der Wind pfiff über die gepflegte Wiese hinter dem Campus der Hochschule Bochum.« Das berichtete der Reporter des Onlineportals Der Westen vor einem Monat. Und er erzählte von der Erbsensuppe und dem Bier, die es gab – zur Feier des Tages. Denn an diesem Tag wurde der Grundstein für das Internationale Geothermiezentrum gelegt. Geothermie ist die Kunst, die im Erdreich gespeicherte Wärme zu nutzen. 99 Prozent der Erde sind wärmer als 100 Grad Celsius, allein die oberen drei Kilometer der Erdkruste könnten die Welt auf 100 000 Jahre mit sauberer Energie versorgen. Jener windige Tag hätte also ein Tag voller Zukunftslust und Mut werden können.

Tatsächlich aber bemühen sich selbst die Macher um Mäßigung, der Vorstand des Geothermiezentrums, Rolf Bracke, formuliert vorsichtig Sätze wie diesen: »Wir verstehen, dass die Menschen Angst haben.« Dort, wo man die Freude auf ein besseres Morgen vermutet hätte, stand nur noch die Angst vor IHM, dem »Wutbürger« – in all seiner Grimmigkeit. Immerhin hatte ER schon ganz andere Projekte verhindert, da muss man heutzutage gerüstet sein. Deshalb will man in Bochum auf die Bürger zugehen, ein Kommunikationszentrum eröffnen, alle Daten ins Internet stellen. Man möchte nicht den Zorn der Anwohner herausfordern. Man will keine Angst vor Technologie schüren. Das Wort »Zukunft« wird ebenso vermieden wie das Wort »Fortschritt«. Es ist, als würde man davon zurzeit eine Allergie bekommen.
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Sicher: Saubere, natürliche Energie aus der Erde – was für eine Idee! Und sie soll ausgerechnet in Bochum erforscht und präzisiert werden, also in der Region, die Deutschland über Jahrzehnte mit Steinkohle versorgte. Dann wurde vor fast vierzig Jahren die letzte Zeche geschlossen, Bochum verarmte – und hinterließ der Welt mit all der verfeuerten Kohle und den Industrieanlagen nicht nur eine urbane Pleite, sondern auch noch einen Teil des Klimaproblems und der Kohlendioxid-Apokalypse. Müsste man sich nicht wie verrückt freuen über die Hoffnung, die in einem Geothermiezentrum wohnen kann?

Nicht, wenn man ein Wutbürger ist, also einer jener Menschen, die seit einem Jahr die öffentliche Debatte beherrschen – und wie nebenher auch die Kunst der Transformation perfektioniert haben. Aus Chancen werden im wutbürgerlichen Reich immer Risiken, aus »dafür« immer »dagegen«, aus einer Möglichkeit eine Bedrohung. Obwohl schon etwa zwanzig Prozent aller Neubauten die Erdwärme nutzen, steht man der neuen Technologie mit großer Skepsis gegenüber. Nicht völlig unbegründet, denn das Herumbohren im Erdreich – in Bochum wollen die Forscher bis zu einer Tiefe von 5000 Metern vorstoßen – birgt durchaus Risiken, und tatsächlich gab es wegen Mini-Beben schon Schäden an Häusern. Aber eben darum sollen diese Risiken ja durch Forschung abgeklärt werden. Wäre da nur nicht die »Angst«, von der das Wutbürgertum so gut lebt.

Seit einem Jahr leben wir in Deutschland mit dem Wutbürger: Man muss begreifen, dass er sehr mächtig wurde in diesem Jahr. Mächtig und allgegenwärtig.

Am 11. Oktober 2010 schrieb der Journalist Dirk Kurbjuweit ein Essay, das im Spiegel veröffentlicht wurde. Es trug den Titel »Der Wutbürger«. Es ist die Geburtsurkunde einer Spezies, die es so nur in Deutschland gibt. Die Angst und die Wut haben hier ihr Hauptquartier bezogen. Kurbjuweit schrieb: »Eine neue Gestalt macht sich wichtig in der deutschen Gesellschaft: Das ist der Wutbürger. Er bricht mit der bürgerlichen Tradition, dass zur politischen Mitte auch eine innere Mitte gehört, also Gelassenheit, Contenance. Der Wutbürger buht, schreit, hasst. Er ist konservativ, wohlhabend und nicht mehr jung. Früher war er staatstragend, jetzt ist er zutiefst empört über die Politiker. Er zeigt sich bei Veranstaltungen mit Thilo Sarrazin und bei Demonstrationen gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21.«

Bei alledem hat der Wutbürger das schöne Gefühl, seine Wut diene letztlich dem Allgemeinwohl. Und das ist das größte Missverständnis unserer Zeit. Denn der Wutbürger ist vor allem dies: ein Egoist, der sich nicht kümmert um die Welt, sondern vor allem den eigenen Besitzstand gewahrt sehen möchte.
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Gerhard Matzig

, 48, protestierte in seiner Jugend gegen Atomkraftwerke und ließ sich in Wackersdorf anketten. Mit dem neuen Wutbürgertum kann er wenig anfangen. Sein Buch »Einfach nur dagegen: Wie wir unseren Kindern die Zukunft verbauen«, ein Plädoyer für einen neuen Futurismus, erscheint kommende Woche im Goldmann Verlag.