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aus Heft 41/2011 Frauen

»Mit dem Wort Glück hab ich wenig am Hut«

Sven Michaelsen (Interview)  Fotos: Peter Rigaud (1)/ DPA (3)

Ihr Ex-Ehemann bekam lebenslänglich wegen sechsfachen Mordes, ihr einziges Kind starb als junge Frau. Ein Gespräch mit der Burgschauspielerin Erika Pluhar über die Kunst des Weiterlebens.


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Über die Schauspielerin Erika Pluhar, die dem Wiener Burgtheater vierzig Jahre lang treu blieb, schrieb ein Kritiker: »Die Pluhar vermittelt in ihrer Darstellung eine Tiefe des Empfindens und eine Höhe des weiblichen Zaubers ohnegleichen.«


SZ-Magazin: Frau Pluhar, ist schön geboren zu werden so, wie reich geboren zu werden und dann langsam zu verarmen?
Erika Pluhar: Vor einigen Jahren habe ich mir in Wien eine Retrospektive meiner Filme angesehen. Am Ende dachte ich: Hallo, warst du schön! Dass mir das nie bewusst war, hat mich nachträglich sehr geärgert.

Sie galten als begehrteste Frau Österreichs und waren die erste Nackte auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. Sie wollen die Blicke der Männer nie gespürt haben?
Ich war ein sehr selbstbewusstes kleines Mädchen, das gern zur Schule ging. Mit 16 hatte ich dann zwei Jahre lang eine wirklich schlimme Anorexie. Sie setzte ein, als ein Mann mich in einer stillen Villa zu sexuellen Handlungen nötigen wollte. Ich bin geflüchtet und zu Fuß in der Nacht von einem Ende Wiens ans andere gelaufen. In dieser Nacht habe ich das kindliche Einverständnis mit mir verloren und wollte keine Frau werden. Ich hatte Glück, diese grauenvolle Krankheit zu überleben, denn damals wusste noch keiner, was Magersucht ist. Etwas ist mir fürs Leben geblieben: Ich bin außerstande zu kochen. Das ist eine richtige Phobie bei mir. Ich habe gekocht, als ich nichts aß, aus dieser Sehnsucht nach Nahrung und Wärme. Man nimmt sich ja das ganze Sinnenleben weg als Magersüchtige. Meine Tochter, die nicht mehr lebt, hat immer gesagt: »Du bist ein Küchenwunder. Selbst wenn du nur ein Ei kochen willst, fällt dir alles herunter.«

In Ihren frühen Schauspieljahren waren Sie auf Vamps und kühle Femme-fatale-Figuren abonniert.
Ich habe mich in diesen männermordenden Blondinenappeal hineinschieben lassen, weil ich diese Rollen gut spielte und man mich so mochte. Und dann bin ich auch privat in solche Figuren hineingerutscht und wurde immer blonder.

In den Augen Ihres Publikums führten Sie ein mustergültiges Leben: Debüt am Burgtheater mit zwanzig, Heirat mit 21, Mutter mit 22.
Von außen gesehen war das alles watscheneinfach, wie man in Österreich sagt. Das Komplizierte war mein privater Weg.

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Der Mann, den Sie 1962 geheiratet haben, sagte Sätze wie: »Die Frau ist die Ebene, der Mann will zum Gipfel.« Oder: »Ein Huhn ist kein Vogel, eine Frau ist kein Mensch.«
Das war der Udo Proksch. Und der war ein ganz faszinierender Kerl, ein sprühender Mensch, der mich mit seiner Ideenfülle und Unbekümmertheit anzog. Ich war ja eher brav und pflichterfüllt. Obwohl er ein kleiner, klobiger Mann mit breitem Gesicht war, sind ihm die Frauen buchstäblich nachgerannt. Diesen seltsamen, leicht verrückten Menschen habe ich sehr geliebt. Die Ehe war sehr schwierig. Er war immer unterwegs und hat mich ständig beschissen. Und er wurde Alkoholiker. Das war das Schlimmste. Im Alkohol hat er mich zweimal wirklich verprügelt. Was mich da gerettet hat, und das sage ich mit großer Zuneigung, war der Helmut Griem, mit dem ich beim Drehen von Bel Ami eine Affäre hatte. Diese Beziehung gab mir die Kraft, mich von meinem Mann scheiden zu lassen. Ich habe dann seinen Abstieg in die totalen Alkoholverwüstungen miterlebt und wie er sich da wieder rausgerappelt hat.

Stimmt es, dass Sie während Ihrer Ehe zur Waffe gegriffen haben?
Ja. Er hatte immer Waffen herumliegen. Einmal war er so eklig zu mir, dass ich ein Gewehr genommen habe. Ich trug einen schwarzen Unterrock und bin ihm leise keuchend durchs Treppenhaus gefolgt. Als er die Tür zuschlug, habe ich mit dem Gewehrlauf das Türglas durchstoßen. Wir schauten uns durch die Scherben an, lachten und sind einträchtig wieder hinaufgegangen.

Proksch war Aktionskünstler, Wiener Gesellschaftslöwe und millionenschwerer Chef der Hofzuckerbäckerei Demel. 1977 ließ er den Frachter Lucona im Indischen Ozean sprengen, um von der Versicherung 15 Millionen Euro zu kassieren – wegen Mordes an den sechs Seeleuten, die dabei ums Leben kamen, wurde er später zu lebenslanger Haft verurteilt.
Die Frage seiner Schuld oder Unschuld habe ich kaum an mich rangelassen. Das war seine Sache.

Kann man seinem wegen sechsfachen Mordes verurteilten Exmann neun Jahre lang in der Besucherzelle eines Gefängnisses gegenübersitzen, ohne ihm einmal die Schuldfrage zu stellen?
Ich konnte das. Er ist der Vater meines einzigen Kindes. Als er in Haft war, hatten wir wunderbare Gespräche. Erst das Gefängnis befreite seinen wahren Charakter, und wir begegneten uns wieder mit der Liebe, die wir als junge Menschen füreinander empfunden hatten.

Aus Ihrer heutigen Sicht: Ist Proksch ein Mörder?

Er war wirklich kein schuldloser Mensch, aber an diese Schuld glaube ich nicht.

Wie ist Ihre Tochter Anna damit zurechtgekommen, einen verurteilten Mörder zum Vater zu haben?
Die Anna war mutig und stolz, aber die Situation mit ihrem Vater hat ihr sehr wehgetan. Als ich gefragt wurde, ob ich als Bundespräsidentin kandidieren wolle, sagte sie: »Der Vater lebenslänglich in Haft, die Mutter wird vielleicht Bundespräsidentin – ich habe vielleicht Eltern!«

Hat Anna ihren Vater im Gefängnis besucht?

Ständig. Sie hat ihn ja so sehr geliebt. Und sie wurde sein Halt, sein Alles.
Sven Michaelsen

, 53, erfuhr beim Treffen mit Pluhar, dass ihr Exmann Udo Proksch Gründer des »Clubs der senkrecht Begrabenen« war. Um auf Friedhöfen Platz zu sparen, sollten die Leichen in Plastikröhren von einem Meter Durchmesser senkrecht in den Boden eingelassen werden. Der Werbeslogan für diesen Stehplatz der letzten Ruhe lautete: »Wir lassen uns nicht aufs Kreuz legen!«

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