aus Heft 41/2011 Meikes Reisebüro 4 Kommentare
Seufz
Bei Jauch gewinnen, um die Welt gondeln, völlig frei sein: Wie ist es, wenn man das Leben führt, von dem alle träumen? Unsere Autorin beantwortet die Frage in einem Brief an ihre Kollegin.
Von Meike Winnemuth Illustration: Dirk Schmidt
Liebe Susanne,
wie es mir geht, fragst Du? Ich glaube, keine Frage macht mir derzeit, nach neun Monaten, so viel Kopfzerbrechen wie diese. Die kurze Antwort – die für alle anderen – lautet: großartig. Sensationell. Wie auch anders bei so viel unverschämtem Glück? Eine halbe Million beim Jauch gewonnen! Ein ganzes Jahr auf Weltreise unterwegs, jeden Monat in einer anderen Stadt! Besser geht’s nicht – das ist der Jackpot, auf den wir alle ein Leben lang warten, die meisten vergeblich.
Aber Du bekommst die lange Antwort, und die dauert ein bisschen. Ich erzähle Dir mal zwei Szenen, beide aus Hawaii, dann weißt Du, was ich meine. Szene 1: Ich hatte den Vormittag in der Villa von Doris Duke verbracht, einer Millionenerbin und Kunstsammlerin, die sich in den Dreißigerjahren an einer der schönsten Ecken der Insel Oahu niedergelassen hatte, umgeben von einer spektakulären Sammlung islamischer Kunst. Ihr Haus nannte sie »Shangri La« – und so war es auch. Ich bin quasi auf Knien durch die Räume gerobbt, es war überwältigend schön. Dann saß ich im Café der Honolulu Academy of Arts unter Bäumen, blätterte immer noch hingerissen und dankbar in einem Buch über »Shangri La«, aß Mahi-Mahi mit Sobanudeln und trank ein Glas Weißwein (am helllichten Tag!). Eine Kellnerin blieb vor meinem Tisch stehen, guckte mich an und sagte: »I’d like to be you.« Und ich dachte: aber selbstverständlich. Wer sonst sollte man sein wollen? Kann es ein besseres Leben geben?
Szene 2, kurz vor meiner Weiterreise nach San Francisco. Ich gehe in aller Herrgottsfrühe den menschenleeren Strand von Hunakai entlang. In der Ferne sehe ich einen Mann an der Flutkante stehen, zu seinen Füßen einen Retriever, er guckt aufs Meer, er steht ganz still. Ich passiere ihn nickend, er nickt zurück. Eine Viertelstunde später, auf dem Rückweg, sehe ich ihn immer noch da stehen, immer noch aufs Meer schauend. Und ich stelle mir vor: Der kommt jeden Tag hierher, er hat bestimmt ein Haus in der Nähe. Er geht jetzt heim und frühstückt im Garten. Abends geht er noch mal mit dem Hund raus, wieder hierher. Der hat ein richtiges Leben, denke ich, und ich bin überall nur auf der Durchreise, ohne irgendwohin zu gehören. Ich bin jetzt fünf Monate unterwegs, Sydney, Buenos Aires, Mumbai, Shanghai, Honolulu – ein Traum. Und plötzlich ein Albtraum. Ich gehe an ihm vorbei und sage ihm dasselbe, was mir die Kellnerin gesagt hat: »I’d like to be you.« Er guckt verwirrt, sagt aber »Thank you«, als ob er genau weiß, was ich meine.
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Und jetzt frage ich Dich, Susanne: Bitte, wie kann das sein? Dass ich selbst im schönsten, begehrenswertesten Leben der Welt immer mal wieder Sehnsucht nach einem ganz anderen habe? Bin nur ich so? Sind wir alle so? Kommt man nie aus dem Wünschen heraus, nicht mal unter Palmen? Das ist doch zum Verzweifeln.
Ich komme nur darauf, weil Du mich fragtest, ob mir was zu Eurem Heftthema »Das gute Leben« einfällt. Ich kann Dir sagen: Dies ist das beste Leben, das ich je hatte. Aber ist es auch ein gutes? Oder vielleicht sollte ich besser fragen: Bin ich gut genug dafür? Ich erinnere mich noch genau daran, dass ich nach der Aufzeichnung der Wer wird Millionär?-Sendung wie betäubt auf dem Hotelbett saß und meine beste Freundin Katharina, die als Begleitperson dabei war, immer nur fragte: »Was mache ich jetzt bloß? Was will das Geld von mir?« Sie sagte das Einzige, was man in so einer Situation sagen kann: »Wir gehen erst mal Spaghetti essen. Der Rest ergibt sich.« Es war fast eine Bürde, das Richtige mit diesem Glücksfall anzufangen. Eine Reise, natürlich. Eine einjährige Auszeit. Freiheit! Abenteuer! Alle klopften mir auf die Schulter und sagten, es werde das beste Jahr meines Lebens. Und dann saß ich im Januar in Sydney und fühlte mich wie ein Zootier, das ausgewildert werden soll, aber nicht raus will aus seiner Transportkiste da in der Savanne. Eine Freundin schrieb tröstend: »Jedem Anfang wohnt ein Zaudern inne.« Mag sein. Komisch trotzdem, dass wir uns auch mit dem Anfangen von Glück so schwer tun.
Hattest Du je im Leben eine längere Zeit ganz für Dich allein, in der Du tun und lassen konntest, was Du wolltest? In der Du nicht das Gefühl hattest, funktionieren zu müssen? Ich sage Dir, es ist furchteinflößend. Es hat eine Weile gedauert, bis ich sozusagen freihändig laufen konnte – das Funktionierenmüssen ist ja nicht nur ein Gehege, sondern auch ein Geländer, an dem man sich entlanghangeln kann. Glaub mir: Freiheit ist erst mal eine Zumutung. Keiner von uns hat gelernt, wie das geht. Oder wir haben es verlernt. Vor vielen Jahren, mit sechs, bei der Überreichung unseres ersten Stundenplans.
Also: Was fängt man mit sich an in so einem Jahr der totalen Freiheit? Welche Spielregeln gibt man dem Leben fern jeder Sozialkontrolle? Wie füllt man die Tage, wie hält man sich davon ab zu verwahrlosen, gar nicht erst aufzustehen, nachmittags die erste Flasche Rotwein zu entkorken – ist egal, guckt ja keiner? Die Antwort ist: indem man genau das erst mal tut. Und dann feststellt, dass es super ist. Für ziemlich genau drei Tage. Danach macht es keinen Spaß mehr, zumindest mir nicht.
Ich habe schnell gemerkt: Das gute Leben, das für mich gute Leben, ist nichts anderes als eine Exportversion meines Lebens zu Hause. Ich arbeite weiter, das weißt Du ja, oft mehr, als mir lieb ist – nur steht mein Schreibtisch jetzt halt jeden Monat in einer anderen Stadt. Ich mache im Wesentlichen dasselbe wie zu Hause – schreiben, lesen, essen, Leute treffen –, aber dadurch, dass ich es an immer neuen Orten tue, wird es immer wieder anders. Ich lese viel; ich lerne, was ich schon immer lernen wollte: Spanisch in Buenos Aires, Ukulele auf Hawaii, Tauchen in Israel. Die Welt, meine Fernuniversität.
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Macht die das ganz allein? Das waere ja mal traurig