aus Heft 44/2011 Musik 1 Kommentar
»Legen Sie sich nie mit dem Gitarristen an!«
Kaum eine Partnerschaft im Pop ist erfolgreicher als die der U2-Musiker Bono und The Edge. Aber deswegen gleich Freunde sein? Ein offenes Gespräch.
Von Lars Jensen (Interview) Illustration: Philip Burke
Bono und The Edge sitzen im Separee eines Restaurants in Toronto und studieren mit Kennermiene die Weinkarte. Am Vorabend hat das Toronto Film Festival mit »From The Sky Down« begonnen, einer melodramatischen Dokumentation über die Entstehung des Albums »Achtung Baby« 1991 in Berlin. U2 standen damals kurz vor der Auflösung, im Film ist nun zu sehen, wie sich die vier Männer wieder zusammenrauften. Dem Regisseur Davis Guggenheim wurde Zugang zum kompletten Archiv der Band gewährt, so entstand ein überraschend offenherziger Film über versiegende Kreativität und die Eitelkeiten junger Männer, die zu schnell zu viel erreichten. Bono und The Edge, bei der Premiere anwesend, bekamen vom Publikum stehende Ovationen.
Was noch wichtig ist: Im Sommer ging ihre zweijährige »360°«-Tour zu Ende, es war wieder einmal die größte aller Zeiten, mit 7,1 Millionen Zuschauern und Einnahmen von über 500 Millionen Euro. Der Wein wird eingeschenkt, Bono und The Edge riechen an ihren Gläsern und warten grinsend auf die Fragen.
SZ-Magazin: Gute Laune, die Herren?
The Edge: Immer wenn wir eine Tour hinter uns haben, freue ich mich meines Lebens.
Das Publikum war gestern begeistert von dem Film From The Sky Down. Gefällt er Ihnen auch?
The Edge: Sagen wir so: Der Film hat uns überrascht. Der Regisseur Davis Guggenheim hat das Dilemma, in dem wir damals gesteckt haben, zu einer allgemeingültigen Geschichte verarbeitet. Wir hatten ihm während des Schnitts ein paar Ideen und Vorschläge geschickt – er ignorierte sie. Jetzt ist es ein Davis-Guggenheim-Film, kein U2-Film. Umso besser.
Bono: Für mich war es schmerzhaft, im Kino zu sitzen. Ich hasse es, mich zu erinnern. Ich höre unsere alten Alben nie und blicke nicht zurück, weil ich immer zusammenzucke, so schlecht finde ich unsere Musik.
The Edge: Das meint er ernst. Er hasst fast alle Lieder von U2.
Bono: Aber jetzt haben wir die unveröffentlichten Stücke und Versionen von Achtung Baby für eine Jubiläumsedition des Albums gesammelt, und einige Songs gefallen mir geradezu. Heaven And Hell, Blow Your House Down. Sogar Who’s Gonna Ride Your Wild Horses klang besser, als ich es in Erinnerung hatte. Könnte man heute veröffentlichen, und jeder würde es für einen Song von 2011 halten.
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Nach 35 Jahren gemeinsamer Arbeit gefallen Ihnen drei Lieder?
The Edge: Wir schließen unsere Lieder nicht ab, wir veröffentlichen sie irgendwann. Bono hört nur die Pannen.
Bono: Miss Sarajevo ist einer der wenigen Songs, bei denen ich nicht zusammenzucke. The Edge: Am schlimmsten ist es, wenn in der Disco Sunday, Bloody Sunday kommt und sich schlagartig die Tanzfläche leert. Habe ich ein paarmal miterlebt.
Ich glaube, ich verstehe U2 besser, seit ich neulich in Dublin mit meiner anderthalbjährigen Tochter auf einen Spielplatz gegangen bin. Sie hat einen Jungen gekniffen, darauf hat dessen Mutter geschrien: »Nächstes Mal haust du der Schlampe eine rein!«
Bono: Die Geschichte glaube ich sofort. Wir sind in Dublin die längste Zeit unserer Karriere geprügelt worden, bis wir am Boden lagen.
The Edge: Dublin war schon immer ein Ort des Faustrechts. Man muss aufpassen, was man sagt.
Bono: Meine Güte, habe ich oft auf die Fresse bekommen.
Weil Sie eine große Klappe haben?
Bono: Ja, ein paarmal habe ich einfach meinen Mund nicht halten können. In Irland gibt es überall diese Aggressionen, die sich dort aufstauen, wo du eine verfallende Arbeiterkultur hast. Schauen Sie sich John Lennon an oder die Gallagher-Brüder von Oasis, deren Vorfahren kommen aus Irland, also sind die im Grunde auch alle irisch. Das geht so: »Was hast du gesagt?« Und wumms, hast du eine sitzen. Ich bin in einer Straße aufgewachsen, die gar nicht so heruntergekommen war. Aber sie lag zwischen zwei gefährlichen Vierteln. Extreme Wut, überall, jederzeit.
Ist das der Grund für Ihre eigenen Aggressionen?
The Edge: Er hat seine Aggressionen noch nie gerechtfertigt. Wenn er ausrastet, bringen wir uns einfach in Sicherheit und warten, bis er abkühlt.
Wer sorgt in der Band für den Ausgleich?
The Edge: Das bin ich. Aber auch meine Geduld hat Grenzen.
Bono: Das ist doch die Idee von Rock ’n’ Roll: Wut und Zorn in eine Melodie umzuwandeln! The Who waren wütend, The Clash ebenso. Die Beatles bestehen nur aus Zorn: »I saw her standing there – FUCK OFF!«
Sie fühlten sich früher genauso?
Bono: Ende der Achtziger war ich extrem undiszipliniert. Der Erfolg stieg mir zu Kopf. Es ging so weit, dass man für mich hinter der Bühne einen Sandsack aufhängte, den ich nach Konzerten verprügelte; Energie schoss durch meinen Körper, als würde ich mit den Händen in einer Steckdose stecken. Ein Mädchen arbeitete in unserer Garderobe, sie hat versucht, meine verschwitzten Haare zu trocknen, während ich auf dem Stuhl zappelte wie ein Idiot. Da nahm sie den Föhn und schlug ihn mir über den Hinterkopf.
The Edge: Hat das geholfen?
Bono: Sie tat, als wäre nichts passiert, und föhnte einfach weiter.
- Seite 1: »Legen Sie sich nie mit dem Gitarristen an!«
- Seite 2: »Von null bis zehn: Wie hoch war damals die Wahrscheinlichkeit, dass U2 sich trennen würden?« »Neun.«
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20 Uhr 56
Abbeeerrrrr... super wäre es, wenn man sowas mit O-Ton als Video bereitstellt !
Ich denke die Zeiten, in denen man sich seitenlange übersetzte
Interviews im Internet durchliest sind auch langsam vorbei...