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aus Heft 45/2011 Frauen 5 Kommentare

Material Girl

Seit drei Jahren ist Sheryl Sandberg Geschäftsführerin von Facebook. Während andere noch die Fragen von gestern stellen (Wie hat sie es als Frau so weit nach oben geschafft?), gibt sie längst die Antworten von morgen - und macht ihre Firma zum profitablen Unternehmen.

Von Ken Auletta  Foto: AFP





Mark Zuckerberg erkannte im Jahr 2007, dass er dringend Hilfe brauchte: Facebook, das von ihm gegründete soziale Netzwerk, wuchs so schnell, dass er sich mit seinen 23 Jahren überfordert fühlte. Bei einer Weihnachtsparty im Silicon Valley lernte er eine Frau kennen, die ihm bereits empfohlen worden war: Sheryl Sandberg, 15 Jahre älter als er und Topmanagerin bei Google im Rang einer Vizepräsidentin. Zuckerberg hatte sie nie angerufen, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass jemand in ihrer Position die Brocken für ein Unternehmen hinschmeißen könnte, das kaum etwas erwirtschaftete. Doch Sandberg war einem Wechsel nicht abgeneigt, da Google ihrem Wunsch, in der Hierarchie aufzusteigen, nicht entsprochen hatte.

Drei Monate später bot Zuckerberg ihr an, bei Facebook Geschäftsführerin zu werden. Seine Überlegung: »Es gibt Menschen, die gute Manager sind und mit großen Organisationen klarkommen. Und es gibt Menschen, die eher analytisch strukturiert sind und Strategien entwickeln. Beides zusammen findet man selten in ein und derselben Person, und ich selbst sehe mich eher im zweiten Lager.«

Als Sandberg im März 2008 bei Facebook anfing, waren manche Insider skeptisch. Als ehemalige Managerin eines Großkonzerns passte sie möglicherweise nicht zu einem Newcomer, außerdem war es für eine Frau gewiss nicht leicht, in einem Unternehmen Erfolg zu haben, das – wie die gesamte Kultur des Silicon Valley – von Männern dominiert wurde. Sie selbst zerbrach sich über etwas ganz anderes den Kopf: »Die Frage, die am dringendsten beantwortet werden musste, lautete: Wie können wir jemals Gewinn machen?«

Wie bei Google ein Jahrzehnt zuvor waren auch bei Facebook die Entwickler vor allem daran interessiert, eine coole Website ins Netz zu stellen, die Gewinne würden sich schon einstellen. Am logischsten erschien es, auf Werbeeinnahmen zu setzen, doch das kollidierte mit dem Umstand, dass die Mitglieder von Facebook ihre Seiten für etwas Privates hielten und nicht durch Werbung belästigt werden wollten, während sie mit ihren Freunden kommunizierten. Manche sagten Facebook deswegen schon das Schicksal von Myspace voraus, jenes mittlerweile fast schon wieder vergessenen Netzwerks, das wie ein Komet geleuchtet hatte, ehe es rasend schnell wieder verglühte. Nach exzessiven internen Debatten entwickelte Sandberg ein Geschäftsmodell, das zwar auf Anzeigen setzte, diese aber so unaufdringlich wie möglich platzierte. 2010 war das Unternehmen, das bei Sandbergs Eintritt 2007 noch viel Geld verbrannt hatte, profitabel geworden. Innerhalb von drei Jahren hatte sich Facebook von 130 auf 2500 Mitarbeiter vergrößert, die Zahl seiner Mitglieder auf 700 Millionen verzehnfacht.

Sandberg, 1969 als Tochter einer Französischlehrerin, die ihren Beruf für ihre drei Kinder aufgegeben hatte, und eines Augenarztes geboren, hatte in Harvard Wirtschaftswissenschaften studiert und den Kurs für Wirtschaft im Öffentlichen Sektor beim späteren US-Finanzminister Lawrence Summers belegt. Summers war von ihren Leistungen so beeindruckt, dass er zu ihrem Mentor wurde, sie als Assistentin zur Weltbank holte und schließlich zu seiner Stabschefin in Washington machte. Nachdem die Demokraten 2000 die Wahlen verloren hatten, zog Sandberg ins Silicon Valley, an jenen Ort, an dem die digitale Revolution am aufregendsten war, und gab Ende 2001 dem Buhlen von Google nach. Das Unternehmen war damals gerade drei Jahre alt und hatte noch lange keinen überzeugenden Businessplan, dafür die kühne Vision, »das Wissen der Welt allen Menschen zugänglich zu machen«. Schnell wurde Sandberg im Unternehmen unentbehrlich. Sie machte Googles Anzeigengeschäft profitabel und überwachte einen Millionendeal mit AOL, als das damals noch mächtige Internetportal Google zu seiner Suchmaschine machte.

2005 hatte Sandberg, wie sie es nennt, einen »Aha-Moment«. Das Wirtschaftsmagazin Fortune hatte sie zu seinem alljährlichen »Most Powerful Women Summit« eingeladen. Sie nahm an, beklagte sich aber bei der Organisatorin über den etwas hochtrabenden Namen der Veranstaltung. Die konterte mit der Frage, was denn so falsch daran sei, wenn Frauen Einfluss hätten.

Im selben Jahr bekam Sandberg, die sich irgendwann in ihren besten Freund Dave Goldberg verliebt und ihn geheiratet hatte, ihr erstes Kind, inzwischen sind es zwei. Mit der eigenen Work-Life-Balance beschäftigt, begann ihr aufzufallen, wie viele Frauen bei Google und in anderen Unternehmen aus dem Arbeitsleben ausschieden, sobald sie Mutter wurden – auch weil ihr Kinderwunsch sie davon abgehalten hatte, sich für Positionen ins Zeug zu legen, die ihnen wirklich etwas bedeuteten. Während ihrer sechs Jahre bei Google hatte sie unzählige Männer und Frauen eingestellt. Die Männer, erzählt sie, »kamen voran, sie kratzten ständig an den Türen, um neue Herausforderungen, Beförderungen, die nächste große Aufgabe zu bekommen. Die Frauen waren ganz anders. Man musste sie zu neuen Aufgaben schubsen, fragen, ob das nichts für sie wäre.«

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Bei all den progressiven neuen Unternehmen – Facebook, Twitter, Zynga, Groupon, Foursquare – sitzt keine einzige Frau im Verwaltungsrat. PayPal kommt auf eine Frau im fünfköpfigen Spitzengremium, bei Amazon ist es eine von acht, bei Google sind es zwei von neun. Auf die Frage, warum bei Facebook nur Männer im Verwaltungsrat sitzen, sagt Mark Zuckerberg: »Ich interessiere mich für Leute, die Facebook weiterhelfen können, und es kümmert mich nicht besonders, welches Geschlecht sie haben. Ich hake bei Personalentscheidungen ja keine Checklisten ab.«

Dass es im Silicon Valley so wenige weibliche Spitzenmanager gibt, liegt auch daran, dass nur wenige Frauen Programmiererinnen werden. Schon Mädchen sind davon überzeugt, Software, Videospiele und Programmieren seien Jungs-Domänen, und Marissa Mayer, Vizepräsidentin bei Google, sagt: »Sie fühlen sich vom Stereotyp des blassen Hackers abgestoßen, der die ganze Nacht über Codes brütet.«

Im Dezember 2010 hielt Sandberg bei der einflussreichen TEDWomen Conference einen Vortrag über den Umstand, dass es zu wenige Frauen in Spitzenpositionen gibt. Die von ihr genannten Zahlen sind entmutigend: Obwohl inzwischen Frauen mehr Universitätsabschlüsse und Doktortitel erwerben als Männer, schaffen sie es noch immer nicht nach ganz oben. Von weltweit 190 Regierungschefs sind bloß neun Frauen, unter den Parlamentariern der Welt haben die Frauen einen Anteil von nur 13 Prozent, und im Geschäftsleben nehmen Frauen lediglich etwa 15 Prozent der Spitzenpositionen ein.

Kommentare

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Kommentar:

  • Philipp Schaller (0) Kann mir bitte jemand helfen, ich verstehe den letzten Satz nicht: "Doch meist ist das Gegenteil der Fall, so auch bei Sheryl Sandberg: Unser Autor ken auletta ? eine Bestätigung dafür, welche Hochachtung ihr in der Firma entgegengebracht wird."
    Ich verstehe ihn inhaltlich nicht. Ist der Autor Ken A. eine Bestätigung für die Hochachtung, die Sheryl S. entgegengebracht wird? Vielleicht kann mir jemand auf die Sprünge helfen und den Knoten lösen. Danke!
  • Pepper Mint (0) Karrieregeile Individualisten ist was die Welt dringend vermisst!!!! Mehr davon! Wer sich dabei noch emanzipiert vor kommt; Beileid!
  • Bianca Öller (2) Ein guter Artikel und eine schöne Inspiration für Karrierefrauen. Trotzdem ist es nicht sinnvoll, so zu tun als ob der Weg von Sheryl Sandberg für alle Frauen der richtige wäre.

    Wer selbst ein Kind hat, weiß, dass vieles besser funktioniert wenn nicht beide Elternteile ihre Karriere in den Vordergrund stellen. Nur wenn zumindest einer immer bereits ist, zurückzustecken und für das Kind da zu sein, entsteht eine gute Eltern-Kind-Beziehung. Und gerade als Frau ist es bei den meisten auch so, dass man - sobald ein Kind da ist - wirklich gerne für dieses Kind da ist und man kein Problem damit hat, im Beruf zurückzustecken. Das ist in dem Moment für alle Beteiligten das richtige.

    Zudem sit es auch bei Männern so, dass nicht alle Männer Karrieristen sind. Auf Führungsebene sicher - aber die Welt besteht eben nur zu einem sehr kleinen Teil aus Führungskräften und auf den Ebenen darunter gibt es jede Menge Frauen und Männer, die sich nicht zu Höherem berufen fühlen. Auch das ist in Ordnung. Es kann nicht das einzige Glück der Welt sein, Karriere zu machen und Unmengen an Geld zu verdienen. Ein sicheres Leben mit einem guten (aber vielleicht mittelmäßigen) Job, dafür mit vielen Freunden und einer glücklichen Familie kann mindestens genauso erfüllend sein.

    Summa summarum: Jeder Mensch ist anders. Der Lebensweg von Sandberg ist interessant, aber bestimmt nicht für jede andere Frau nachahmenswert.
  • Janna Sonnenstein (0) Guter Artikel.

    Trotzdem finde ich persönlich es oft nicht motivierend, von solchen Karrierefrauen zu lesen. Und warum? Weil ich mich mit diesem Typ Frau nicht identifizieren kann ? ein Typ Frau, der hart, entschlossen und opferbereit ?wie ein Mann? rüberkommt. Typ ?Karrierist? eben ? alles wird hinter die Karriere gestellt, so anscheinend auch die Familie. So sagt ja auch diese Dame »Ich selbst habe ein schlechtes Gewissen meinen Kindern gegenüber«, sagt sie, »weil ich so viel Zeit mit Arbeit verbringe.« Zu recht, wie ich finde. Kinder sollten nicht hinter die Karriere gestellt werden. Weder von Papi noch von Mami. Wenn man sich für Kinder entscheidet, sollte man sich zu dieser Entscheidung mit all ihren Konsequenzen bekennen. Dies zu ermöglichen ist Aufgabe der Politik und der Gesellschaft. Stichwort work-life-balance. Meiner Meinung nach brauchen wir nicht nur mehr Betreuungsplätze, sondern auch andere Arbeitsplatzmodelle. Gerade Manger müssen oft 60 h und mehr ihrem Unternehmen widmen ? wo soll da noch Platz für Familie und anderes sein?

    Wir kennen die Zahlen ? nach wie vor gibt es zu wenige Frauen in Spitzenpositionen. Und das obwohl ?inzwischen Frauen mehr Universitätsabschlüsse und Doktortitel erwerben als Männer?. Was kann man daraus schließen?
    Wenn es nicht an der mangelnden Ausbildung liegt, dann vielleicht an fehlenden Eigenschaften? Doch um welche Eigenschaften geht es da? U.a. eine gewisse Risikofreudigkeit, selbstbewusstes Auftreten, Durchsetzungsfähigkeit ? ja vielleicht sogar eine Form von Dominanz. Ja nun ? werden diese Eigenschaften bei Frauen gefördert? Nein. Zwar sind wir nicht mehr in dem Zeitalter, in dem Mädchen zum Heimchen am Herde erzogen wurden. Doch ist es immer noch so, dass selbstbewusst auftretende Frauen mit viel Gegenwind zu kämpfen haben ? von der Männerwelt, die es immer noch nicht gewohnt ist, sich etwas von einer Frau sagen zu lassen. Und von anderen Frauen, die vielleicht mit Neid auf die starke Persönlichkeit ihrer Mitstreiterin blicken. Man kann nur hoffen, dass die Mädchen von heute mehr Rotzgöre, Ronja Räubertochter oder Pippi Langstrumpf sein dürfen ? starke Individualistinnen, Anführerinnen, Revolutionärinnen. Und vielleicht die Vorstandsvorsitzende von morgen.

    Ein dritter Punkt ist auch der, dass Frauen sich vielleicht öfters selbst im Weg stehen. Um das Klischee zu bedienen, wage ich hier einmal zu behaupten, dass Frauen den sozialen Beziehungen in ihrem Leben tendenziell mehr Bedeutung beimessen als Männer. Soziale Beziehungen ? Freundschaften, Partnerschaft, Familie ? benötigen jedoch viel Zeit und Energie. Die fehlt dann zwangsläufig woanders.

    Ich glaub es geht also um mehr, als nur Kinderbetreuung, einen Mentor zu haben und die richtigen Fragen zu stellen, auch wenn dies ohne Zweifel wichtige Voraussetzungen sind!
  • Regina Bormann (1) Frauen aller Länder - lest diesen Artikel !!!