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aus Heft 50/2011 Wirtschaft/Finanzen

Ohne jede Bodenhaftung

Harald Welzer  Foto: Getty

Unsere Wirtschaft kennt nur drei Ziele: Wachstum, Wachstum, Wachstum. Das wird uns eines Tages das Kreuz brechen.

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Wie bitte, die Flugmango ist aus? Die Produktvielfalt in unseren Supermärkten ist für uns zur Selbstverständlichkeit geworden.

Wir wissen schon lange, sehr lange, dass es so nicht ewig weitergehen kann. Mit der Umwelt. Mit den Schulden. Mit dem Wachstum. Es war der Club of Rome, der bereits vor vierzig Jahren darauf hinwies, dass unser Wachstumsglaube irgendwann an natürliche Grenzen stoßen wird. Uns ist längst klar, dass Wachstumswirtschaften die Hauptverantwortung für die Übernutzung der natürlichen Ressourcen und den Klimawandel tragen. Wir wissen, dass unser Wohlstand auf dem Vertrauen in immer noch mehr Wachstum aufbaut. So haben die Industrienationen zig Billionen Dollar von Staatsschulden aufgetürmt, in der Hoffnung, dass die kommenden Generationen das irgendwie zurückzahlen werden.

Umweltminister Norbert Röttgen hat kürzlich ein schönes Wort gefunden für die Rücksichtslosigkeit, mit der wir einfach weitermachen wie bisher, er nennt es »Gegenwartsegoismus«. Das Problem ist erkannt und benannt. Und doch wagt keiner, Wachstum als Prinzip ernsthaft infrage zu stellen, denn man würde damit automatisch die geläufigen Verkehrsformen der Geld- und Kreditwirtschaft - und damit den Kapitalismus und die Welt, die zu ihm gehört - infrage stellen. Es ist, als rühre man an ein Naturgesetz. Auch jetzt, wo der Euro bröckelt und die Welt erneut vor einer Wirtschaftskrise steht, glauben die Experten immer noch, dass Schulden am besten mit noch mehr Schulden zu bekämpfen sind. Steckt dahinter nur Ignoranz, oder ist da etwas in unseren Köpfen, was uns blind macht?

Wachstum als wirtschaftliche Leitvorstellung, das Glaubensbekenntnis aller lebenden Politiker und Wirtschaftsweisen, die Zivilreligion aller Industrienationen, ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist gerade mal zwei Generationen alt. Zur ökonomischen Leitwährung wurde das Wachstumsdenken erst im Kalten Krieg, weil man ja irgendwie messen musste, ob nun Kommunismus oder Kapitalismus das sportlichere System war. In den westlichen Gesellschaften der Nachkriegszeit war Wachstum das Instrument des sozialen Ausgleichs: Wenn die Wirtschaft nur ordentlich wächst, gibt es für alle, auch für die Arbeiter, mehr zu verdienen und damit ein besseres Leben.

Der Wachstumsgedanke steckt schon in den Vorstellungen über uns selbst. Nur: Wie ist er dort hineingekommen? So etwas wie eine Biografie, ein selbst gestaltbarer Lebenslauf, war für Menschen vor der industriellen Revolution ein Luxus, den sich nur wenige leisten konnten. Unter vormodernen Verhältnissen herrschten göttlicher Wille und fest gefügte Ordnung. Das Leben der meisten Menschen verlief in vorgezeichneten Bahnen: Man lebt, arbeitet, heiratet und stirbt so, wie es von Geburt festgelegt ist; erst mit dem massenhaften Arbeitskräftebedarf der neu entstehenden Industrien im 19. Jahrhundert wird die Loslösung aus der Vorbestimmung möglich: Die Menschen werden »frei, ihre Haut zu Markte zu tragen«, wie Karl Marx gesagt hat. Erst damit werden sie verantwortlich für ihre eigene Biografie. Zu dieser Zeit entsteht auch erstmals eine Pädagogik, die von der Vorstellung getragen ist, dass die »Anlagen« der Kinder unter bestimmten Bedingungen besser oder schlechter »entwickelt« werden können. Der Mensch ist jetzt nicht mehr, wie er eben ist, sondern kann etwas aus sich machen. Er wird seines Glückes Schmied. Er kann sich bilden, sich entfalten, etwas erreichen. Ich wachse, also bin ich.

Obwohl wir das heute als selbstverständlich erachten, bedurfte es erst einer Geschichte der Disziplinierung, bis man als Mensch tatsächlich jene Eigenschaften haben wollte, die eine Industriegesellschaft zum Funktionieren braucht. Pünktlichkeit, Selbstdisziplin, Verlässlichkeit und Berechenbarkeit sind notwendig, wenn Schornsteine rauchen und Fließbänder laufen sollen, besonders dann, wenn der Warenverkehr Liefertermine vorsieht. Noch während des 19. Jahrhunderts werden Arbeiter mit der Peitsche dazu angehalten, ihre zwölf Stunden in der Fabrik abzuleisten. Wer am »blauen Montag« nicht zur Arbeit erscheint, wird oft regelrecht dahin geprügelt.

Erst mit dem Kampf um die Arbeitszeit wird der heutige Achtstundendreiklang aus Schlafen, Arbeiten, Erholen zur scheinbar natürlichen Zeitnorm, in die alle Gesellschaftsmitglieder, vom Kleinkind bis zur Oma, eingetaktet sind. Heute ist nicht mehr die Verkürzung der Arbeitszeit, sondern der Besitz von Arbeit der selbstverständliche Zweck aller Anstrengung - einem Arbeiter des 19. Jahrhunderts, der das Arbeiten noch als fremdbestimmte Zumutung empfand, wäre das ziemlich pervers vorgekommen. In Zeiten permanenter Online-Erreichbarkeit ist das Recht auf Müßiggang nichts als eine bizarre Vergangenheit.

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Die Verwandlung der Außenwelt durch die industrielle Revolution ging einher mit der Verwandlung der Innenwelt. Die Werte Selbstverantwortung, Disziplin, Wille werden nun schon für den Heranwachsenden bedeutsam, denn er kann nicht nur »etwas aus sich machen« - er muss. Wilhelm von Humboldt nennt es »in sich selbst so viel Welt als möglich zu ergreifen« - und dieser nach innen verlegte Maximalismus erzeugt einen wachsenden Druck, auch mit sich selbst und seinem Leben ökonomisch umzugehen. Das Leben kann jetzt mehr oder weniger erfolgreich »geführt« werden, so wie man ein Unternehmen führt, und solche Lebensführung erfordert Kontrolle, Maß und Beobachtung.

So wird das Selbst zu einer permanenten Entwicklungsaufgabe mit festgelegten Stufen und Zielen. Zeit wird zur entscheidenden Kategorie: Mache ich genug aus mir? Was kann, was muss ich herausholen aus meiner Lebenszeit? Lag die durchschnittliche Lebenserwartung der Weltbevölkerung um 1800 bei 30 Jahren, betrug sie im Jahr 2000 bereits 67 Jahre, mit deutlichen Ausschlägen nach oben in den Industriegesellschaften. Der immer weiter hinausgeschobene Horizont der Lebenszeit befördert die Vorstellung, auch diese bestehe in einem Prozess beständigen Anwachsens. Wer seiner eigenen Lebenszeit das Maximale abgewinnen muss, sieht sich nicht mehr in einen Generationenzusammenhang eingebunden, in dem die eigene Lebenszeit nur eine Episode in aufeinanderfolgenden und aneinandergebundenen Leben ist, sondern hat nur noch sein eigenes, einzelnes Leben. Auch darum gilt es, möglichst viel aus der verfügbaren Lebenszeit zu machen, möglichst viel Zeit zu sparen, zu nutzen, zu akkumulieren. Das Leben ist zum Wettlauf geworden, zur Hatz nach der besten Option.
Harald Welzer

, 53, ist der bekannteste Sozialpsychologe Deutschlands und war lange im Wissenschaftsbetrieb wie dem Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen tätig. Künftig widmet er sich mehr der Veränderung der Wirklichkeit – zum Beispiel mit der Veranstaltung »Angriff auf die Demokratie. Eine Intervention« im Berliner Haus der Kulturen der Welt (18.12. um 11 Uhr) und ab Februar mit der Stiftung »Futur Zwei«.

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