Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 15°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 51/2011 Wirtschaft/Finanzen

Was tun wir da?

Kathrin Passig  Fotos: dapd, reuters (3)

Seit Jahren heißt es: Mikrokredite helfen Menschen in Entwicklungsländern, eigenes Geld zu verdienen. Aber die Realität ist um einiges komplizierter.


Anzeige
Seit Januar 2009 habe ich 146-mal Geld an Kleinunternehmer in Entwicklungsländern verliehen. Unter den Empfängern waren Sangin Nazarov, Süßigkeitenhändler in Tadschikistan, Andranik Grigoryan, ein Fusselrollenhersteller aus Jerewan, und Jonh Pean aus Kambodscha, der Geld für Lautsprecherboxen brauchte. Okay, ich war selbst überrascht, den Fusselrollenhersteller auf der Liste meiner Kreditnehmer zu finden. Süßigkeiten, Fusselrollen und Lautsprecherboxen sind nicht das, was einem als Erstes zum Thema Entwicklungshilfe einfällt. Aber ich kann alles erklären.

Vermittler zwischen mir und den Kreditsuchenden war die Website kiva.org, auf der man sich anhand bebilderter Beschreibungen aussuchen kann, wem man jeweils 25 Dollar für einen Zeitraum zwischen wenigen Monaten und anderthalb Jahren zur Verfügung stellen möchte. Das 2005 gegründete Kiva ist ziemlich beliebt; seine mehr als 600 000 Nutzer haben bisher eine Viertelmilliarde Dollar verliehen. Das monatliche Auswählen neuer Geldempfänger ist unterhaltsamer als das bloße Ausfüllen von Überweisungen, wie man es von anderen Wohltätigkeitsorganisationen kennt. Außerdem ist das Geld nicht weg, man kann es zumindest theoretisch auch wieder aus der Zirkulation entnehmen und selbst für Süßigkeiten und Lautsprecherboxen ausgeben. In der Praxis profitiert Kiva vermutlich ähnlich wie ein Fitnessstudio davon, dass viele Unterstützer zu träge sein werden, die Zusammenarbeit aufzukündigen.

Anzeige


Als ich Kiva entdeckte, hegte ich eine vage Vorstellung von lustigen bunten Marktständen, an denen freundliche Frauen mit meiner Hilfe jetzt noch mehr selbst angebautes Obst und Gemüse verkaufen würden. Oder was man in diesen Ländern halt Hübsches macht, ich kenne das nur von Fotos, weil ich nie irgendwohin in Urlaub fahre, wo es weder Internet noch einen funktionierenden Rechtsstaat gibt.

Man kann sich die Kreditsuchenden bei Kiva nach Land, nach Geschlecht oder nach verschiedenen Rubriken gefiltert anzeigen lassen, zum Beispiel »Agriculture« oder »Transportation«. Früher gab es noch die Rubrik »Green«, die aber immer leer stand. Das Interesse an Ökoprojekten ist auf der Kreditnehmerseite offenbar eher gering. Auch in der Landwirtschaftsabteilung geht es vor allem um die Beschaffung von Dünger, Herbiziden und Pestiziden, die manchmal höflich mit »Chemikalien zur Steigerung des Ernteertrags« umschrieben werden. Und wer keine Erntechemikalien begehrt, der sucht Geld für eine kleine Schweinezucht. Da ich kürzlich zum zweiten Mal in meinem Leben das Fleischessen eingestellt habe, kommt es mir nicht richtig vor, jetzt ausgerechnet den Schweinebesitz zu fördern.



Dann gibt es noch die Rubrik »Arts«. Den Künstlern fühle ich mich durch meinen Beruf mehr verbunden als den Schweinezüchtern. Außerdem bin ich mit dem Bilderbuch Frederick großgezogen worden, in dem die anderen Mäuse hart arbeiten und Getreide herbeischaffen, während Frederick Farben und Wörter für den langen Winter sammelt. Kunst also! Man muss sie fördern! Das Getreideherbeischaffen hat schon genügend Freunde. Leider finden sich in der Kunstabteilung nur Frauen, die Makramee-Blumenampeln knüpfen oder Sparschweine töpfern. Das habe ich selbst schon im Handarbeitsunterricht ausprobiert und kann sagen, dass es den Winter nicht spürbar verschönert, im Gegenteil.

Frauenförderung wäre eine weitere naheliegende Idee, denn Mikrokredite werden bevorzugt an Frauen vergeben. Die Grameen-Bank, das erste Mikrokreditprojekt, verteilt ihre Kredite zu mehr als 95 Prozent an Frauen, bei Kiva sind es rund 80 Prozent. Frauen gelten als die zuverlässigeren Klienten, man nimmt an, dass sie das Geld nicht gleich vertrinken, sondern in die Zukunft ihrer Kinder investieren.
Seite 1 2 3
Kathrin Passig

, 41, würde in Deutschland selbst keinen Kredit bekommen, weil sie als Autorin keine regelmäßigen Geldeingänge auf ihrem Konto vorweisen kann. Als Ausgangspunkt zum Weiterlesen empfiehlt sie »David Roodmans Microfinance Open Book Blog«: blogs.cgdev.org/open_book/

  • Wirtschaft/Finanzen

    Elender Haufen

    Deutschland ist Europas zweitgrößter Wassersünder. Schuld ist die Gülle. Weil viele Bauern nicht mehr wissen, wohin damit, hat sich ein regelrechtes Gülle-Business entwickelt - mit bösen Folgen.

    Von Fritz Zimmermann
  • Anzeige
    Wirtschaft/Finanzen

    Paranoia als Erfolgsgarant

    Er leitet einen der größten Medienkonzerne Europas: Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Springer, hält Verfolgungswahn für eine gute Triebfeder. Im Interview spricht er auch über zuletzt gescheiterte Projekte und seine Freundschaft zu Friede Springer.

    Von Lorenz Wagner
  • Wirtschaft/Finanzen

    Was habe ich nur falsch geyacht?

    Habe ich noch eine Chance, reich zu werden, fragt sich unsere Autorin anhand der Enthüllungen zu Briefkastenfirmen und Steueroasen. Doch leider fehlt ihr dafür eine genetische Voraussetzung.

    Von Nataly Bleuel