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aus Heft 05/2012 Schule 2 Kommentare

»Heute haben viele Kinder zu viel Macht«

Sagt ausgerechnet Zoë Readhead, die Leiterin der berühmtesten alternativen Schule der Welt. Falsche Regeln und wichtige Brüche: ein Gespräch in Summerhill, neunzig Jahre nach der Gründung.

Von Simone Kosog  Fotos: Andrea Artz



Zoë Readhead tritt als Schulleiterin von Summerhill in die Fußstapfen ihres berühmten Vaters.

SZ-Magazin: Frau Readhead, Summerhill ist vor Kurzem neunzig Jahre alt geworden, und noch immer schaut der Staat kritisch auf Ihre Schule. Gerade erst waren wieder die Inspektoren da. Was wollten die?
Zoë Readhead: Diesmal war es nur Routine. Die Inspektoren kontrollieren alle Schulen in England regelmäßig.

Eine Schule, an der der Unterricht freiwillig ist, war den Behörden lang ein Dorn im Auge. Haben Sie dafür Verständnis?
Es hat sich schon einiges geändert: Wir haben in diesem Jahr die beste Beurteilung seit unserer Gründung bekommen. Man beginnt ganz offensichtlich, unsere Arbeit wertzuschätzen.

Seit Ihr Vater A. S. Neill Summerhill eröffnete, kam immer auch massive Kritik aus der Gesellschaft. Ist sie inzwischen verstummt?
Es gibt sie bis heute – weil die Menschen uns missverstehen! Sie glauben, dass die Kinder hier tun und lassen können, was sie wollen, und dass es bei uns laut und chaotisch ist. Dabei stimmt das Gegenteil: Es geht in Summerhill sehr ruhig und diszipliniert zu. Wir könnten einiges zu den aktuellen Erziehungsdebatten beitragen!

Ausgerechnet von Summerhill, dem Inbegriff der antiautoritären Erziehung, sollen die Leute ein diszipliniertes Zusammenleben lernen?
Zunächst mal: Mein Vater war nie glücklich mit dem Begriff »antiautoritäre Erziehung«, er hat ihn auch selbst nie verwendet. Die Wahrheit ist: Viele Eltern sind heute sehr verunsichert. Ihre Kinder sollen in Freiheit groß werden, aber niemand hat ihnen beigebracht, wie man mit einem freien Kind umgeht. Sie denken, dass alles, was das Kind tut, in Ordnung ist, aber das ist es absolut nicht! Die Kinder, mit denen wir dann zu tun haben – auch in Summerhill –, halten sich an keinerlei Regeln.

Wie waren Ihre Schüler denn früher?
Einerseits ändern sich Kinder nicht: Es hat uns Menschen Millionen von Jahren gekostet, zu werden, wer wir heute sind. Aber an der Oberfläche sieht man Unterschiede: Früher kamen viele Kinder sehr verängstigt hier an. Damals hat mein Vater eine Menge Zeit darauf verwandt, ihnen zu zeigen: Ich tu dir nichts! Ich bin auf deiner Seite!

Es gibt diese schöne Geschichte eines Schülers, der bei Ihrem Vater mit verstellter Stimme anrief und sich als seine eigene Mutter ausgab. Die vermeintliche Mutter bat Neill, ihrem Sohn Geld für ein Zugticket zu geben, das er in Wahrheit gar nicht brauchte. Neill gab dem Jungen das Geld und legte später noch ein paar Münzen drauf mit den Worten: »Eben hat deine Mutter noch mal angerufen und gesagt, dass das Ticket teurer ist.« Der Junge bekam erst einen Schreck und gab dann beeindruckt zu, dass Neill offenbar ein noch besserer Schauspieler war als er selbst.
Viele der Kinder hatten damals ziemlich schlechte Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht. Es war wichtig, ihr Vertrauen zu bekommen.

Diese Zeiten wünscht man sich nicht zurück.
Nein, aber heute haben viele Kinder zu viel Macht. Mein Vater hat immer gesagt, dass in einem guten Zuhause Eltern und Kinder gleiche Rechte haben. In einem schlechten Zuhause haben die Eltern zu viel Macht – oder die Kinder.

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Viele Eltern und Pädagogen sind auch heute noch der Meinung, dass die Erwachsenen die Familie mit Strenge regieren sollten. Bernhard Bueb, ehemaliger Leiter des Internats Schloss Salem und Autor des Buches Lob der Disziplin, zum Beispiel sagt: »Erziehung ist nur erfolgreich, wenn sie die zu Egoismus neigende menschliche Natur gegen den Strich bürstet!«
Das hat uns auch die Kirche über Jahrhunderte eingeredet: Der Mensch ist in Sünde geboren. In Summerhill gehen wir von dem Gegenteil aus: Man muss Kindern nicht beibringen, gut zu sein; alles, was wir tun müssen, ist, sie gut sein zu lassen.

Wenn nun so ein Kind ohne Regeln nach Summerhill kommt …
… hat die Schulversammlung eine Menge zu tun. Summerhill ist eine selbst verwaltete Gemeinschaft, und in der Schulversammlung, dem zentralen Gremium, werden alle wichtigen Beschlüsse per Mehrheitsentscheid gefasst. Dort werden auch sämtliche Regeln beschlossen und Verstöße dagegen geahndet.

Was war die letzte Regel, die die Versammlung beschlossen hat?

Wir haben zum Beispiel letzte Woche abgestimmt, dass man nicht auf die Wege spucken darf. Für mich ist offensichtlich, dass das nicht geht, aber offenbar nicht für alle. Also brachte jemand den Vorschlag in die Versammlung, und die Mehrheit hat dafür gestimmt. Oder das Küchenpersonal hat sich beschwert, dass bei der Essensausgabe oft so ein Lärm herrscht, dass es seine Arbeit nicht tun kann. Wir haben beschlossen, dass es ab sofort zwei Zuständige gibt, die für Ruhe in der Essensschlange sorgen. Gut möglich, dass irgendwann alle Schüler und Lehrer diese Regel verinnerlicht haben, dann schaffen wir sie vielleicht wieder ab.

Wenn Sie von Zuständigen sprechen …
… sind das Kinder. Auch die Schulversammlung wird von einem Schüler oder einer Schülerin geleitet.

Kommentare

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Kommentar:

  • susanne hoffmann (0) es ist wie mit allen dingen, wenn man sich über etwas äußern möchte, muß man sich vorher die mühe gemacht haben und recherchieren. das schubladen denken und pauschalisieren ist meist weit entfernt vom realen. durch einen freund bin ich vor ca. 5 jahren auf die sudbury schulen aufmerksam geworden. unsere tochter wird auf eine demokratische schule gehen!
  • Alexandra Wittmann (0) Ein sehr interessanter Artikel über eine solche andersartige Schule und über ihre Entwicklung im Laufe der Jahre. Auch in Deutschland gibt es Schulen, die Elemente der geschilderten "Schulprinzipien" übernehmen. Ein Beispiel dafür ist die Freie Schule Bergisch Land in Wuppertal. Dort werden ebenfalls aktuelle Probleme in der Schulversammlung besprochen und mit den Kindern Regelungen beschlossen. Üblicherweise trifft man auch hier auf das im Artikel geschilderte Vorurteil, dass die Kinder an dieser Schule völlig frei seien. Das ist nicht so. Es gibt Regeln, die eingehalten werden müssen. Der Vorteil einer etwas demokratischeren Schulform ist, dass die Kinder eher aus eigenem Antrieb und mit mehr Spaß lernen.