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aus Heft 07/2012 Religion

»Beim Yoga schwitzt der Geist«

Seite 2: Alle Schülerinnen haben sich in mich verliebt, ich jedoch nie

Kristin Rübesamen (Interview)  Fotos: Namas Bhojani/ Agentur Focus, Coni Hörler; Imago, SZ Photo/ Rue de Archives


In jungen Jahren führte Iyengar seine Übungen vor Publikum vor. Bis heute hält er schwierige Haltungen wie diese minutenlang.

Auf einer dieser Touren begann schließlich Ihre eigene Karriere als Lehrer: Sie haben angefangen, ausgerechnet Frauen zu unterrichten.
Krishnamacharya hat als Erster die Vorzüge des Yoga für Frauen erkannt. Es war ihnen jahrhundertelang verboten gewesen. Dann gab es um ihn eine Gruppe von Frauen, die unbedingt Yoga lernen wollten, aber es wäre für sie nicht infrage gekommen, von einem gleichaltrigen Mann unterrichtet zu werden. Da ich noch nicht volljährig war und in den Augen der Frauen kein richtiger Mann, fiel die Wahl auf mich. Ich war ziemlich schüchtern. Doch im Rückblick war das der Wendepunkt in meinem Leben: Zum ersten Mal war ich kein Parasit mehr, sondern hatte Verantwortung. Später schickte mich Krishnamacharya als Lehrer in einen feinen Sportclub nach Pune. Ich war froh, meinem Guru entkommen zu sein.

Dann ging es Ihnen endlich gut?
Von wegen. Die jungen Männer, die in meine Klassen kamen, stammten aus der reichen Oberschicht, waren mir körperlich überlegen und machten sich lustig über mich. Ich hatte keinen Schulabschluss, konnte nur Kannada, das im Süden Indiens gesprochen wird, und kaum Englisch. Zusätzlich war es mir als Brahmanensohn verboten, zum Friseur zu gehen. Ich habe versucht, meine langen Haare unter einer Mütze zu verstecken, und wurde doch ausgelacht. Am Ende habe ich mir die Haare abgeschnitten. Daraufhin durfte ich nicht mehr mit meiner Familie am Tisch sitzen.

Wie haben Sie durchgehalten?

Ich habe bis zu zehn Stunden am Tag geübt. Ich wollte unbedingt herausfinden, wie genau die einzelnen Haltungen, die Asanas, funktionieren: worum es bei einer Rückbeuge geht; wie das Becken stehen muss, damit es bei der Drehung der Wirbelsäule ein solides Fundament bildet; welchen Zeh ich anspannen muss, um Innen- und Außenseite des Beines zu aktivieren. Ich habe, ohne es zu wissen, die Grundlagen für meine Methode entwickelt.

Krishnamacharya hat 1943 Ihre Hochzeit mit der 16-jährigen Ramamani arrangiert. Waren Sie einverstanden?
Ich wollte nicht heiraten, weil ich nichts besaß. Doch dann habe ich mir Geld von meinen Schülern geliehen. Und einen Topf. In dem kochte meine Frau für die Mahlzeiten erst den Reis, dann die Linsen.

Nicht viel später haben Sie einen berühmten Mann als Schüler gewonnen: den Geiger Yehudi Menuhin. Wussten Sie, wer er ist?
Ich wollte erst gar nicht fahren, es war so eine lange Reise nach Bombay. Und alles nur, um eine Viertelstunde mit einem Musiker zu sprechen, der irgendwelche Probleme hatte. Aber meine Schüler sagten: Du bist ein Dummkopf, wenn du nicht fährst. Als ich ihn traf, war Yehudi Menuhin gar nicht daran interessiert, unterrichtet zu werden. Er wollte, dass ich ihm und seiner Frau etwas vorführte. Danach habe ich ihn gebeten, mir zu zeigen, was er konnte. Das war der Trick. Denn meine Show hatte ihn zwar beeindruckt, aber die Einzigartigkeit von Yoga musste er am eigenen Leib erfahren.

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Hat das geklappt?
Er hat versucht, einen Kopfstand zu machen, und fürchterlich gekeucht. Ich habe ihn so korrigiert, dass er ohne Schwierigkeiten länger auf dem Kopf stehen konnte. Anschließend habe ich ihm in eine Entspannungshaltung geholfen. Er ist sofort eingeschlafen und hat geschnarcht. Dauernd sind Leute ins Zimmer gekommen und haben Druck gemacht: »Das Konzert beginnt, das Konzert beginnt!« An diesem Abend hat er das Publikum begeistert wie lange nicht. So wurde ich sein Lehrer.


Unter Iyengars prominenten Schülern war auch Königin Elisabeth von Belgien (Bild Mitte). Sie lernte den Yogi kennen, als sie über 80 war und Probleme mit dem Herz hatte. Nachdem er ihr den Kopfstand beigebracht hatte, den sie von da an regelmäßig machte, verbesserte sich ihr Zustand erheblich.

Aber nicht nur das. Sie haben dann selbst Hörsäle gefüllt. Wie kam es dazu?
Ich habe Yehudi nach Europa begleitet und eine Yoga-Show entwickelt.

Bei der Sie eine ziemlich knappe Turnhose trugen, oder?
Zunächst kamen die Leute allerdings wegen Yehudi, weil der immer eine kleine Einführungsrede hielt. Dann war es an mir, das Publikum zu begeistern – zwei Stunden ohne Pause. Wenn ich gemerkt habe, dass jemand gehen wollte, habe ich etwas besonders Schwieriges vorgeführt. Mittlerweile habe ich mehr als 15 000 Auftritte hinter mir und damit ziemlich gute Werbung für Yoga gemacht.

Wie gefiel es Ihnen im Westen?
Für Menschen, die kein Fleisch essen, war die Auswahl in England dürftig: Bohnen, Kartoffeln und Karotten, paniert. Ich konnte das unmöglich essen – es schmeckte nach nichts. Etwas anderes konnte ich mir aber nicht leisten. Also habe ich in den ersten Jahren, wenn ich in England war, Brot in Kaffee getunkt und gegessen. Die Menschen haben sich gewundert, woher ich die Energie zum Üben und Unterrichten genommen habe, obwohl ich nur von Kaffee und Brot gelebt habe. Sie haben begriffen, dass das etwas mit Yoga zu tun haben musste.

Yehudi Menuhin hat Sie auch in die Londoner Gesellschaft eingeführt. Haben Sie sich wohlgefühlt?
Ich habe nicht getrunken, wollte auf Partys aber auch nicht unhöflich sein. Yehudi sagte: »Nimm ein Glas in die Hand, und sag immer danke, danke, wenn dir jemand nachschenken will. Keiner wird merken, dass du nichts trinkst.«

Sie waren verheiratet, aber die Frauen aus dem Westen sind Ihnen ziemlich nachgelaufen. Sind Sie nie in Versuchung geraten?
Und wie sie hinter mir her waren! Alle Schülerinnen haben sich in mich verliebt, aber ich mich nie in sie. Auch nicht nachdem meine Frau gestorben war. Yoga ist ein System, zu dessen Säulen moralisch richtiges Verhalten gehört. Ich hatte Angst: Wenn ich einer dieser Frauen in die Falle ginge, würde man nicht nur mich nicht mehr respektieren, ich könnte damit den ganzen Yoga-Gedanken gefährden. Also bin ich hart geblieben. Gott hat mir dabei geholfen.

Wie das?
Er hat mir meine Augenbrauen geschenkt. Mit ihrer Hilfe konnte ich mir die Frauen ganz gut vom Hals halten.
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Kristin Rübesamen

war nervös vor dem Treffen mit dem Yogalehrer Iyengar, denn sie macht auf dem Titel ihres eigenen Yogabuches »Alle sind erleuchtet« einen etwas schlampigen Kopfstand. Wer wissen möchte, wie Iyengar auf mangelnde Perfektion reagiert, sieht sich am besten den Kinofilm »Der atmende Gott« von Jan Schmidt-Garre an, eine Dokumentation über den Ursprung des modernen Yoga.

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