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aus Heft 07/2012 Religion

»Beim Yoga schwitzt der Geist«

Seite 3: Der Westen denkt, er könnte emotionale Probleme intellektuell lösen

Kristin Rübesamen (Interview)  Fotos: Namas Bhojani/ Agentur Focus, Coni Hörler; Imago, SZ Photo/ Rue de Archives


Iyengar entwickelte sein körperbetontes Yoga, indem er die Haltungen, sogenannte Asanas, in eine sinnvolle Abfolge brachte.

Machen Sie deshalb auf Fotos so ein grimmiges Gesicht? Und auf den Statuen, die es von Ihnen zu Lebzeiten schon gibt?
Genau deshalb. Und es hat perfekt funktioniert. Einmal hat mich ein Journalist den eisernen Iyengar genannt. Aber ich habe zu ihm gesagt: »Ich bin wie ein Diamant. Er ist hart, aber sein wahrer Wert liegt darin, dass Licht hindurchscheint.«

Ihr Lehrer war streng, und nun machen auch Sie Ihren Schülern Angst. Sollte ein Yogalehrer nicht milde sein und nachsichtig?
Unsinn. Ein guter Yogalehrer muss vor allem eins können: die menschliche Psyche verstehen.

Können Sie in die Seele eines Menschen blicken, wenn er vor Ihnen steht?

Selbstverständlich. Aber ich sage ihm nichts. Ich verrate lediglich meinem Assistenten, was ich denke, und beginne mit der Arbeit.

Was, glauben Sie, ist das am meisten verbreitete Problem der Menschen?
Ihr im Westen denkt oft, ihr könntet emotionale Probleme intellektuell lösen.

Und wie können wir sie lösen?

Ihr müsst dahin gehen, wo die Gefühle stecken: in den Körper. Die meisten Intellektuellen haben keine Ahnung, wie sie Gefühle und Gedanken in Verbindung bringen können. Als ich das erste Mal in London war, war dieses Defizit keinem Menschen bewusst. Darum habe ich mich damals davor gehütet, das Wort »spirituell« zu gebrauchen. Alle wären davongerannt.

Die positive Wirkung von Yoga auf die Gesundheit des Körpers ist sicher unbestritten. Aber wie können Turnübungen einen näher zu Gott bringen?
Yoga wirkt, indem es Körper und Geist zusammenbringt. Es ist eben keine Gymnastik.

Sie sollen die Beweglichkeit Ihrer Schüler nicht nur äußerlich erkennen, sondern in ihren Körper hineinblicken können. Warum ist das wichtig?
Nur wenn ich meinen Körper Zelle für Zelle verstehe, verstehe ich den meiner Schüler. Alles andere wäre unethisch. Darum übe ich jeden Tag. Und frage mich immer wieder: Arbeiten alle Körperteile mit? Was genau passiert mit den vordergründig unbeteiligten Partien, wenn ich den Arm aus dem Schultergelenk nach innen rotiere? Warum muss ich die Füße leicht nach innen drehen, wenn ich mich rückwärts in die Brücke fallen lasse? Die Stellung der Füße bestimmt die Stellung des Beckens, und diese wiederum garantiert, dass der untere Rücken schön lang bleibt.

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Das hört sich kompliziert an.
Im Gegenteil. Ich versuche, meine Intelligenz bis in die hinterste Zelle zu schicken, strenge meinen Verstand an und ordne Gelenke und Muskeln so an, wie es die Haltung verlangt. Damit dehne ich nicht nur die Glieder, damit dehne ich das Bewusstsein. Dann schwitzt der Geist, nicht nur der Körper! Daraus entsteht die Chance, frei von Angst zu sein.

Sind Sie das – frei von Angst?
Wenn man nichts erwartet vom Leben, hat man auch keine Angst.

Ist Freiheit die Abwesenheit von Angst?
Es gibt unterschiedliche Formen von Freiheit. Politische Freiheit, wie sie uns Gandhi geschenkt hat; ökonomische Freiheit, denn wer nichts zu essen hat, kann sich nicht um seinen Geist kümmern; und zuletzt spirituelle Freiheit – die Unabhängigkeit von Vorlieben und Abneigungen, von Körper und Zeit. Man ist auf ewig verbunden mit dem, was allem zugrunde liegt und unveränderlich ist. Wenn es uns gelingt, einen flüchtigen Blick auf die Seele des Universums zu werfen, sprechen wir von Erleuchtung.

Sie behaupten gern, dass Erleuchtung Sie nicht besonders interessiert. Stimmt das denn wirklich?
Ich falle gelegentlich in diesen Zustand, aber ich möchte nicht dauernd in ihm sein. Wenn du erleuchtet bist, kannst du keinen Bus nehmen. Wenn alles eins ist, woher willst du dann wissen, welcher Bus der richtige ist? Erleuchtung bedeutet auch Einsamkeit.

Auf der Suche nach Erleuchtung verließen viele Yogis für eine Weile ihre Familien und zogen in die Wälder. Hat Sie das Einsiedlerleben nie gereizt?
Niemals. Ich war verheiratet, habe sechs Kinder gezeugt, und dieses Leben, dieses Eingebundensein hier in Pune, habe ich in vollen Zügen genossen. Ich sehe meine Schüler jeden Tag in der Klasse oder in der Bibliothek, und ich lebe noch heute mit meiner Familie unter einem Dach. Das Familienleben ist mühsam, das weiß jeder. Aber da beweist sich, ob du deinen Geist unter Kontrolle hast oder nicht.

Vor hundert Jahren zogen die Schüler bei ihrem Lehrer ein und dienten ihm ein paar Jahre, bevor er sie unterrichtete. Heute kaufen sie eine Zehnerkarte. Was heißt das für das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler?

Die modernen Schüler möchten so schnell wie möglich Fortschritte machen. Einerseits erwarten sie ein leichtes Leben und fürchten sich vor Schmerzen, andererseits sind sie so ungeduldig, dass sie alles sofort können wollen – und sich dadurch schnell verletzen.


Bellur Krishnamachar Sundararaja Iyengar, 93, genannt B. K. S., machte die 3000 Jahre alte indische Yogalehre überhaupt erst im Westen bekannt. Bereits 1966 veröffentlichte er sein erstes Buch, »Licht auf Yoga«. Allein in Deutschland praktizieren heute drei Millionen Menschen Yoga. Bei der von Iyengar entwickelten speziellen Form werden für die Übungen Hilfsmittel wie Klötze und Gurte benutzt. Das »Time Magazine« wählte »die Yoga-Legende« 2004 unter die hundert einflussreichsten Menschen der Welt - Iyengar-Yogaschulen gibt es in rund 50 Ländern. Iyengar lebt in Pune, Indien.
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Kristin Rübesamen

war nervös vor dem Treffen mit dem Yogalehrer Iyengar, denn sie macht auf dem Titel ihres eigenen Yogabuches »Alle sind erleuchtet« einen etwas schlampigen Kopfstand. Wer wissen möchte, wie Iyengar auf mangelnde Perfektion reagiert, sieht sich am besten den Kinofilm »Der atmende Gott« von Jan Schmidt-Garre an, eine Dokumentation über den Ursprung des modernen Yoga.

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