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aus Heft 07/2012 Stars

Zu sehr gelebt

Christoph Cadenbach und Gabriela Herpell (Protokoll)  Fotos: Maria Kwiatkowsky, WDR, Picturesberlin/ Sabine Brinker

Am Sonntag ist Maria Kwiatkowsky in ihrer letzten Fernsehrolle zu sehen: im Polizeiruf. Die Schauspielerin starb im Juli 2011, sie wurde nur 26 Jahre alt. Freunde und Kollegen erzählen von ihrem rasend kurzen Leben.


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Mex Schlüpfer, Schauspieler und Freund

Maria war kein Hamster, sie war'n Pitbull. Nen janz lieber Pitbull.

Maris Pfeiffer, Fernsehregisseurin
Ich dachte mir gleich, die Schauspielerei ist das Tollste für Maria, weil sie sie in ihren Wahnsinn integrieren kann.

Kathi Angerer, Schauspielerin
Maria war extrem offen, pur, dadurch vielleicht schutzlos. Sie hat sich sehr preisgegeben.

Ivan Panteleev, Theaterregisseur
Sie hat in einer anderen Geschwindigkeit gelebt, deshalb vielleicht auch nur so kurz. Jeder läuft die Strecke in seiner Geschwindigkeit.

Daniel Regenberg, Musiker und Marias Freund
»Was, die? Die sieht doch aus wie ein Typ!« hat mein Mitbewohner gemeint, aber ich wusste sofort: »Die isses!« Maria war das größte Glück meines Lebens, trotz des Endes.

I. Akt: Aufstieg

Maria Kwiatkowsky wird 1985 in Ostberlin geboren. Sie ist Einzelkind, ihre Mutter alleinerziehend, zu ihrem Vater hat Maria wenig Kontakt. Noch in ihrer Schulzeit, mit 15, fängt sie beim Jugendtheater der Berliner Volksbühne an.

Sabine Zielke, Dramaturgin, Volksbühne
Sie ist mir sofort als extrem begabt aufgefallen. Durch ihre Direktheit, ihr Vermögen, in Erscheinung zu treten. Sie war ja ein sehr zarter Mensch, aber hatte doch unglaubliche Kraft.

Aus Marias Vita bei ihrer Schauspielagentur Pegasus
Größe: 165, Augenfarbe: braun, Haarfarbe: dunkelblond.

Kathi Angerer, Schauspielerin
Ich habe Maria das erste Mal getroffen, als sie 15 war. Ich kannte den Freund ihrer Mutter, einen Musikproduzenten, mit dem ich zusammengearbeitet habe. Wir saßen in der Küche, und Maria kam aus der Schule. Sie wollte unbedingt zum Theater. Ich habe versucht, sie ein bisschen zu erden: Sie soll nicht alles hinschmeißen, sondern Abitur machen. Das hat sie getan, aber nach dem Abi gleich En Garde gedreht.

Im Kinofilm »En Garde« (2003) spielt Maria eine sensible Jugendliche, die nach dem Tod der Großmutter von ihrer lieblosen Mutter ins Heim gegeben wird. In einer Schlüsselszene legt sie dort Feuer. Für ihre Rolle erhält sie den Silbernen Leoparden bei den Filmfestspielen in Locarno.

Ayse Polat, Regisseurin von En Garde
Nach der Preisverleihung hat Maria mir erzählt, dass sie das gar nicht richtig genießen kann, weil sie sich nicht gut genug findet. Sie hatte damals große Selbstzweifel, obwohl mir nach ihrem ersten Vorsprechen sofort klar war, dass nur sie die Rolle bekommt. Sie hatte eine unglaubliche Präsenz, gleichzeitig konnte sie auch die leisen Töne.

Tina Pfurr, Schauspielerin und Freundin
Maria hat man gehört, bevor man sie gesehen hat. Sie hatte diese unglaublich schrille, quietschende Stimme. Auf der Schauspielschule Ernst Busch haben sie sie abgelehnt. Die meinten, sie solle sich ihre Nase operieren lassen, mit ihrer Stimme passe was nicht.

Kathi Angerer, Schauspielerin
Ich glaube, an der Ernst-Busch-Schule haben sie gespürt, dass man Maria nicht so formen kann, wie man das dort gern tut. Maria hat ständig Dinge infrage gestellt, war so freiheitsliebend, das ist in dem System nicht gefragt.

2004 bekommt Maria ihre zweite Hauptrolle. Im ARD-Film »Liebe Amelie« spielt sie ein manisch-depressives Mädchen, dessen Mutter die Erkrankung nicht wahrhaben will. Dafür bekommt sie den Förderpreis Deutscher Film in der Kategorie »Beste Nachwuchsschauspielerin«.

Maris Pfeiffer, Regisseurin Liebe Amelie
Beim Dreh wirkte sie total gelöst. Sie hat toll gespielt, und es hat ihr überhaupt keine Mühe bereitet. In den Pausen hat sie Kreuzworträtsel gelöst. Manchmal, wenn wir gerade eine Szene abgedreht hatten, meinte sie: »Jetzt hab ichs!« Sie hat also während des Drehs über das Rätsel nachgedacht. Mir war da noch nicht klar, wie gefährdet sie war.

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II. Akt: Krise

Daniel Regenberg, Musiker und Marias Freund
Das mit dem Kindergarten ist passiert, zwei Wochen nachdem wir uns kennengelernt haben, im November 2005. Am Samstag hat sie die Kita abgefackelt, und am Sonntag wollten wir uns eigentlich treffen, aber sie ist nicht gekommen. Ich war total beleidigt und hab ihr ne SMS geschrieben: »Das wars dann wohl.« Sie hat am Montag geantwortet: »Sei nicht sauer, stecke tief in der Tinte, kauf dir die B. Z.«

B. Z. vom 14.11.2005
Brandstiftung in Berlin:
ARD-Schauspielerin dreht durch und brennt Kindergarten ab. – Es geschah nachts um 2.40 Uhr, als Anwohner ein Feuer in einer Kita im Stadtteil Prenzlauer Berg bemerkten und die Feuerwehr riefen. Als diese eintraf, bemerkten die Retter eine Frau auf dem Dach der Kita. Sie wurde sofort mit einer Drehleiter gerettet … Die Kita wurde fast völlig zerstört.
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Christoph Cadenbach und Gabriela Herpell

mussten Feingefühl beweisen. Maria Kwiatkowskys Freunden und Kollegen fiel es nicht leicht, über sie zu sprechen, denn sie haben sie sehr geschätzt, gemocht, geliebt. Und natürlich haben sich alle Selbstvorwürfe gemacht und gefragt: »Hätte man sie retten können?«

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