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Neue Fotografie 22. Mai 2012

Grenzwertig

Catharina Tews (Interview) 

Wir stellen Ihnen jede Woche junge, talentierte Fotografen vor. Diesmal: Matt Nager, der in der Wüste von Arizona illegale Einwanderer aufspürte.

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Name:
Matt Nager
Geboren:
1983 in Boulder, Colorado, USA
Ausbildung:
Bachelor in Nachrichtenjournalismus
Homepage:
www.mattnager.com

SZ-Magazin: Herr Nager, Dokumentationen über illegale Immigration gibt es viele. Warum haben Sie Sich den Todesfällen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze verschrieben?
Matt Nager: Jeder, der im Südwesten der Vereinigten Staaten aufgewachsen ist, setzt sich thematisch mit der Grenze auseinander. Drogenhandel und Grenzpolitik interessierten mich wenig. Es hat lange gedauert, bis ich zufälig etwas über die hohe Todesrate in der Sonora-Wüste von Arizona las. Jährlich sterben dort knapp 300 illegale Immigranten, die nicht in den Medien auftauchen - das war mein Thema!

Wo überqueren die Menschen die 3144 Kilometer lange Grenze?

Die Zäune leiten die Flüchtlinge absichtlich in die Wüste, südlich von Tucson, Arizona. Ursprünglich sollte der Gedanke, dieses heiße, öde Land durchqueren zu müssen, die Menschen abschrecken. Aber sie kamen trotzdem und sterben jährlich zu Hunderten. Sie wählen den Weg durch die Wüste und fallen dabei immer öfter den Coyotes, mexikanischen Menschenschleusern, zum Opfer.

Welche konkrete Gefahr geht von den Coyotes aus?
Sie schmuggeln nicht nur Menschen, sondern auch Drogen. Sie lügen über die extremen Bedingungen der Reise und die Distanz zur nächsten Stadt. Meistens sind sie auf Drogen und lassen verletzte oder langsame Gruppenmitglieder einfach in der Hitze zurück.

Die Sonora-Wüste Arizonas ist eines der größten Trockengebiete Nordamerikas. Im Sommer steigt die Temperatur dort bis auf 50 Grad. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Ich wusste, dass der beste Zeitraum, um die Strapazen der Migranten zu zeigen, im Hochsommer ist. In den zwei Monaten, die ich zwischen Tucson und der mexikanischen Grenze verbrachte, habe ich die härteste Woche mit den Aktivisten von “No More Deaths“ erlebt. Wir sind acht Stunden täglich mit Wasserkanistern durch die Berge gewandert und haben sie auf die Schmuggler-Pfade verteilt. Obwohl wir nur in den frühen Morgen- und späten Abendstunden unterwegs waren, musste jeder regelmäßig trinken und sich immer wieder mit Sonnenschutz eincremen.

In welchem Zustand waren die illegalen Einwanderer auf die Sie trafen?
Fast jeder war dehydriert und extrem erschöpft. Es ist völlig unmöglich genug Wasser für die dreitägige Wanderung quer durch die Wüste zu tragen. Zwei der Illegalen waren so entkräftet, dass sie trotz der Infusion fast gestorben wären. Sie kennen die Gefahr, machen sich aber trotzdem auf den Weg durch die Wüste. Ich konnte ihre Verzweiflung, unbedingt ankommen zu müssen, fast am eigenen Körper spüren.

2010 registrierte der Grenzschutz 253 Tote - die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich weitaus höher. Was passiert mit ihren Körpern?
Das Wüstenklima zersetzt einen Körper innerhalb weniger Tage. Die Sonneneinstrahlung und die trockene Luft erschweren außerdem die Identifikation. Wird ein Leichnam gefunden, bringt man ihn zu den Gerichtsmedizinern nach Tucson. Mithilfe eines DNA-Abgleichs konnten immer mehr Toten Namen gegeben werden. In diesem Fall werden Sie der Familie übersandt. Bei keiner Übereinstimmung in der Datenbank, werden die sterblichen Überreste eingeäschert und in einem Grab mit dem Namen “John Doe“* bestattet.

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Mexico, Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua und Ecuador sind die Länder, aus denen jährlich 350 000 Illegale die Grenze zur USA überqueren. 2011 wurden 400 000 Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis wieder zurück in ihre Heimatländer abgeschoben – eine ziemliche Sisyphusarbeit für die amerikanischen Zoll- und Grenzschutzbeamten. Hatten Sie die Möglichkeit, sie dazu zu befragen?
Die Interviewantworten waren ziemlich zurückhaltend. Die Beamten sind zum Großteil an der Grenze aufgewachsen und auch dort geblieben. Viele von Ihnen denken sehr menschlich über die Immigranten. Stirbt jemand, ist das nun einmal Grund zur Trauer. Gleichzeitig haben sie aber auch einen Job zu erledigen, der das Überqueren der Grenze ohne Papiere für illegal erklärt. Die meisten Grenzfahnder rechtfertigen ihre Arbeit damit, dass Migranten, die die Wüste durchwandern, die Entscheidung, ihr Leben zu riskieren, selbst getroffen haben. Aber sie wissen auch, das diejenigen, die sie aufsammeln und auf der anderen Seite des Zauns aussetzen, es am nächsten Morgen wieder versuchen werden.

Auf der Website des Zolls ist zu lesen, dass mittlerweile Drohnen zur Grenzbeobachtung eingesetzt werden, und das, obwohl die Nummer der Illegalen nicht zugenommen hat. Bewegt sich das Problem in neuen Dimensionen?
All das Geld und die neuen Technologien, die zur Bekämpfung der illegalen Immigration eingesetzt wurden, konnten den Strom nicht stoppen, weil sie die Ursache nicht bekämpfen. Das Problem wurzelt in der Wirtschaft. Hätten die Menschen in ihren Heimatländern Arbeit, würden sie sich nicht zu unserer Grenze aufmachen. Migranten aus Zentralamerika wollen nicht in Amerika leben und ihr Zuhause, ihre Familie und Freunde zurücklassen. Sie brauchen einfach Geld zum Leben. Kein Zaun, keine Drohnen oder Grenzfahnder werden die illegale Einwanderung je in den Griff bekommen – solange die Menschen die Grenze überwinden müssen, werden sie es auch tun.

Wie haben Sie in der ersten Nacht im eigenen Bett geschlafen?
Unruhig. Ich brauchte ein paar Monate um mich von diesem Projekt zu erholen. Es lastete auf mir, weil es so traurig war. Am meisten berührte mich nicht die Zahl der Toten, sondern die Geschichten dahinter - all die Familien, denen es jetzt noch schlechter ging. Denn wenn die Toten identifiziert werden können, schickt man sie zurück in ihr Herkunftsland. Das möchte ich noch einmal umsetzen, einen Leichnam nach Hause zu seiner Familie zu begleiten.

*Vergleichbar mit dem deutschen Platzhalter-Namen “Max Mustermann“
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