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aus Heft 11/2012 Stars Noch keine Kommentare

Der müde Bulle

In den letzten Jahren hat es den Schauspieler Ottfried Fischer schwer erwischt: Parkinson, Kleinkriege mit den Boulevard-Medien, Skandalvideos. Aufhören, kürzertreten, weitermachen? Jetzt muss er sich entscheiden.

Von Max Fellmann  Fotos: Robert Brembeck (2) , dpa (2)



Es gäbe für Ottfried Fischer viele Gründe, schwarzzusehen. Das Pflaster an der linken Hand gehört eher nicht dazu.

Aachen, mitten im Karneval. Ottfried Fischer bekommt den Orden wider den tierischen Ernst, das »wider« ist natürlich albern, der Verein, der den Orden vergibt, nimmt seine Aufgabe tierisch ernst. Im Foyer des Eurogress-Centers hängen Bilder der früheren Ordensträger, manche von ihnen sind da, Theo Waigel, Jürgen Rüttgers. Sogar ein Mitglied der Bundesregierung, Gesundheitsminister Daniel Bahr, immerhin. Die Ordensverleihung ist hier das wichtigste gesellschaftliche Ereignis, der Wiener Opernball Aachens. Die Gäste schreiten über den roten Teppich, kaum Faschingskostüme, dafür Fracks und Ballkleider. 1250 Gäste, volles Haus.

Mitten im Gewühl Ottfried Fischer, ein Sitzplatz direkt am Mittelgang, damit die Kameramänner ihn so oft wie möglich aus der Nähe filmen können, mehr als vier Millionen Zuschauer wird die Aufzeichnung zwei Tage später in der ARD haben, sie werden ihn aus allernächster Nähe sehen können, jede Schweißperle, jede Falte, das hier ist kein Filmdreh, hier steht keine Maskenbildnerin bereit, um das Nötigste zu ordnen. Mit Fischer am Tisch Familie und Freunde, sein Assistent und Fahrer, seine Pressemanagerin, seine Töchter Lara und Nina, 20 und 15 Jahre alt, deren Freunde. Die Show hat noch nicht begonnen, da macht Fischer schon einen abgekämpften Eindruck. Seine Haare kleben wirr am Kopf, er atmet schwer und blickt ziellos durch den Saal. Später wird er erzählen, dass das Tagesprogramm viel zu anstrengend war, »die Strapaze war an der Grenze. Am Tag vorher Ottis Schlachthof, dann um halb fünf aufgestanden, um halb sechs zum Flughafen, den ganzen Tag Termine. Und dann musste ich da ewig sitzen...« Sein Flugzeug hatte Verspätung, das hat alles durcheinandergebracht, eine PR-Dame erklärt, der Besuch beim Bürgermeister wurde sogar abgesagt, damit, wie die PR-Frau erklärt, »der Programmpunkt Bad in der Menge wie geplant stattfinden« konnte.

Fischer sitzt jetzt also mittendrin, auf der Bühne Büttenredner, Tanztruppen, Komiker – leider marschiert alle paar Minuten irgendein Trachtenzug durch den Saal, dann stehen alle Gäste auf und klatschen im Rhythmus der Musik. Fischer tut sich nicht leicht mit dem Aufstehen. Wenn die Narren kommen, wartet er jedes Mal ab, ob er sitzen bleiben kann, dann nimmt er doch ein paarmal Schwung und steht auf – und genau dann ist der Moment auch schon wieder vorbei, alle setzen sich, nur Fischer steht dann als Einziger, eine Insel im Meer der Narren. Daniel Bahr, der junge Gesundheitsminister, sitzt gleich am nächsten Tisch, Rücken an Rücken mit Fischer, und zuckt jedes Mal, hin- und hergerissen, ob er ihm unter die Arme greifen soll oder ob das ein unwürdiges Bild ergeben könnte.

Fischers Entourage amüsiert sich hervorragend, man lacht und singt und prostet sich zu, Fischer aber sitzt so, dass er sich von seinen Leuten wegdrehen muss, wenn er das Geschehen auf der Bühne im Blick behalten will. Er wirkt dadurch merkwürdig einsam, mitten in diesem Menschengewirr. Und bevor er selbst auf die Bühne darf, muss er erst mal drei Stunden lang ertragen, dass sieben, acht, neun Komiker nacheinander auf die Bühne kommen und jeder, wirklich jeder Witze über Fischer macht. Guido Cantz sagt bei seinem Auftritt, mit Ottfried Fischer bekomme man ja viel Preisträger für wenig Orden. Und dann: »Er ist ein Superpreisträger, viel träger geht’s ja eigentlich nicht.« Das Publikum lacht dieses Mann-ist-der-frech!-Lachen, Fischer grinst schief.

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Als er am Ende endlich auf die Bühne darf, um den Orden entgegenzunehmen, ist der Saal nahezu sauerstofffrei. Er nestelt einen Stoß Papiere aus der Anzugtasche – und beginnt eine konfuse Rede. Er nuschelt, er bringt die Sätze durcheinander. Es geht um Guttenberg, den Ordensträger des Vorjahres, um Aachen, um Gelfrisuren und Kohl, rätselhafterweise auch um die Odyssee. An den Tischen ratlose Gesichter. Es ist unmöglich, Fischer zu folgen, er bricht ab, sortiert seine Zettel neu, fängt eine andere Geschichte an, sucht nach dem nächsten Zettel. Stille. Den Ordensverleihern auf der Bühne gefriert das Lächeln, bei Waigel und Rüttgers dasselbe. Die Musiker der Kapelle schauen sich hilflos an, sie finden keine Stelle, an der sie das klassische Tä-Täh spielen könnten, das sonst auf jede Pointe folgt.

Später wird Fischer sagen, ja, das sei nicht ganz optimal gelaufen. So etwas passiert ihm mittlerweile immer öfter. Er redet undeutlich, er verliert den Faden. Auch ein paar Wochen zuvor, bei einer Aufzeichnung von Ottis Schlachthof in München: In seinem Monolog waren einzelne Wörter zu finden, die nach Politik und Humor klangen, aber sie fügten sich nicht zu einem Ganzen, die Assistenten, die ihm hinter der Kamera die Schilder mit den Stichworten entgegenhielten, rollten die Augen, aber dem Publikum war es egal, in Bayern lieben die Menschen ihren Ottfried Fischer, auch wenn da mal ein Witz untergeht. In Aachen dagegen: Ratlosigkeit. Die Menschen kennen Fischer aus seinen TV-Serien, sie bringen die schlagfertigen Figuren vom Bildschirm nicht mit dem fahrigen Mann da vorn zusammen. Irgendwann murmelt Fischer etwas von Christian Wulff, dann ruft er unvermittelt: »Hört auf, die Menschen zu jagen für eine Schlagzeile! Ich weiß, wovon ich rede!« Zum ersten Mal Applaus, es wird klar: Im Kampf Fischer gegen die Bild-Zeitung halten die Menschen zu ihm. Es wird auch klar: Die Gäste sind dankbar, dass sie einen Anlass zum Klatschen finden.

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