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aus Heft 13/2012 Religion

»Sie halten sich nicht für Christus, fühlen aber wie er«

Interview: Malte Herwig  Foto: Rafael Krötz, dpa

Es gibt Menschen, die an Ostern die Kreuzigung am eigenen Leib empfinden und dann tatsächlich aus Händen und Füßen bluten. Ein Gespräch über Wunder und Wahn.


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SZ-Magazin: Herr Overbeck, an Ostern gehen die meisten Menschen in die Kirche oder suchen Ostereier. Sie haben Menschen behandelt, die von sich behaupten, die Wundmale Christi zu tragen. Was machen die in diesen Tagen?

Gerd Overbeck: Die erleben den Kalvarienberg mit allem Drum und Dran. Sie spüren die Leiden Christi am eigenen Leib. Sie hören Hammerschläge, sehen das Kreuz vor sich, fühlen Peitschenhiebe und das Stechen der Dornenkrone. Am Karfreitag fangen ihre Wundmale intensiv an zu bluten.

Es gibt in Deutschland also Menschen, die zu Ostern bei lebendigem Leib die eigene Hinrichtung erleben?
Ja, das muss man so sagen. Wenn diese Menschen keinen seelsorgerischen Beistand haben, sind sie damit allein. Aber dieses Mitleiden, die Compassio Christi, wird von ihnen ja auch gewünscht. Sie wollen Christus subjektiv ganz nahe sein, indem sie dasselbe wie er empfinden. Es tut ihnen also nicht nur weh. Es ist die Inkarnation am eigenen Leib.

Wie lange dauern diese Zustände?
Der Karfreitag ist der eigentliche Schmerzenstag. Im Allgemeinen leiden diese Menschen dann zwei Tage lang fürchterlich. Am Ostersonntag hören die Blutungen auf, und die Leute empfinden auch keine Schmerzen mehr.

Entschuldigung, aber das klingt unglaublich.

Das hat mich als Mediziner auch gereizt, denn da stößt man zuerst mal auf Unverständnis. Die klassische Antwort ist: Das sind entweder Betrüger oder Verrückte. Wir wollten aber zeigen, dass es dazwischen verschiedene Übergangsformen gibt, die mal mehr, mal weniger krankhaft sind. Wir haben sogar gesunde Menschen gefunden, die solche Stigmata erzeugen können. Nehmen Sie Franz von Assisi, Teresa von Avila oder Katharina von Siena – das waren hochintelligente, geistig gesunde Leute.

Wie kann ein normaler Mensch plötzlich blutende Wundmale an den Händen haben?

Diese Menschen versenken sich aktiv in eine religiöse Ekstase, die der Tiefenmeditation vergleichbar ist. Die Fixation auf das Kreuz ist wie eine Hypnose, die sie in Trance versetzt.

Müssen wir uns Stigmatisierte wie Franz von Assisi als eine Art christliche Schlafwandler vorstellen?
So in etwa. Die Verletzungen entstehen mit dem Kreuz oder anderen Werkzeugen wie Geißeln und Bußgürteln. Stigmatisierte fügen sich die Male selbst zu, allerdings in Trance, sodass sie sich nachher nicht erinnern können, wie die Male dorthin gekommen sind. Dafür besteht eine völlige Amnesie.

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Der Glaube wird gewissermaßen Fleisch.

In der Bibel heißt es ja: »Das Wort ward Fleisch.« Das erklärt, wie diese Male gerade dorthin kommen. Bei Stigmatisierten wird die Vorstellung des Gekreuzigten Fleisch. Das geht nur über das Bild. Und das Bild ist teilweise sogar falsch. Der historische
Christus wurde ja nicht ans Kreuz genagelt, sondern daran festgebunden.

Wie viele Stigmatisierte haben Sie und Ihr Mitautor, der Arzt und Jesuitenpater Ulrich Niemann, eigentlich behandelt?
Wir hatten 20 Fälle aus dem Rhein-Main-Gebiet bis nach Würzburg und Fulda, darunter 18 Frauen und zwei Männer. Es sind ja meist Frauen. Die jüngste war 17 und die älteste um die 50. Die meisten von ihnen kommen aus einem religiösen, ländlichen Umfeld.

Pater Niemann von der katholischen Hochschule St. Georgen und Sie, der Psychiater – klingt wie eine Episode aus Don Camillo und Peppone. Wie war denn die Zusammenarbeit mit Ihrem Co-Autor?

Wir haben das ganz gut hingekriegt. Ich kann mit den Mitteln der Hirnforschung und kognitiven Psychologie erklären, wie solche Phänomene zustande kommen. Und er hat gesagt: Schön und gut, das Geschehen im Gehirn kann man so erklären. Aber letztlich kommt es auch auf die Bedeutung an, und die kann nur subjektiv entschieden werden, nicht durch Hirnscanner. Das war uns sehr wichtig. Wir wollten auch die Stigmatisierten rehabilitieren, sie ernst nehmen und nicht als Betrüger dastehen lassen.

Wie viele aktuelle Fälle von Stigmatisierten gibt es?

Es gibt eine Dunkelziffer, eben weil viele sich für die Wundmale schämen. Und wenn sie zum Pfarrer gehen, gilt das Beichtgeheimnis. Seit Franz von Assisi sind bis heute etwa 400 Fälle bekannt geworden, 100 davon allein im 20. Jahrhundert.

Sind Wundmale multikulturell?
Offenbar ja. Sie spiegeln die Vorstellungen, die zur jeweiligen Kultur und Epoche gehören. Diese Vorstellungen materialisieren sich dann im Fleisch, im Körper der Stigmatisierten. Die Wundmale sind Zitate. Im Islam sind blutige Tränen eben die Tränen der Fatima.

Dann ist also doch alles bloß eine Inszenierung?
Nicht nur. Was diese Menschen mit ihrem Körper machen, ist zwar eine Art religiöses Schauspiel. Aber das Frappierende daran ist, dass die Wunden später immer wieder aufplatzen und bluten – und zwar zu Ostern, am Karfreitag. Die Stigmatisierten bluten aus den Augen, aus der Stirn, aus den Wunden, die sie sich durch Kasteiungen beigebracht haben, ohne dass sie irgendwelche Instrumente dabeihaben.

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Malte Herwig

bekam zum Tee Nägel serviert – sie waren aus Schokolade. Kein Wink mit dem Zaunpfahl, erklärte Professor Overbeck, die Schoko-Nägel seien ein Mitbringsel aus dem letzten Italien-Urlaub mit seiner Frau.

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