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aus Heft 15/2012 Aus dem Magazin

Schwarz? Weiß? So einfach ist es nicht.

Seite 4: Eine Mülldeponie gibt Hoffnung.

Robert Neuwirth  Illustrationen: Thomas Traum Übersetzung aus dem Amerikanischen: Peter Praschl


Anteil der Schattenwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt weltweilt. Als Faustregel gilt: Je reicher das Land. desto weniger Schwarzmärkte. (Bild: Prof. Dr. Friedrich Schneider, Universität Linz)
Heute bietet das alternative wirtschaftliche System einer großen Anzahl von Menschen eine Chance, überhaupt an der Wirtschaft teilzunehmen. In ihm gibt es weder Massenentlassungen noch Outsourcing. Auf den Schwarzmärkten verkaufen unzählige Kleinunternehmer ähnliche Produkte und Leistungen und verrichten identische Arbeit. Viele Wirtschaftstheoretiker halten solche Doppelungen für ineffizient. Doch der Wettbewerb auf den Schwarzmärkten demokratisiert die Ökonomie, baut strukturelle Arbeitslosigkeit ab und verringert Ungleichheit. Die Schattenökonomie setzt unternehmerische Kreativität frei und schafft Chancen. Für die Milliarden von Arbeitern rund um die Welt, die von Festanstellungen ausgeschlossen sind, handelt es sich um eine Ökonomie der Hoffnung.

Mangel an Arbeit und Ungleichheit sind immer im Fokus der ökonomischen Theorie gewesen. 1776 bezeichnete Adam Smith den freien Markt als »unsichtbare Hand«, die langfristig den Wohlstand gerecht an alle Menschen verteilt. 75 Jahre später geißelte Karl Marx dasselbe Marktsystem als unflexiblen und unerbittlichen Mechanismus, der den gesellschaftlich produzierten Reichtum in der Hand weniger konzentriert. Doch Marx traute den Arbeitern in der Schattenwirtschaft nicht zu, kapitalistische Bosse zu bekämpfen. Für ihn waren sie konterrevolutionäre Schwindler und Galgenvögel, gehörten sie zu jener Halb-Klasse, die er als »Lumpenproletariat« verachtete.

Weitere 75 Jahre nach Marx nahm sich der Ökonom John Maynard Keynes erneut des Themas an und stellte fest, dass es den hochindustrialisierten Gesellschaften im Europa des 20. Jahrhunderts nicht gelungen war, für Vollbeschäftigung und eine gerechte Verteilung von Einkommen und Wohlstand zu sorgen. Keynes war davon überzeugt, es sei die Aufgabe von Regierungen, eine ausgleichende Rolle zu spielen. Aber das erwies sich als trügerisch - sowohl die Ungleichheit als auch die Arbeitslosigkeit haben wir immer noch nicht überwunden, wie Simon Kuznets bei seiner Dankesrede feststellte, nachdem ihm 1971 für seine Analyse ökonomischer Ungleichheit der Wirtschaftsnobelpreis verliehen worden war. Damit Menschen eine Chance haben, ihre Lebensumstände zu verbessern, sagte er, bedürfe es »Innovationen in der politischen und sozialen Struktur«. Der deutsche Ökonom Karl-Heinz Brodbeck, der das Wirtschaftsleben aus einer buddhistischen Perspektive betrachtet, stellte neulich in einer Arbeit fest: »Das Wirtschaftshandeln wird so lange von einem Denken bestimmt und geformt werden, das Leiden zur Konsequenz hat, bis es die wechselseitige Abhängigkeit aller sozialen und natürlichen Phänomene als seine Grundlage anerkennt.«

Solange es die nötigen politischen und sozialen Innovationen nicht gibt, verkörpert das System D einen Schritt hin zu Wechselseitigkeit und Kooperation und trägt dazu bei, dass Menschen Aufstiegschancen bekommen. Während etwa Regierungen in aller Welt sich beeilen, sich aus ihrem ureigenen Geschäft, für die Menschen zu sorgen, zurückzuziehen, indem sie öffentliche Dienstleistungen privatisieren, übernimmt der Schwarzmarkt auch diese Dienste – und kümmert sich um Müllabfuhr, Recycling, Transport und die Infrastruktur. In der ganzen Welt sagen Menschen, die in der Schattenwirtschaft tätig sind, dass ihr bloß quasilegaler Status die einzige Möglichkeit war, ihre Geschäfte überhaupt auf den Weg zu bringen. »Ich hatte nie eine andere Option«, sagte ein unlizenzierter Juwelenhändler in New York zu mir. »Es ist mir nicht einmal in den Sinn gekommen. Es war finanziell absolut unmöglich.«

In São Paulo hat es Édison Ramos Dattora, ein Zuwanderer aus den verarmten ländlichen Regionen Brasiliens, geschafft, sich als camelô, als unlizenzierter Straßenhändler zu etablieren. Er begann mit dem Verkauf von Süßigkeiten in Zügen und ist jetzt in einer lukrativeren Branche tätig - er verkauft an die Pendler DVDs mit Raubkopien der neuesten Kinofilme. Sein Untergrundhandel, bei dem er ständig vor der Polizei auf der Hut sein muss, hat seiner Familie einen Lebensstandard verschafft, von dem er nie zu träumen gewagt hätte: ein Bankkonto, eine Kreditkarte, eine Wohnung im Stadtzentrum, sogar genug Geld, um nach Europa zu reisen.

Auch unter den schwierigsten Bedingungen versuchen die Unternehmer der Schattenwirtschaft, ihre Lebensumstände zu verbessern. Normalerweise ist eine Mülldeponie der allerletzte Ort, an dem man Hoffnung vermuten würde. Aber in Lagos hat es Andrew Saboru geschafft, sich aus den Müllbergen zu arbeiten, die er lange nach Verwertbarem durchkämmte. Er ist jetzt ein Händler für Recycling-Güter mit einem gut gehenden Geschäft. Er hat das aus eigener Kraft geschafft, ohne Hilfe der Regierung, irgendeiner Nichtregierungsorganisation oder irgendeiner Bank. »Lagos ist eine gute Stadt«, sagt er, »wenn du eine Idee hast und genug Energie, kannst du hier Geld verdienen. Ich glaube, dass die Zukunft vielversprechend ist.«

Andrew hat 16 Jahre gebraucht, um es dorthin zu schaffen, wo er jetzt steht, und er ist stolz auf das Geschäft, das er aufgebaut hat.
Wir sollten es auch sein.
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Robert Neuwirth

ist ein altmodischer Reporter: Er nimmt die Wirklichkeit nicht bloß von fern zur Kenntnis, sonder lässt sich auf sie ein. Für sein »Buch Stealth of Nations« hat er vier Jahre lang bei Straßenhändlern und Schmugglern recherchiert und in Slums gelebt.

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