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aus Heft 29/2012 Kunst Noch keine Kommentare

»Picasso war wie ein Taliban«

Die Malerin Françoise Gilot lebte zehn Jahre mit Pablo Picasso zusammen. Eine Katastrophe, sagt sie – aber eine wunderschöne.

Interview: Malte Herwig




Paris, Montmartre im Mai. Die Bordsteinmaler stehen auf der Place du Tertre und zeichnen japanische Touristen. Viel ist nicht geblieben von Ruhm und Ruch des Künstlerviertels, in dem Renoir und Van Gogh wohnten und Picasso ein Atelier hatte.

Wenige Straßen weiter sitzt die berühmteste Überlebende der Kunstgeschichte in ihrem Atelier: rotes Kleid, Pagenkopf, über den wachen Augen die berühmten Zirkumflex-Brauen, von denen Matisse so schwärmte.

Das ist die Malerin Françoise Gilot. Jeder kennt das Foto, auf dem Pablo Picasso schützend einen Sonnenschirm über sie hält. Sie ist mittlerweile 90 Jahre alt. Gemessen an der zierlichen Figur sind ihre Hände kräftig.

Malen ist Arbeit, und sie malt immer noch jeden Tag.


SZ-Magazin: Madame Gilot, Sie waren zehn Jahre lang Pablo Picassos Geliebte und Muse, sind außerdem die Mutter seiner Kinder Claude und Paloma. Im Leben Picassos gab es viele Frauen. Für die meisten von ihnen endete die Liebe böse.
Françoise Gilot: Nicht wahr? Marie-Thérèse Walter hat sich erhängt, Jacqueline Roque hat sich erschossen, Olga Chochlowa und Dora Maar sind wahnsinnig geworden. Nur ich bin immer noch das blühende Leben.

In Ihrem Buch Leben mit Picasso zitieren Sie ihn mit den Worten: »Jedes Mal, wenn ich eine neue Frau nehme, sollte ich ihre Vorgängerin verbrennen. Dann wäre ich sie los«.
Pablo sagte, so könne er vielleicht seine Jugend zurückgewinnen. Zwischen uns lagen 40 Jahre, und die Vorstellung, dass ihn eine seiner Frauen überleben könnte, machte ihn rasend. Dabei war er auch im Alter noch unglaublich vital. Zu mir hat er mal gesagt: »Du wirst nicht so lange leben wie ich.«

Und heute sind Sie genau 90 Jahre und sechs Monate alt. Sie stellen in Amerika, Frankreich und Deutschland aus und wirken alles andere als müde. In zwölf Monaten werden Sie länger gelebt haben als Picasso.
Er würde sagen, das ist der Beweis dafür, dass er mich nicht genug hat leiden lassen.

Für ihn gab es nur zwei Arten von Frauen: Göttinnen und Fußabstreifer. In welche Kategorie gehörten Sie für ihn?
Ich erzähle Ihnen mal eine Geschichte: Als ich mit Paloma schwanger war, reiste Pablo zu einem Friedenskongress nach Warschau. Er wollte nur ein paar Tage dort sein und versprach, mir jeden Tag zu schreiben. Stattdessen ließ er seinen Fahrer die Telegramme verfassen und blieb vier Wochen fort. Als er zurückkam, fragte er mich grinsend, ob ich mich freue, dass er wieder da sei. Da habe ich ihm eine Ohrfeige gegeben. Wenigstens dieses eine Mal war ich eine Göttin. Von da an hat er mir jeden Tag geschrieben, wenn er fort war.

Sie haben Picasso als ungeheuer besitzergreifenden Menschen beschrieben. Er wollte, dass Sie einen Schleier und ein langes, schwarzes Kleid tragen, fast wie eine Burka. Warum?

Man könnte sagen, da war er wie ein Taliban. Oder denken Sie an die spanische Inquisition – vergessen Sie nicht, dass die Menschen in Spanien eine Tendenz haben, die Extreme des Sadismus auszuloten. Pablos Sadismus war jedenfalls ein sehr wichtiger Bestandteil seiner Persönlichkeit. Als ich ihm mal halb im Scherz sagte, er sei der Teufel, blickte er mich mit seinen stechenden Basiliskenaugen an und entgegnete: »Und du bist ein Engel aus der Glutzone und damit mein Untertan, ich werde dich brandmarken.« Dann hielt er seine Zigarette nah an meine Wange, aber ich tat ihm nicht den Gefallen, auch nur mit der Wimper zu zucken. Schließlich sagte er, nein, ich will dich ja vielleicht doch noch mal anschauen.

Als Picasso Sie Matisse vorstellen wollte, durften Sie sich ausnahmsweise farbenfroh kleiden.
Ich zog mir eine malvenfarbene Bluse und eine grüne Hose an, weil ich wusste, dass ihm diese Farben gefallen würden, ich kannte ja seine Gemälde. Matisse hatte diesen untergründigen Humor und tat so, als ahne er nichts von unserer Affäre. Er sagte Pablo, er wolle mein Porträt malen, den Körper blau und die Haare grün. Sobald wir wieder im Auto saßen, schimpfte Pablo: »Wie kann er es wagen, dein Porträt malen zu wollen? Das mache ich.« Dabei waren wir da schon drei Jahre zusammen, und Pablo hatte außer einer Lithografie noch nie ein Porträt von mir gemacht.

Wie war das Verhältnis zwischen den beiden wichtigsten Malern ihrer Zeit?
Es war eine Freundschaft. Matisse war ein paar Jahre älter und väterlicher, was Pablo aber nicht missfiel. Er akzeptierte den Unterschied. Matisse witzelte einmal, sie seien wie Nord- und Südpol. Er kam ja aus Nordfrankreich und Picasso aus Südspanien. Darauf sagte Pablo: »Stimmt, ich bin der Südpol, denn der ist kälter.«

Die Gipfeltreffen der zwei Genies scheinen immer großen diplomatischen Aufwand erfordert zu haben. Wie war die Atmosphäre, wenn die beiden sich trafen?
Es wurde wenig gesprochen, sie belauerten sich gegenseitig. Matisse und Picasso hatten das Selbstverständnis von Potentaten. Sie waren die zwei wichtigsten Genies ihrer Zeit, die zwei Hauptsäulen des Tempels. Wir reden immer von einer Republik der Künste, in der jeder gleich ist, aber das entspricht nicht der Realität. Einige sind gleicher als andere in dieser Republik.

Kurz nach Ihrem Treffen mit Matisse malte Picasso Sie als Blume mit blauem Stengel und grünen Blättern. Wie man jetzt in der New Yorker Ausstellung Picasso and Françoise Gilot sehen kann, hat er Sie danach immer wieder porträtiert: als Baum in einer Winterlandschaft oder beim Ringen mit einem großen Hund. Warum haben Sie an seiner Seite gar nicht mehr gemalt?

Weil dafür kein Platz war. Ich wusste, dass ich in seiner Gegenwart nicht zu viel Raum einnehmen durfte. Und Leinwände sind groß, also habe ich nur gezeichnet, solange ich mit ihm zusammenlebte.

Als Sie Picasso sieben Jahre später verließen, prophezeite er Ihnen, dass sich die Leute nur noch seinetwegen für Sie interessieren würden.
Ach, wissen Sie, ich habe ihn 1953 verlassen, also vor bald 60 Jahren, und seitdem habe ich gemacht, was ich will. Zwischen Pablos Werk und meinem gab es eine große Affinität im Stil, das ist richtig. Aber das Gleiche könnte ich von Matisse oder Braque sagen. Ich mag auch die italienische Frührenaissance sehr. In der Malerei haben wir keine Eltern, nur Vorfahren.

Wie kommt es, dass Künstlerinnen oft im Schatten dominierender Männer stehen? Bei der letzten Auktion von Christie’s in New York war das Verhältnis elf zu eins. Das teuerste Nachkriegsgemälde Orange, Red, Yellow von Marc Rothko erzielte 86,9 Millionen Dollar, das teuerste Kunstwerk einer Frau, Louise Bourgeois, dagegen nur 10,7 Millionen.
Es stimmt, dass Frauen weniger Geld für ihre Kunst bekommen. Heute noch werden in den Galerien viel mehr männliche als weibliche Künstler ausgestellt. Aber teilweise sind wir Frauen auch selbst dran schuld. Wir sind immer so narzisstisch, viel mehr als die Männer. Und wir entwickeln zu selten den Mut, wir selbst zu werden und Einschränkungen nicht zu akzeptieren.

Aber gerade Picasso war doch ein ungeheuerer Narzisst.
Er hatte eben auch eine weibliche Seite.

Waren Sie immer eine mutige Frau?
Ja, für ein Gefühl wie Angst war ich nie zugänglich. Als ich 13 Jahre alt war, stand ich auf einem hohen Balkon und jemand rief, ich solle runterspringen. Also sprang ich und habe mir den Fuß gebrochen. Aber ich bin gesprungen. Wenn man mich provoziert, dann reagiere ich: Volle Kraft voraus! Meine Eltern wollten immer einen Sohn, stattdessen bekamen sie mich. Und so musste ich meinen Körper und meinen Geist wie ein Junge entwickeln. Schon früh haben sie mit Sportarten wie Reiten, Skifahren und Schwimmen meinen Mut gefördert. Das hat mir geholfen, mein Selbstbewusstsein zu entwickeln und keine Angst zu haben. Später haben meine Eltern es bereut, denn ich hatte auch vor ihnen keine Angst mehr.

Ihr Vater bestand darauf, dass Sie Jura studieren. Wie haben Sie es trotzdem geschafft, Ihrem Wunsch gemäß Malerin zu werden?
Ich habe erst Philosophie studiert und dann mit Jura angefangen. Paris war schon unter deutscher Besatzung, als ich am 11. November 1940 zusammen mit Kommilitonen zum Arc de Triomphe marschiert bin, um Blumen auf das Grab des unbekannten Soldaten zu legen. Dabei wurden wir verhaftet und mein Name wurde auf eine Liste mit Geiseln gesetzt. Wenn in meinem Viertel ein deutscher Soldat getötet worden wäre, hätten die Deutschen 50 Franzosen von dieser Liste umgebracht. Drei Monate lang musste ich mich jeden Tag auf der Kommandantur melden. Dieser Prozedur entkam ich erst, als ich vorgab, nicht mehr Jura zu studieren. Aus irgendeinem Grund hassten die Deutschen Jurastudenten. Also habe ich gesagt, ich sei Modedesignerin. Da haben sie mich laufen lassen. Von da an malte ich jeden Tag.

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