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aus Heft 36/2012 Mode Noch keine Kommentare

»Ich liebe Zwitter in jeder Form«

Nicolas Ghesquière ist DER WUNDERLICHE SPIELMANN unter den Modeschöpfern: kreativer als die meisten anderen, aber auch viel schwerer zu fassen. Keiner wird im Moment mehr bejubelt. Eine Begegnung.

Von Silke Wichert (Interview)  Foto: Jean-François Robert




Als Nicolas Ghesquière 1996 bei Balenciaga anfing, war er nur eine Notlösung für eines der erfolgreichsten Häuser der Haute Couture. Heute könnte er so ziemlich jeden Job in der Mode haben - wenn er denn wollte.


Als der Couturier Cristóbal Balenciaga 1968 sein Atelier in Paris schloss, jammerte Diana Vreeland, die damalige Chefredakteurin der amerikanischen »Vogue«: »Es war, als ob sich die Sonne verdunkeln würde. Plötzlich wusste man überhaupt nicht mehr, was man anziehen sollte.« Wenn der heutige Designer von Balenciaga, Nicolas Ghesquière, plötzlich hinschmeißen würde, ginge wieder mindestens die Welt unter: »Visionär«, »Mr. Zeitgeist«, »fantastischer Futurist« – darunter machen es die Modekritiker nicht, wenn sie von Ghesquière schwärmen. Kein anderer Designer der jüngeren Generation spielt so innovativ mit Silhouetten und Stoffen. Und kaum ein anderer macht sich so rar: Der Franzose gibt – ganz in der Tradition Balenciagas – kaum Interviews, lädt nur einen kleinen Kreis zu Modenschauen ein. Zum »Posterboy« der Mode wie Marc Jacobs wird man so nicht, obwohl er gewiss das Zeug dazu hätte.

SZ-Magazin: Herr Ghesquière, jede Saison wird in der Mode irgendeine Dekade recycelt. Gerade waren es die Fünfziger. Und ein bisschen die Zwanziger. Jetzt kommen die Neunzigerjahre. Hat es einfach alles schon gegeben?
Nicolas Ghesquière: Überhaupt nicht. Es stimmt zwar, dass momentan ständig irgendein Jahrzehnt hervorgeholt wird, aber das Haus Balenciaga verfügt sowieso schon über eine ganz gute Historie, da muss ich nicht ständig in die Archive schauen. Ich muss das Gefühl haben, dass es um die Welt geht, in der wir jetzt leben. Oder um die von morgen.

In was für einer Welt leben wir denn? Sie machen vor jeder Kollektion eine »emotionale Recherche«, heißt es, um herauszufinden, wonach die Menschen gerade streben. Also?
Es geht immer um die gleichen Dinge: Liebe, geliebt werden, Vertrauen, sich in Sicherheit wiegen, in Harmonie leben. Alles, was glücklich macht.Das ist alles? Davon hatte ich mir mehr versprochen.Das zu erreichen wäre doch schon ein ganz guter Anfang, oder nicht?

Modenschauen werden live im Internet übertragen, Blogs diskutieren und analysieren haarklein jeden Trend – sind das Entwicklungen, die Ihre Arbeit beeinflussen?
Alle schauen hin, alle wollen mitreden. Mode ist heute Popkultur geworden. Bisher kannte man das von der Musik, von Filmen, vom Fernsehen, aber Mode hatte noch nie eine so große Anziehungskraft wie heute. Als ich aufgewachsen bin, war diese Branche etwas für merkwürdige Leute. Und jetzt, 20 Jahre später, ist sie ein globales Phänomen. Das sollten wir zelebrieren.

Tun Sie doch gar nicht. Balenciaga ist immer noch so exklusiv, dass eigentlich kaum jemand Zugang zu Ihnen, geschweige denn eine Einladung für Ihre Modenschauen bekommt.
Richtig. Aber das sollte nie prätentiös rüberkommen. Und auch wir werden allmählich zugänglicher. Aber grundsätzlich halte ich eine Zeit, in der alle Welt Mode liebt und ein Teil davon sein will, für eine gute Entwicklung.

Lässt sich das auch an der Kleidung ablesen?
Ich glaube, das Angebot war noch nie so groß. Das ist gut! Für jeden ist etwas dabei. Alles wird mit allem gemixt. Andererseits interessieren mich natürlich besonders die Leute, die genau aus diesem Grund wieder versuchen, sich von den anderen abzuheben, und ihnen als Vorbild dienen. Es gibt also diesen riesigen Gegensatz zwischen Mode als Popkultur, die für alle da ist und ganz frei interpretiert wird, und den Trends, die nur von einer ganz kleinen Gruppe von Menschen gesetzt werden. Das ist ein bisschen wie ständig zwischen zwei Welten hin- und herzujetten.

Ihr Atelier wird das »Labor« genannt, weil Sie bei Ihren Kollektionen so viel experimentieren – was entsteht dort gerade?
Sagen wir so: Im Moment entstehen dort Geschichten. Bei der Kollektion für diesen Herbst zum Beispiel erzählen wir eine sehr spezifische Geschichte über die Wirtschaft von heute. Die Welt wird von Zahlen regiert, alles dreht sich um die »Economy«. Also habe ich mir vorgestellt, wie die ideale Firma heute aussehen würde, welche Charaktere dort arbeiten, was sie tragen: Chefinnen, Sekretärinnen, Praktikanten – das ganze Team von »Balenciaga Inc«. Die Kollektion haben wir dann in einem alten, leer stehenden Büroturm präsentiert, den wir für unsere Firma komplett neu eingerichtet haben.

Die Frauen tragen zur Arbeit halb transparente Röcke, aufgepumpte Pullover, Metallic-Hosen – in Ihrer fiktiven Firma gibt es keinen »Casual Friday«, oder?
Nein, nein. Unsere Mädchen tragen schwere Wollmäntel mit Abendkleidern darunter – so als wären sie am Abend vorher ausgegangen und am nächsten Morgen direkt ins Büro gekommen. Kein Casual Friday!

Und dann schicken Sie Ihre Geschichten über den Laufsteg und am Ende sagt jemand: »Kapiere ich nicht«. Stört Sie das?
Schon oft passiert. Mir geht es in erster Linie um den Effekt, der Neues auslöst, recht machen kann man es sowieso nie jedem. Liebe es oder hasse es – so war das schon immer bei mir. Ich hatte wahrscheinlich schon die besten Kritiken, die ein Designer jemals bekommen hat, und die schlechtesten, die ein Designer jemals bekommen hat. Wenn die Leute etwas in der Kollektion nicht mögen, verteufeln sie es, aber wenn ihnen etwas gefällt, beten sie es an. Dazwischen gibt es nichts, das ist das Risiko.

Sie gehören zu den Designern mit den aufwendigsten Stoffen: Mäntel mit aufgeschäumten Stickereien, Kleider, die wie gelackt aussehen. Wie lange dauern solche Entwicklungen im »Labor«?
Teilweise Monate, und das nur für die Stoffe! Dieser Mantel, den Sie ansprechen – er sieht von Weitem aus wie bedruckt, von Nahem wie bestickt, tatsächlich sind es aber Applikationen aus Stoff. Meine Ursprungsidee waren Quecksilbertropfen, die auf der Oberfläche zerfließen. Der Mantel ist also aus Silberjersey, das mit einem Film überzogen ist, um diesen besonderen Glanz zu erzeugen. Die Tropfen darauf sind per Hand aufgenäht und bestehen aus drei Lagen: papierartiger Seide, Jersey-Lamé und Schaumstoff, damit die Tropfen plastisch erscheinen.

Tom Ford läuft zu Hause am liebsten nackt herum, Gaultier geht auf die Straße – wann kommen Ihnen die besten Ideen?
Ganz verschieden. Aber ich liebe Zwitter in jeder Form. Die Idee, etwas zusammenzubringen, von dem man sich nie vorstellen konnte, dass es zusammen funktioniert – das ist es, was mich interessiert.

Was wäre denn ein solcher Zwitter?
Die Idee zu »Florabotanica«, dem Parfum, das wir im November herausbringen, spielt zum Beispiel mit der Kreuzung aus Blumen und Architektur. Normalerweise sind Blumen romantisch, zart, organisch in ihrer Form. Wir hingegen stellten sie uns architektonisch geformt vor, wie ein Kleid mit strenger Linie.

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