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aus Heft 41/2012 Frauen 2 Kommentare

Endlich Respekt zeigen

Was tun gegen Gewalt und Unterdrückung? Eine Handvoll Frauen in Kenia hat ein männerloses Dorf gegründet – und hofft auf eine neue Generation von Männern, die sich endlich von veralteten Traditionen löst.

Von Simone Kosog  Fotos: Siegfried Modola



Eine Holzbaracke in Archer’s Post, einem kleinen Ort in Kenia, drei Männer vom Volk der Samburu trinken ihren Tee. Der Älteste, klein und eingefallen, ist in ein rot-weiß kariertes Tuch gehüllt, tief hängen seine durchstochenen Ohrläppchen. Die anderen beiden tragen Hemd und Jeans. Bereitwillig plaudern sie, wenn man sie etwas fragt, es ist ja sonst nichts los.

Frage: Warum sollten nur die Männer Rechte haben?
»Weil das unsere Tradition ist. Frauen sind wie Kinder, sie müssen erzogen werden. Wenn sie unerzogen sind, muss man sie schlagen, um sie zu disziplinieren.«
Es gibt Frauen, die ganze Nationen regieren. Sind die auch wie Kinder?
»Diese Frauen haben alle einen Ehemann, der ihnen sagt, was sie tun sollen.«
Und wenn eine Frau ihren Mann schlagen würde?
»Dann muss man sie umbringen, und wenn ich keinen Stock hab, nehm ich das Messer.«

Die drei Samburu-Männer erheben nicht einmal ihre Stimmen. Umoja, das Dorf der Frauen, ist keine zwei Kilometer entfernt, und wenn man erahnen will, was es die Frauen gekostet hat, ihre eigene Welt aufzubauen, und warum sie das mühsame, harte Leben, das sie jetzt führen, als großes Glück empfinden, dann muss man sich wohl mal angehört haben, was Männer wie Wilson, Barasi und Douglas im Jahr 2012 von sich geben, man hätte auch drei andere fragen können.

Es ist ein Kunststück, in Kenias Halbwüste zu überleben. Jeder trockene Busch, jede Schirmakazie, die es geschafft hat, hier zu wurzeln, schützt sich mit kräftigen Dornen, Skorpione und Schlangen halten Gift bereit und in dem braunen Fluss Uwaso lauern die Krokodile. Nicht weit vom Fluss liegt hinter Stacheldraht und einem Dornenwall ein Schutzort, in dem zurzeit 48 Frauen und ihre Kinder leben. Aus Ästen, Lehm und Kuhdung haben sie ihre Hütten, die Manyatas, gebaut – nur zwei Gebäude sind aus Stein: das Schulhaus, in dem die Frauen und Kinder aus Umoja und dem Umland unterrichtet werden; und das kleine Museum, in dem sich die Touristen über die Geschichte der Samburu informieren können. Es ist heiß und windig im Dorf, fein klingeln die Metallplättchen, die den traditionellen Perlenschmuck der Frauen umranden. Ein dürrer Hahn fegt über den Platz, sonst hat es niemand eilig.

Die Frauen sitzen in kleinen Gruppen auf weißen Plastiksäcken, die Beine ausgestreckt, einen Fuß über dem anderen. Gegen den feinen Sand, der sich auf Haut und Kleidung legt, können sie nichts tun, wohl aber gegen den Müll; jede Plastiktüte, die ins Dorf geweht wird, sammeln sie ein. Wie jeden Tag fädeln sie ihre Perlen auf, sortieren mit feinem Draht die richtigen Farben auf der Handfläche. Den Schmuck verkaufen sie an Touristen – davon und von den Einnahmen aus ihrem kleinen Camp am Fluss leben sie, es reicht gerade so. In vielen Ringen und variierenden Mustern liegt der Schmuck schwer über ihren bunten Gewändern, um Hals und Brust, weit hinab bis über die Schultern und um den Kopf.

Rebecca Lolosoli sitzt als Einzige auf einem Holzschemel; er wirkt klein für die kräftige Frau, das Oberhaupt dieser Gemeinschaft. Ihr Blick ist stolz, sie strahlt das Selbstbewusstsein aus, das ihr Vater, ein bedeutender Samburu-Stammesführer, ihr vererbt hat – entgegen jeder Tradition. Ein Handy läutet. Rebecca greift unter ihren Perlenschmuck, zieht ein Nokia hervor und nimmt eine Buchung für das Camp entgegen – ihre Berührungsängste haben die Frauen in vielerlei Hinsicht abgelegt.

Vor 22 Jahren hatte Rebecca Lolosoli die Idee, ein Dorf nur für Frauen zu gründen. Da lag sie gerade im Krankenhaus, nachdem sie von einer Gruppe Männer zusammengeschlagen worden war. Es hatte den Männern nicht gepasst, dass Rebecca ständig die Frauen um sich versammelte, das Wort erhob gegen Ehemann und Schwiegervater und es wagte, laut auf Versammlungen über das Unrecht zu sprechen, das den Frauen widerfuhr. In der Tradition der Samburu, ursprünglich ein Nomaden-Volk, herrschen die Männer über ihre Familie, sie sind diejenigen, die das Land und die Tiere besitzen, die zuerst essen, die meist mehrere Frauen haben, sie schlagen dürfen.

In der Nähe von Archer’s Post hatte die britische Armee ihr Lager, früher waren hier Truppen zu Trainingszwecken stationiert. Immer wieder kam es vor, dass Soldaten einheimische Frauen vergewaltigten. Wie Nagusi Lolemu, die gerade beim Wäschewaschen am Fluss war, als sich drei Männer in Uniform auf sie stürzten. Verletzt schleppte sich die Samburu-Frau zu ihrer Hütte und erzählte ihrem Ehemann, was passiert war. Er versorgte nicht ihre Wunden, er stand ihr nicht bei, er verfolgte auch die Soldaten nicht – er verprügelte seine Frau mit einem Holzscheit, beschimpfte sie dafür, dass sie Schande über die Familie gebracht habe und jagte sie aus dem Haus.

Umoja heißt »Einheit«. In ihrem eigenen Dorf, so Rebeccas und Nagusis Überlegung damals, würden sich die Frauen gegenseitig schützen, einander den Respekt erweisen, von dem die Männer Lichtjahre entfernt waren. Die Frauen suchten sich einen Platz ganz in der Nähe des Samburu-Nationalparks, wo regelmäßig die Safari-Touristen vorbeikommen, von denen sie sich ein Einkommen erhofften. Sie schlugen ihr Lager auf, begannen mit dem Bau der ersten Hütte, der zweiten, der dritten.

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Kommentare

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  • Ulrike Müller (0) Bewundernswerte Frauen. Doch lassen wir uns nicht auseinanderdividieren: Bei uns heißt Freiheit für Frauen, sich prostituieren zu dürfen. Auch bei uns, im weißen Europa, sind Frauen Freiwild: Es sei denn, sie lassen sich abrichten. Manchmal erkennt man das Gefüge nicht...
  • Marlune Mesch (0) Afrika auf dem richtigen Weg! Endlich mal was positives, wie schön.