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aus Heft 42/2012 Literatur

»Ich wäre liebend gern ein Böser«

Malte Herwig und Sven Michaelsen (Interview)  Fotos: dpa; rtr; afp

Peter Handke kann schon ziemlich schroff werden. Aber nur, wenn er sich in die Enge getrieben fühlt. Sonst ist er »schändlich versöhnlich«, sagt er. Ein Gespräch über Widersprüche.




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SZ-Magazin: Herr Handke, Sie waren 22, als Sie den Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld kennenlernten. In den folgenden 35 Jahren führten Sie einen Briefwechsel mit ihm, der jetzt als Buch erscheint. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr erstes Treffen im September 1965?
Peter Handke: Ich bin ein Mensch, der furchtbar auf Einzelheiten abfährt. Ich weiß ganz genau, dass er einen Furunkel auf der Nase hatte.

Unseld fuhr eine Jaguar-Limousine mit dem Nummernschild F-SU 1 und trank Weißwein aus silbernen Bechern.
Entsetzlich. Das schmeckt überhaupt nicht. Ich habe es nicht erreicht, dass das nach seinem Tod geändert wurde. Das war dann Pietät oder was auch immer. Diese Becher stehen für Gäste immer noch bedrohlich bereit.

Unseld entstammte dem Kleinbürgermilieu. Kam Ihnen sein Nummernschild neureich vor?
Ungeschickt eher. Siegfried, inzwischen darf ich ihn beim Vornamen nennen, war ein innerlich sehr scheuer Mensch, der eine eiserne Energie zeigen musste. Es war ein großer Zwiespalt in ihm, den ich würdigen konnte, als ich ihm näher kam.

In der Villa Ihres Verlegers in der Frankfurter Klettenbergstraße hing ein Porträt Unselds von Andy Warhol. Besuchern las er gern vor, was Warhol im November 1980 in sein Tagebuch notiert hatte: »Traf Dr. Siegfried Unseld. Er ist der Verleger von Hermann Hesse und Goethe. Er sieht wirklich gut aus.«
Er hat zeigen wollen, dass er angekommen ist, von einem Fluchtpunkt, der ganz weit weg war. Und jetzt steht er als Riese da. Alles um ihn musste das Format des Riesigen haben. Das Warhol-Porträt finde ich unerträglich. Ich sage immer zu Ulla, seiner Witwe und heutigen Verlags-Chefin, ich gehe nicht in die Klettenbergstraße, wenn ich diesen Warhol anschauen muss. Da braucht man ein Stillleben. Das wäre gut für einen Verlag.
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Wird der Warhol abgehängt, wenn Sie zu Besuch kommen?
Nein. Ich schau da nicht hin und sage, wir gehen in einen anderen Raum.

1981 kam es zum ersten großen Krach mit Unseld, weil Sie ihm vorwarfen, mit Marcel Reich-Ranicki zu fraternisieren. Als Sie bei Ihrem Verleger einen Band mit Aufsätzen des Kritikers entdeckten, schrieben Sie: »Die Zeit der Lügen muss ein Ende haben. Schon an jenem Tag, als ich am Frühstückstisch in Frankfurt in dem Sammelwerk des übelsten Monstrums, das die deutsche Literaturbetriebsgeschichte je durchkrochen hat, die Widmung an Dich, meinen Verleger, gelesen habe: ›In alter Verbundenheit‹, da hätte ich die Pflicht vor mir und dem, was mir noch vorschwebt, gehabt, für immer meine Arbeiten aus Deiner sogenannten Obhut zu nehmen. Unsere Wege trennen sich hiermit, unwiderruflich.«
Das war ein völlig sinnloser Amoklauf, aber er hat mich, so blöd dialektisch das klingt, auch befreit. Was Reich-Ranicki zu Langsame Heimkehr geschrieben hat, war nackter Vernichtungswille. Er wollte mich weghaben. Und am nächsten Tag hat Siegfried Unseld ihn empfangen, ihn bewirtet. Ich fühlte mich verraten und musste einen Auslauf suchen aus mir. Da habe ich eben losgelegt. Ich bedaure das nicht.

Warum haben Sie Ihre Ankündigung, Suhrkamp zu verlassen, nie wahrgemacht?
Ich habe ein paar Mal im Leben so Ewigkeitserklärungen gemacht, aber ich bin schändlich versöhnlich. Ich wäre liebend gern ein Böser, aber es ist nicht der Fall.

Nach einem Krisengespräch mit Ihnen notierte Unseld: »Er ›hasste‹ meine ›verbrüdernde, zersetzende, krebserregende‹ Umarmung mit den Medienpäpsten.« War das so?
Ich habe damals nicht begriffen, dass er auch ein Händler und Kaufmann ist, eine Art Drehmännchen. Wie eine Karussellfigur musste er zu allem, was im Umkreis passierte, ein gutes Gesicht machen, oder zumindest ein kommunikatives.

Sie sollen Unseld gezwungen haben, das von Reich-Ranicki signierte Buch vor Ihren Augen in den Papierkorb zu werfen.
Jetzt wollen Sie auf dem Thema Reich-Ranicki drei Stunden herumgaloppieren, oder?

1994 sagten Sie: »Nie werde ich Reich-Ranicki auch nur das Kleinste verzeihen können.« Sind Sie heute milder gestimmt?
Wollen wir den jetzt seinen Lebensabend ruhig verbringen lassen? 15 Jahre meines Lebens hat mich das wirklich beschäftigt. Auch Martin Walser war ja fast krank, besessen. Da bin ich noch ein harmloser Fall.

Reich-Ranicki hat in letzter Zeit versucht sich mit einigen Autoren zu versöhnen.
Ich habe es gehört. Sogar mit Ulla Berkéwicz. Die hat mir erzählt, er kam eines Tages in ihr Vorzimmer angekeucht, mit letzter Kraft, unangemeldet. Und dann saßen die einander gegenüber. Der eine hat gekeucht, die andere wahrscheinlich milde gelächelt. Ich habe keine Lust, mir das vorzustellen. Es ist eine allgemeine Weltbewegung in dem armen alten Mann, was auch immer Versöhnen ist. Aber haben wir nicht andere Probleme? Er ist überhaupt kein Problem mehr für mich. Es ist nichts zu versöhnen. Es ist vorbei. Ich bin der, der dies gemacht hat, und er ist der, der das zusammengeschustert hat. Ich glaube, das ist unsterblich, wie ich es in der Lehre der Sainte-Victoire geschrieben habe: Ein paar getrocknete Haufen liegen herum von dem Hund. Das wurde mir übel genommen als Antisemitismus, aber da konnte ich auch nur staunen drüber. Er lebe in Frieden. Ich sage das ganz ernsthaft.

Nach einem Ihrer Wutbriefe schrieb Ihnen Unseld 1993: »Lieber Peter, ab und an hätte ich nicht übel Lust, dem einen oder anderen Autor einen Brief zu schreiben, derart, wie Du ihn mir geschrieben hast. Aber im Autor/Verleger-Stück braucht es ja wohl unbedingt das umgekehrte Rollenspiel, in dem es fettgedrucktes Gesetz ist, ausschließlich nach Verletzung und Wahrheit des einen Protagonisten zu fragen.«
Dieses lateinische Periodensystem klingt so, als ob ein Ghostwriter ihm das geschrieben hätte, vielleicht ein Lektor. Wenn er wusste, dass das nicht publiziert wird, konnte er auch unendlich verletzend sein. Das Manuskript von Mein Jahr in der Niemandsbucht habe ich mit äußerster Sorgfalt mit Bleistift geschrieben. Da hat er mir eines Abends im Schlosshotel in Kronberg wirklich gesagt, das ist kein ablieferungsfähiges Manuskript, wenn es mit der Hand geschrieben ist. Da bin ich durchgedreht. Gehen Sie nach Kronberg ins Schlosshotel. Vielleicht ist das noch in der Luft, wie ich da gebrüllt habe. Viele meiner Wutausbrüche, es waren 63 im Laufe meiner Jahre, wenn nicht mehr, bedaure ich, aber dass ich da losraketisiert habe, bedaure ich nicht.

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Malte Herwig und Sven Michaelsen kam in Handkes Toilette etwas bekannt vor: Neben den Lichtschalter hatte der Hausherr einen Ausriss aus einem SZ-Magazin von 2004 gehängt. Die Seite zeigte Handkes Konterfei in einem überquellenden Mülleimer. Die Überschrift lautet: »Mit Wonne in die Tonne. 20 Dinge, die wir im neuen Jahr endgültig los sind.« Ist es Zufall, dass jetzt gerade ein Buch von Handke erscheint, das Versuch über den stillen Ort heißt?

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