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aus Heft 42/2012 Literatur

»Ich wäre liebend gern ein Böser«

Seite 3: »Die scheußlichsten Wörter der Bundesrepublik kommen von Journalisten.«

Malte Herwig und Sven Michaelsen (Interview)  Fotos: dpa; rtr; afp




Sie leben seit 22 Jahren in Chaville bei Paris …
… seit 22 Jahren, sechs Monaten und 13 Tagen.

Kriegt Sie noch jemand hier weg?
Ich möchte nicht, dass irgend so ein Steuerberater oder Journalist in meinem Haus wohnt. Sonst würde ich vielleicht weggehen. 

Sie haben zwei erwachsene Töchter, die Ihnen vermutlich nahelegen, endlich das Schreiben von E-Mails zu erlernen. Wann knicken Sie ein?
Wenn Sie das Wort einknicken noch mal verwenden, stelle ich Sie hinaus in den Regen. Einknicken, sich hinauslehnen, verschnarcht: Die scheußlichsten Wörter der Bundesrepublik kommen von Journalisten.

Sie sind seit vielen Jahren mit dem Verleger Hubert Burda befreundet. Will er Ihnen E-Mails schreiben?
Hubert Burda kann selber keine E-Mails schreiben. Der kann nicht einmal SMS schreiben. Das darf man ihm nicht übel nehmen. Das machen ja die anderen für ihn.

Hubert Burda ist Leiter einer alljährlichen Konferenz über digitales Leben.
Diesen Widerspruch können Sie ruhig durchgehen lassen. Das gibt Vertrauen, für mich jedenfalls. Ich habe SMS erst dadurch gelernt, dass meine Tochter Leocadie ein Jahr in Berlin war. Das ist eine ganz andere Art sich auszudrücken. Ich meine nicht die Floskeln und die Kürzel. Man muss anders denken. Es tut mir gut, diese SMS zu schreiben und mich zur Lakonie zu verjüngen. Ich fange sachlich an, aber ohne dass ich es will, kommt ein Bild dazu und ein Gefühl, was man halt Poesie nennt.

Haben Sie ein iPhone?
Was ist denn das? Ich weiß nicht, was ich habe, so ein ganz zerkratztes. 264 Nachrichten habe ich geschickt im letzten Jahr, gut, nicht? Ich bin nicht sehr geübt und kann nur staunen, wie die Leute in der Metro tupfen können mit den Buchstaben. Wie die Derwische sind die mit den Fingern. Ich haue nach drei Buchstaben immer daneben.

Was macht ein Peter Handke aus 160 Zeichen?
(holt ein altes Nokia-Handy) Das habe ich zuletzt – wie sagt man da?

Gesimst.
Also gesimst: »Seit Langem kein Wort von Dir. Sogar im Hause nehme ich jetzt zwei Stufen auf einmal und denke an Dich.«
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Liest Leocadie Ihre Bücher?
Das weiß ich nicht. Ich würde es schon wissen wollen, aber nur, wenn sie es erzählt. Ich scheue mich, sie zu fragen, und sie scheut sich auch. Das ist doch das Schönste, die menschliche Scheu.

Nach einem Treffen mit Samuel Beckett sagten Sie: »Da waren so richtige Bücklingsmenschen um ihn herum, und ich dachte: Um Gottes willen, nur nicht so enden, dass mit 70 jeden Tag drei Universitätsassistenten mich umlungern!« Geht es Ihnen heute ähnlich?
Dieses Problem habe ich mir größer vorgestellt. Leider umlungert mich niemand mehr. Manchmal kriege ich Abschlussarbeiten zugeschickt von Studenten. So was lese ich auch immer gerne. Das sind schöne Lebensrufzeichen.

Sie werden am 6. Dezember 70. Wird man sich selber im Alter mehr und mehr zur Farce?
Manchmal habe ich eine Zuversicht, es könnten mir noch die Augen und Ohren nicht nur im Katastrophensinn aufgehen. Aber heute sind alle Filme, alle Zeitungen, alle dritten Seiten, alle siebten Seiten voll mit Geschichten über das Siechtum des Alters. Das Wort dement kann ich schon nicht mehr hören. Das sollte man einfach streichen. Oder inkontinent. Statt Kontinent liest man viel öfter inkontinent. Statt Grenzen liest man nur von grenzenlosem Scheißen. Der Sog ist schon stark. Sie entkommen dem Grauenmachen nicht.

Beckett ist am Ende seines Lebens ins Altersheim gegangen.
Ich weiß. Ich denke oft an ihn. Es kommt aufs Heim an.

Sie haben Österreich mal als großes Altersheim bezeichnet.
Nein, nein, nein. Das war ein anderer Dichter. Ich bin Patriot.

Gibt es, außer Seniorenermäßigungen, Vorteile des Altseins?
Ich hoffe, nein, ich bestehe drauf! Ich habe beschlossen, dass es mit mir nicht so wird wie auf Seite drei. Max Beckmann, der ja sehr herzkrank war und wusste, dass er relativ früh sterben wird, hat mal gesagt: Ich beschließe, mit höchster Energie mein Leben zu Ende zu leben. Energie heißt ja nicht, dass man das mit Geschrei oder mit Muskeln macht. Das kann auch eine sehr sanfte, sehr weitherzige Arbeitsenergie sein. Was man nicht schafft: dass das Herz immer weiter wird.

Wie alt sind Sie auf Ihrem inneren Passfoto?
Ist das ein neuer Ausdruck im Feuilleton? Früher habe ich noch Automatenfotos gemacht, aber schon lange bin ich nicht mehr im Stand der Gnade, dass ich
ein Automatenfoto von mir anschauen will. Ich wäre gern schwerer, nicht körperlich. Ich wünsche mir, die Schwere meiner Jahre zu verkörpern. Irgendwie bewege ich mich noch zu jung, finde ich.

Max Frisch sagte mit 70: »Man ist im Alter ungeheuer bedroht von Langeweile, Langeweile vor sich selbst.«
Es langweilt mich schon, dass man sich immer dieselben Sprüche macht. Langeweile ist etwas Furchtbares, eine Krankheit. Man trifft einen Menschen, den man nicht kennt, und nach zwei Sätzen denkt man: Das kenne ich doch schon, diese Figur habe ich schon tausendmal erlebt.

Helfen Frauen gegen Langeweile?
Auch kein entscheidender Unterschied. Sie sind in der Regel ein bisschen weniger langweilig als Männer, weil sie gefährlicher sind.

Und einen auf Trab halten?
Trab ist nicht das Wort. Wir sind nicht auf der Trabrennbahn.

Ihre Frau Sophie Semin lebt in Paris, Sie in Chaville. Wie ist Ihr Verhältnis?
Worum geht es denn jetzt plötzlich? Jetzt ist es aber genug!

Sie haben sich ein Fahrrad gekauft.
Yes, Sir. Nach dem Tun habe ich ein Bedürfnis, aus der Beengung herauszukommen und an Theken herumzustehen. Fernsehen mag ich dann nicht, aber an der Bar zu stehen ist wirklich im Wortsinn eine Lösung.

Einen Führerschein haben Sie immer noch nicht?
Haben Sie keine anderen Probleme mir nahezubringen? Mit Gottes Gnaden gehe ich immer noch mit Freuden zu Fuß. Vor zwei Tagen bin ich 30 Kilometer quer durchs Land gegangen. Das ist manchmal ein bisschen langweilig, aber es ist eine Existenzform, mit Betonung auf Form.

Wie länge hält bei Ihnen ein Paar Stiefel?
Das sind keine Stiefel. Es sind hohe Schnürschuhe. Die habe ich über 20 Jahre. John Lobb. Sie kennen die Marke, oder?

Können Sie sich vorstellen, dass Menschen in hundert Jahren Peter Handke lesen?
An dieser Stelle müssen Sie im Interview in Klammern einfügen: zieht belämmert die Augenbrauen hoch.

Ist das Leben eines Schriftstellers wie ein umgekehrter faustischer Pakt: Man will Unsterblichkeit erlangen und zahlt dafür den Preis eines miesen Lebens?
Nachwelt gibt mir nichts. Manchmal denke ich, das und das von mir kann nicht vergehen, aber das ist Vanitas vanitatum. Dieses Barockgefühl habe ich zunehmend im Alter. Das ist alles nicht sinnlos, aber alles ist eitel Tand. Und trotzdem, in dem Moment, wo man ein Gefühl episch schweben lässt, denkt man, jetzt bin ich ein bisschen geschützt vor der Vergänglichkeit. Das ist dann nicht gerade wie beim Film fünf Minuten danach wieder vorbei, aber tags darauf ist es wieder flöten gegangen. Kinder führen weiter, immer noch.

Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?
Mein Grabspruch ist: Bin hinten.

Muss es nicht heißen: Bin unten?
Nein. So wie man bei jemandem an die Haustür kommt, der im Garten arbeitet und ein Schild an die Tür gehängt hat: Bin hinten. Sie sind Materialisten, und ich bin ein Träumer. Die Träumer sind hinten, die Materialisten unten.

Malte Herwig und Sven Michaelsen kam in Handkes Toilette etwas bekannt vor: Neben den Lichtschalter hatte der Hausherr einen Ausriss aus einem SZ-Magazin von 2004 gehängt. Die Seite zeigte Handkes Konterfei in einem überquellenden Mülleimer. Die Überschrift lautet: »Mit Wonne in die Tonne. 20 Dinge, die wir im neuen Jahr endgültig los sind.« Ist es Zufall, dass jetzt gerade ein Buch von Handke erscheint, das Versuch über den stillen Ort heißt?

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