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aus Heft 42/2012 Fernsehen Noch keine Kommentare

Revue passiert

In der DDR kannte das deutsche Fernsehballett jedes Kind. Dann tingelte es durch die Volksmusikgalas des MDR. Heute gehört es einem Mann, der überzeugt ist, dass die große Zeit des Balletts gerade erst beginnt.

Von Susanne Schneider  Fotos: Felix Brüggemann



Wie man sich wohl einen Mann vorstellt, der ein Ballett kauft? Ein ganzes Fernsehballett mit 30 Tänzerinnen und Tänzern? Ein traditionsreiches, immerhin, 50 Jahre alt in diesem Jahr; gegründet vom Fernsehen der DDR, nach der Wende übernommen vom Mitteldeutschen Rundfunk in Leipzig. Doch dem gelang es 22 Jahre nicht, das Ballett in die neue Zeit zu führen – also: es rentabel zu machen.

Stellt man sich Peter Wolf so vor? 54 Jahre, dunkelblonde Haare, ein weiches Hessisch sprechend? Offenes Hemd, Einstecktuch mit orangefarbenen Tupfen? Abseits der Äußerlichkeiten ist er Fernsehproduzent und managt Künstler. Das kommt der Sache mit dem Ballettkauf schon näher. Viele Jahre, bis zu dessen Abschied von der Bühne, war er Harald Juhnkes Manager, bis heute managt er Vicky Leandros und Carmen Nebel, deren ZDF-Show er auch mitproduziert. Er hat sein Büro in einem Altbau gleich hinter der Tauentzienstraße in Berlin; jetzt, Ende August, zwei Tage vor dem Auftritt des Fernsehballetts in der Carmen Nebel-Show, ist er ein wenig müde von seiner Geburtstagsfeier am Abend zuvor in der Paris Bar. Carmen Nebel war da und Vicky Leandros bis zum Schluss. Auch so schließt sich der Kreis. Was man ja heute nicht mehr oft sieht: Auf den Beistelltischen seines Besprechungszimmers liegen aufgefächert fünf, sechs Ausgaben des Playboy. 
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Die miserable finanzielle Situation des Fernsehballetts hatte nichts mit der Qualität der Tänzer zu tun, das sind Profis, top ausgebildet, die sechsmal die Woche sieben Stunden trainieren und mit dem Herzen so sehr bei der Sache sind, dass sie auf Anfrage sicher auch um ihr Leben tanzen würden, so wie sie alles tanzten, was man von ihnen verlangte: hier ein Walzer, da eine schmissige Choreografie zu einem weich gespülten Beatles-Medley. Oder sie wurden als Hingucker für sogenannte Umrahmungen gebucht, bei denen sie mit ihrem Glanz und Können die Playbackauftritte belangloser Sänger aufpeppten. Zu tun hatten sie genug, auch wenn sie häufig unterfordert waren. Bloß: Für die Kostüme, die Reisen, die Choreografen war eigentlich schon lang kein Geld mehr da. Dazu noch ein Skandal letzten Herbst, weil eine kleine Gruppe des Balletts in Grosny beim Geburtstag des tschetschenischen Präsidenten auftrat. Auch darum beschloss der klamme, krisengeschüttelte MDR Ende vergangenen Jahres, sich von seinem Ballett zu trennen. Das wäre es dann gewesen. Aber dann kam Peter Wolf. Und kaufte. Und rettete das Ballett. So was gab es noch nie.

Welchen Preis er für das Fernsehballett gezahlt hat, sagt er nicht, darüber sei von beiden Seiten Stillschweigen vereinbart worden. Aber er erzählt andere Geschichten:»Im Dezember, als der MDR mich fragte, ob ich das Fernsehballett kaufen würde, riefen meine Wirtschaftsprüfer nur: ›Um Gottes willen!‹ Die Personalkostenquote lag bei 104 Prozent, das heißt, pro hundert Euro, die eingenommen wurden, gingen 104 Euro für die Tänzer und die Verwaltung drauf. Da waren aber noch keine Kostüme, keine Mieten und keine Reisekosten bezahlt. Keiner in der freien Wirtschaft überlebt so das erste Jahr. Beim Fernsehballett aber ging das über 20 Jahre so. Trotz voller Auftragsbücher wurden Jahr für Jahr Verluste geschrieben. Das ist ein Himmelfahrtskommando. Aber den Kauf bereue ich dennoch nicht. Ich hab ein Gespür für Trends und glaube fest an seine Zukunft.«

Die Zukunft, an die Peter Wolf so fest glaubt, kann man tanzen. Bei einer Gala auf der Bühne der Grugahalle in Essen jedenfalls. Dort finden die »Days of Innovation«, statt, das Fernsehballett wurde für sieben Auftritte gebucht. Tagsüber sollen junge Menschen an Neuigkeiten der Technik herangeführt werden, abends moderiert Matthias Opdenhövel vor 2000 Leuten eine unterhaltende Technikshow, am Ende tanzt das Deutsche Fernsehballett. In Ballettsprache: Sie vertanzen 120 Jahre Technikgeschichte in knapp zehn Minuten – vom Wiener Walzer über die Zwanzigerjahre zu Michael Jackson und Lady Gaga. Mit abschließendem Ausblick in die Zukunft. Ausgerechnet die sitzt noch nicht richtig, dabei ist sie für Peter Wolfs Ambitionen so wichtig.

Es ist ein Dienstagabend Mitte August, und der Glamour der Eröffnungsshow vom Samstag mit Anke Engelke und Orlando Bloom ist weg, die Abendshows finden nun ohne Fernsehen statt, aber noch mit dem Fernsehballett. In den Katakomben der Grugahalle probt Darina Dimitrov, die Choreografin, zwei Stunden vor Beginn mit ihren Tänzerinnen, im linken Arm ihren Laptop aufgeklappt haltend, so ist die Musik wenigstens ein bisschen zu hören. Die Choreografin tanzt vor, ruft: »Future, Future, zack, zack, zack!« Etwa zehn junge Frauen in schwarzer Trainingskleidung bewegen sich dazu wie Roboter. Und wieder: »Future, Future, zack, zack, zack!« Das Roboterhafte wirkt ein wenig altbacken, aber nur kurz. Später, wenn alle zehn Frauen in Spitzenschuhen und weißen Trikots auf der Bühne tanzen, über den Augen eine Art Taucherbrille, sieht das futuristischer aus.

Der Probenalltag ist ernüchternd: Das Ballett, heute 15 Frauen, vier Männer, zur Hälfte Deutsche, die anderen aus Ländern wie der Ukraine, Uganda, Österreich, bereitet sich in einer Halle vor, so groß, dass darin Autos herumfahren, hüfthohe Quader mit in Plastik eingewickelten Decken stehen im Dutzend herum, provisorische Stellwände markieren die Garderoben, es gibt Joghurt zu essen und weiche Semmelhälften mit Mandarinenscheibe auf der Wurst. Ein Tänzer übt Flickflack, ein anderer dreht seine Hüften, Tänzerinnen dehnen sich im Stehen, im Sitzen, im Liegen mit iPod, ohne, oder sie telefonieren – im Spagat. Kurz vor 19 Uhr geht es Richtung Bühne, fast alle tragen ihre Zweit- und Drittkostüme über dem Arm, viele müssen sich zweimal während der Show umziehen, fliegender Wechsel. Tanzen, lächeln, abgehen, 30 Sekunden ab jetzt: langes Kleid aus, rotes Discodress an, Lockenperücke drauf, die Siebzigerjahre sind fertig angezogen, raus, lächeln, lächeln, tanzen. Dann Finale der Zeitreise mit den zehn Futuregirls, zack, zack, und ihren Taucherbrillen. Der Applaus des Publikums ist berauschend lang und laut. Die »Future« hat heute besser geklappt, signalisiert die Choreografin nach dem Auftritt.

Obwohl fast alle Zeitungen in Deutschland den Verkauf des Balletts gemeldet haben, so ungewöhnlich schien dieser Vorgang, muss man sagen: In den alten Bundesländern kennt es immer noch keiner, die regelmäßigen Auftritte bei Florian Silbereisens Volksmusiksendungen am Samstagabend hin oder her. Jemand hat sogar ausgerechnet, dass das Ballett jedes Jahr 25- bis 35-mal im Fernsehen auftritt und dabei 140 Millionen Zuschauer erreicht – und die sitzen nicht alle in den neuen Bundesländern, wo es noch so berühmt ist wie zu DDR-Zeiten. Die Freie Presse Chemnitz zum Beispiel meldete die Nachricht vom Verkauf auf Seite eins, dazu ein halbseitiges Foto. Und sagte damit auch: Es heißt einmal mehr Abschied nehmen von einem Teil ostdeutscher Geschichte.

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