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aus Heft 44/2012 Außenpolitik

»Ein größenwahnsinniges Irrenhaus«

Seite 4: 17.00

Malte Herwig, Till Krause, Lars Reichardt (Interview)  Foto: Tim Barber; Porträts: Roderick Aichinger


17.00

Adam Green greift zur Cocktailkarte, studiert die Drinks und bestellt beim Kellner:

Green: Ich nehm’ den Rockefeller.

In Windeseile ist der Kellner wieder da und stellt den Rockefeller und Eiswürfel auf silbernen Tabletts auf den Tisch: Rum, Apfelschnaps, Becherowka und Prosecco.

Gardner: Was ist da drin?
Green: Das Blut Christi. Was mache ich mit der Orangenschale?

Der Kellner beugt sich über Adam Greens Schulter und souffliert: Drehen Sie die Orangenschale über dem Glas aus, dann ein oder zwei Eiswürfel dazu, je nach Geschmack. In dem Moment betritt Mark Greif den Raum. Er unterrichtet an der New School University und hat das Magazin »n+1« mitbegründet. Pinckney, der Schriftsteller, und Greif begrüßen sich. Er sieht aus wie ein Streber aus gutem Hause, wird aber den übrigen Gästen als Experte für Hipster und andere Subkulturen vorgestellt.

Green: Das ist ja spannend, ich habe mal versucht, eine eigene Subkultur mit dem Namen »Schwuchteln« zu gründen.
Mark Greif: Wie bitte?
Green: Meine Freunde und ich wurden als Kinder schikaniert, alle haben uns Kommunisten-Schwuchteln genannt. Da haben wir uns gedacht, wir gründen eine neue Subkultur, indem wir den psychischen Schmerz des Wortes umdrehen: Wir adeln das Wort »Schwuchtel«. Also hab ich gesagt, ich bin eine »Schwuchtel« und will mit meinen »Schwuchtelfreunden« abhängen und das Leben genießen. Ich schätze, so ähnlich könnte das auch mit dem Hipster-Ding gelaufen sein.

Der Alkohol beginnt zu wirken.

Pinckney: So wie du das sagt, klingt es auf einmal ziemlich cool.
Green: Und dann haben die Leute gesagt: Wir mögen dich, du Schwuchtel, und ich sagte: Danke schön. Aber es hat sich nicht durchgesetzt.
Greif: Du musst warten, bis der Zeitgeist so weit ist. Man kann selbst keine eigene Subkultur gründen, man muss warten, bis sich etwas durchsetzt.
Green: Was ist mit Sea Punk?
Greif: Ich habe keine Ahnung, was Sea Punk ist.
Green: Kumpel, du musst öfter ausgehen. Das sind die Leute, die ihre Haare grün färben und T-Shirts mit Muscheln drauf tragen. Das ist eine Mikrokultur, echt. Es gibt jede Menge solcher Mikrokulturen in New York. Aber ich weiß, was du meinst: Man kann so was nicht einfach selbst gründen.

Nachdem Richard Sennett die Runde verlassen hat, fällt die Rolle des Kulturethnografen an Mark Greif, der auf Wunsch der anderen Gäste zu einem Zweiminuten-Referat über Wesen und Geschichte des Hipsterismus anhebt.

Greif: Hipster glauben, dass ihr Musik- und Modegeschmack rebellisch sein kann. Plötzlich gab es dank des Dotcom-Booms jede Menge neues Geld für junge Leute, die nicht in den nächsten Golfclub eintreten wollten. Die haben gesagt: auf keinen Fall, Mann, ich bin jung, ich bin ein Rebell. Diese jungen Reichen wollten Geld ausgeben, um mit Leuten abzuhängen, die in Bands spielten oder malten. Plötzlich konnten die ganzen Bohemiens in der Kunstszene aus ihrem Hobby einen Beruf machen und den jungen Reichen Boheme vorspielen, die sich noch immer für einen Teil davon hielten. Die Lower East Side und Williamsburg sind so was wie das Epizentrum der Hipster: Dort ging es los, heute findet man sie auf der ganzen Welt.
Green: Ich habe das Gefühl, dass ich als Teil dieser ironischen Hipster-Schwuchtel-Subkultur aufgewachsen bin.

Darryl Pinckney bestellt sich einen Kaffee und seufzt.

Pinckney: Die Leute hier sind zu jung und zu cool für mich.

SZ-Magazin: Wir würden gern noch einmal auf die Wahl zurückkommen.
Pinckney: Mark, hast du die erste Fernsehdebatte zwischen Obama und Romney gesehen?
Greif: Hab ich.
Pinckney: Und hattest du den Eindruck, dass Romney sich so viel besser geschlagen hat als Obama?
Greif: Nein, das war wirklich seltsam. Ich bin natürlich voreingenommen, denn ich mag Romney nicht.
Pinckney: Er kann über Steuerpläne fantasieren, so viel er will.
Greif: Ich habe mir die Debatte angesehen, und meine Frau hat mich gefragt: Machst du dir Sorgen? Obama scheint so müde zu sein. Ich habe ihr gesagt: Der sollte müde sein, der arbeitet hart. Am nächsten Tag hat mich mein Kollege gefragt: Was hältst du von dem Desaster? Ich dachte erst, er meint die Bauarbeiten im Erdgeschoss. Nein, Romney hat mir seltsamerweise überhaupt keine Sorgen gemacht.
Pinckney: Mich beunruhigen die Meinungsumfragen, die Romney vorn sehen. Ich glaube einfach nicht, dass ihm das helfen wird. Jetzt konzentriert er sich auf Ohio, ein Highschool-Freund von mir in Ohio sagt, er glaubt trotzdem nicht, dass er Ohio gewinnt.
Greif: Ich hätte nie gedacht, dass er irgendwas gewinnt. Er kommt rüber wie …
Pinckney: …wie ein Frühstücksdirektor.
Greif: Ich habe in Massachusetts gelebt, als Romney dort Gouverneur war, und er schien in Ordnung zu sein, eine Art Technokrat. Ich glaube, dass es den Wählern auf jeden Fall schwerfällt, leidenschaftlich zu werden bei Leuten wie Romney. Na ja, ich habe das Vorhersagen aufgegeben, seit ich 2004 die Debatten von Bush sah und überzeugt war, dass er auf keinen Fall wiedergewählt würde. Und er hat mit großem Vorsprung die Wahl gewonnen.
Pinckney: Ich glaube, die Tatsache, dass Obama ein Schwarzer ist, schürt schon genügend Leidenschaft bei republikanischen Wählern.
Greif: Erinnerst du dich, wie die Leute vor ein paar Monaten anfingen zu sagen, wie verhasst Obama sei? Ich habe mich gefragt, wer ihn hassen sollte und warum, und der einzige Grund, der mir einfiel war, dass er schwarz ist. Wenn man mit Tea-Party-Leuten über Obama spricht, dann scheint er für sie einfach unvorstellbar zu sein. Sie haben keine Kategorien für eine Person wie ihn. Sie verstehen nicht, wie er einen schwarzen Vater und eine weiße Mutter haben kann, sie verstehen nicht, wie er sich so elegant bewegen kann.
Pinckney: Das ist sehr amerikanisch. Viele Weiße können sich nur Schwarze vorstellen, die entweder besser oder schlechter gestellt sind als sie, aber nicht gleich. Die gehobene Mittelschicht ist ziemlich gut integriert, aber der untere Mittelstand und die Arbeiterklasse nicht. Wenn es ums Wohnen geht, ist das Land immer noch nach Rassen geteilt.
Greif: Wie in diesem Sketch des schwarzen Komikers Chris Rock, der von seiner teuren Wohngegend in New Jersey erzählt: Er ist einer von vier Schwarzen in der Nachbarschaft: Mary J. Blige, eine der großartigsten R&B-Sängerinnen, Jay-Z, einer der besten Rapper aller Zeiten, und Eddie Murphy, einer der komischsten Schauspieler der Welt. Und der weiße Nachbar von Chris Rock? Ein ganz normaler Zahnarzt! Als Schwarzer musst du es bis ganz an die Spitze deines Berufs schaffen, um in einer reichen Gegend wohnen zu dürfen.


17.30

Darryl Pinckney greift nach Hut und Schal und verabschiedet sich. Ein Kellner gibt uns zu verstehen, dass wir den Raum in einer halben Stunde verlassen müssen, dann beginnt schon die nächste Veranstaltung.

SZ-Magazin: Einen Moment noch Darryl, wer gewinnt Ihrer Meinung nach die Wahl?
Pinckney bleibt stehen und antwortet ohne Zögern: Obama. Ganz sicher.

SZ-Magazin: Würden Sie Geld darauf wetten?
Pinckney: Ja.
Gardner: Tausend Dollar?

Darryl Pinckney dreht sich im Türrahmen noch einmal um und sagt leise: Alles, was ich habe, ist schon auf Obama gesetzt. Am Tisch sind Adam Green, Walter Gardner und Mark Greif übrig geblieben.


SZ-Magazin:
Eigentlich sollte Suzanne Vega heute auch kommen. Aber sie hat heute früh leider abgesagt.
Green: Bei ihr fällt mir dieser wirklich tolle Song Tom’s Diner ein. Ich mag den, weil man ihn a capella singen kann. Alle summen: dadadadi dadadadi dadadadidadadadi

SZ-Magazin: Gibt es den typischen New-York-Song?
Green: Na ja, es gibt die Strokes.
Gardner: Und die Nummer von Jay-Z.
Green: Jay-Z ist schon ein toller New-York-Typ.
Gardner: Weil das die Yankees als Stadionhymne spielen.

SZ-Magazin: Und was ist mit dem Lied von Sinatra?
Walter Gardner winkt ab: Völlig andere Generation, Mann. New York, New York? Jetzt mal im Ernst: Das will doch keiner mehr hören.


17.57


Der Kellner bringt die Rechnung. Wir zahlen mit Kreditkarte und stellen auf dem Weg nach draußen fest, dass die kleinen Bronzefliesen im Eingang des Restaurants in Wirklichkeit Ein-Cent-Münzen sind. »Das ist Geld im Wert von 4800 Dollar«, sagt die Bedienung, die aussieht wie ein Fotomodel. Sie lächelt und sagt: »Einen schönen Abend noch – genießt eure Zeit in New York!«

SZ-Magazin: Eine persönliche Frage noch, Adam: Sie sind der Urenkel von Franz Kafkas Verlobter Felice Bauer. Haben Sie irgendwelche Erinnerungsstücke an die beiden?
Green: Einen Briefumschlag mit Kafkas Unterschrift, das ist ein Familienerbstück. Wollt ihr ihn sehen? Ich wohne nicht weit.


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NACHTRAG:
Unser großes New York Interview haben wir am 9. Oktober 2012 geführt: Da war der Sturm Sandy noch kein Thema. Ein paar Tage nach dem Sturm haben uns die Teilnehmer E-Mails geschrieben, wie es ihnen geht, nachdem der Sturm mehr als 40 Menschen in der Stadt getötet und weite Teile New Yorks zeitweise lahm gelegt hat.

Aaron Brown (Banker und Pokerspieler): "Mir geht's gut - mein Apartment liegt weit genug im Norden, wir hatten die ganze Zeit über Strom, Wasser und Internet. Aber einige Freunde und Bekannte hatten weniger Glück - die haben wir bei uns in der Upper West Side einquartiert. Sogar ein paar Leute, die wir gar nicht kannten, haben zeitweise bei mir gewohnt - es gab genug Platz und Essen für alle. Aber nicht jeder hatte ein eigenes Bett."
Amy Davidson (Redakteurin beim Magazin The New Yorker): "Unsere Wohnung liegt in der sogenannten Zone A - der größten Gefahrenzone. Wir mussten also unser Apartment prophylaktisch evakuieren. Mein Sohn und ich - und unsere Katze - sind bei Freunden in der Upper West Side untergekommen, in der Nähe der Columbia University. In unserer Wohnung gibt es immer noch keinen Strom und wir wissen noch nicht genau, wann wir wieder zurück können. Aber immerhin ist weder uns noch einem unserer Freunde etwas passiert. Und mein Sohn hat sich sogar ziemlich gefreut, dass die Schulen letzte Woche geschlossen waren."

Mark Greif (Professor und Publizist): Ich wohne in der Grand Street, dort gab es einen völligen Stromausfall. Mein Handy und meinen Computer muss ich also im Büro aufladen. Man kann gut erkennen, wie sich Lower Manhattan verändert hat: Dort wohnt kaum noch jemand, es gibt nur noch Geschäfte - und die haben alle geschlossen. Nur ein paar Tante Emma Läden haben noch offen. Und man merkt, wie viele Arme Leute es in der Stadt gibt - ich bin mit ein paar von ihnen ins Gespräch gekommen, als wir zusammen für Trinkwasser angestanden sind. So blöd es klingt: Der Sturm hat auch ein paar gute Seiten. Alles ist ruhig - und jetzt, wo das Internet nicht funktioniert, muss ich mich wieder auf Bücher, Kerzen und handgeschriebene Notizen verlassen. Irgendwie gefällt mir das sogar ein bisschen. Meine Lektüre: Kierkegaard und Durkheim. Blöd nur, dass Kerzen mittlerweile ein Luxusartikel geworden sind: Ich bin nach Brooklyn rübergelaufen, um mir eine zu kaufen - und alles was es gab, waren irgendwelche Duftkerzen für zehn Dollar.

Adam Green (Musiker und Künstler): (lässt über seine Managerin mitteilen): Es geht uns allen gut, auch wenn der Strom immer wieder ausfällt.

Rose Hartmann (Fotografin): Ich bin zur Zeit in Amsterdam.

Kelly Anderson (Filmemacherin): Bei uns im Sunset Park in Brooklyn ist alles okay, es gab keine Überschwemmungen und der Sturm hat kaum Schäden angerichtet. Wir hatten immer Strom und sogar Internet. Das einzige, was mich betroffen hat, waren die Engpässe beim Nahverkehr. Es fühlt sich komisch an, dass unser Leben hier so normal verläuft, wenn in anderen Teilen der Stadt so eine Krisenstimmung herrscht.

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Nach dem Gespräch wollten Malte Herwig , Till Krause und Lars Reichardt auf eigene Faust erleben, wie es um die Subkultur New Yorks bestellt ist - und landeten im Club »Paper Box« in Brooklyn. Dort spielten bis spät in die Nacht obskure Avantgarde-Blaskapellen, während zwei Frauen mit Zylindern neben der Bar ein abstraktes Bild an die Wand malten.

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