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aus Heft 45/2012 Gesellschaft/Leben Noch keine Kommentare

»Mein Garten ist Therapie«


Dieter Rams ist nicht nur Deutschlands bedeutendster Designer. Er ist auch: Hobbygärtner. Ein Gespräch über das nervtötende Rasenmähen und die Kunst, sich zu beschränken.

Von Thomas Bärnthaler und Christine Mortag (Interview)  Fotos: Sandra Stein



Ein weißer Bungalow mit Flachdach am Rand von Kronberg, einem schmucken Städtchen bei Frankfurt. Hier wohnt Dieter Rams, der bedeutendste deutsche Produktdesigner des letzten Jahrhunderts. Das Haus hat er selbst entworfen und auch fast alles, was darin ist: die Musikabspielgeräte, die Regale, Taschenwecker, Küchengeräte, Tischfeuerzeuge, Sessel, kurz, all seine Ikonen, die er für die Firmen Braun und Vitsœ entworfen hat. Schaut man aus diesem weiß gefliesten Museum nach draußen, sieht man einen japanischen Garten. Auch ein Rams-Werk. Um den soll es hier gehen.

SZ-Magazin: Herr Rams, Ihr Garten wirkt sehr aufgeräumt. Haben Sie viel Arbeit mit ihm?

Dieter Rams: Das hält sich in Grenzen. Meine Frau hat auch immer mitgeholfen. Musste ja alles nebenher gehen. Ein Garten mit einem riesigen Rasen macht mehr Arbeit. Der muss ständig gemäht werden. Manchmal fallen aber auch größere Dinge an: Neulich musste ich meine Kiefer zurückschneiden, die war zu groß geworden. Die sieht jetzt ein wenig krüppelig aus. Hätte ich damals wissen müssen. Das ist eine Waldkiefer, die werden groß. Als ich mit dem Garten anfing, war die noch ganz klein.

Wann war denn das?
Als ich hier einzog, vor über 40 Jahren. Der Anpflanzplan stammt von mir. Natürlich ist das kein astreiner japanischer Garten, aber er ist inspiriert durch meine vielen Besuche in Japan. Als ich noch für die Firma Braun gearbeitet habe, war ich oft dort, in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Die japanische Kultur hat mich sehr beeindruckt. Und das ist bis heute so geblieben.

Was fasziniert Sie an Japan?
Die Philosophie hinter der Gestaltung: Die Städte sind sehr gedrängt. Man muss sich begrenzen. Was sich in der Gestaltung niederschlägt. Die ganze Gartenkultur konzentriert sich auf die Tempelbezirke. Daneben fängt meist die Unordnung an, Stromleitungen, Unrat. Die Gärten sind kleine Oasen in der Stadtwüste. Und natürlich liebe ich das japanische Prinzip des Wabi-Sabi, die Zurückgenommenheit, die ihren Ursprung im Zen-Buddhismus hat. Das war immer meine Intention: Dinge zu machen, die nicht überfrachtet sind, sondern sich aufs Wesentliche konzentrieren.

Es gibt auf Youtube Videos, da sieht man Sie Bonsaibäumchen mit einer Art Nagelschere stutzen.
Ja, man muss viel schneiden. Aber das will gelernt sein. Ich hab mir hier Rat geholt von deutschen Bonsai-Enthusiasten. Den Rest mache ich intuitiv. Macht übrigens großen Spaß.

Wie gehen Sie gegen Unkraut vor?
Zupfen.

Sehen Sie diesen Garten als Hobby oder als Designobjekt?
Beides. Das Beschneiden hat was mit Design zu tun. Im guten Sinne, nicht im Sinne von Styling. Die Bonsaikultur ist, wie gesagt, Formgebung, die dem begrenzten Raum geschuldet ist. Den habe ich hier auch. Mein Garten ist relativ klein. Ein großer Baum würde alles sprengen.

Ist Natur etwas für Sie, das gezähmt werden muss?
In meinem Garten schon. Ich hab es nicht gerne, wenn da was wächst, was da nicht hingehört.

Wenn sich im Frühling ein Maiglöckchen zu Ihnen verirrt hat, dann schnippeln Sie es weg?
Kommt drauf an. Um Gotten willen, ich mag Maiglöckchen. Aber es muss eben passen. Ich mag auch Margeriten, aber eben dort, wo sie hinpassen.

Ein wild wuchernder Bauerngarten wäre nichts für Sie?
Nein. In meinem ersten Haus hatte ich einen Garten mit Rasen. Da hab ich schon das Rasenmähen gehasst.

»Ein Gerät muss wie ein englischer Butler sein – zu Diensten wenn man es braucht, ansonsten im Hintergrund«, haben Sie mal gesagt. Gilt das auch für den Garten?
Mein Garten ist sehr speziell auf meine Bedürfnisse hin gestaltet. Für mich ist er Therapie. Und dazu gehört auch, wenn ich daran rumschneide.

Ihr Lieblingsort im Garten?
Früher, als meine Frau und ich noch beweglicher waren, war es der Rand des Pools. Da haben wir unseren Nachmittagstee eingenommen auf einer Sitzgruppe, die ich entworfen habe nach japanischem Vorbild. Sehr niedrig. Den Platz mag immer noch sehr gerne.

Ihr Pool, ist der beheizt?
Muss er ja. Der ist der andere Teil der Therapie. Ich hab es immer schon mit dem Rücken. Das ewige Beugen übers Reißbrett hat seine Spuren hinterlassen. Im Pool mache ich Übungen, auch im Winter. Mein Physiotherapeut bei Braun hat schon in den Sechzigerjahren zu mir gesagt: Wenn du nichts tust, sitzt du in ein Paar Jahren im Rollstuhl. Also habe ich mir einen Pool angeschafft. Gymnastik oder diese Muckibuden, das ist mir unangenehm.

Dafür sind Sie gern geritten, oder?
Auch so eine Idee von diesem Therapeuten. Meine Frau ist eine gute Reiterin, als sie 1962 länger in Südafrika war, hat man mich überredet, auch damit anzufangen: Es wäre doch toll, wenn die zurückkäme und du könntest reiten! Ist auch gut für deinen Rücken! Im Dressurreiten war ich nicht schlecht, behauptet meine Frau. Aber die Springerei ist mir nicht bekommen. War nicht gut für meinen Rücken. Nachdem ich mal vom Pferd gefallen bin, habe ich aufgehört.

Gibt es Tiere in Ihrem Garten?

Eichhörnchen, Mäuse und natürlich die ganze Vogelwelt. Früher hatten wir auch noch unsere Katze Franziska. Als sie mit 20 Jahren starb, waren wir sehr traurig. Danach haben wir uns keine mehr zugelegt. Franziska ist immer auf meinen Zeichentischen gelegen und hat mir bei der Arbeit zugeschaut. Die war nicht verschmust, aber unglaublich interessiert. Ich hab immer gedacht: Die versteht alles.

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