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aus Heft 46/2012 Die Gewissensfrage 12 Kommentare

Die Gewissensfrage

Muss man Eltern mit Kinderwägen in öffentlichen Verkehrsmitteln den Vortritt lassen?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

»Vor Kurzem stand ich bei Regen und Kälte an der Haltestelle und wartete, mit vielen anderen Leuten, auf die verspätete Tram. Als sie endlich kam, drängten alle zu den Türen. Zum Schluss wollte ein Vater mit Kinderwagen einsteigen, aber der Wagen war voll. Er musste draußen bleiben und auf die nächste ebenfalls verspätete Tram warten. Hätten ich und andere Fahrgäste aussteigen müssen, um Platz für den Kinderwagen zu schaffen?«  Gabi R., München




Für gewöhnlich hört man bei diesem Themenkreis sehr schnell Hinweise darauf, dass Eltern, indem sie Kinder aufziehen, einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Gern begleitet von Schlagworten wie »Wer soll denn unsere Rente zahlen?«. Und die Geschichten von Müttern, die unter unausgesprochener moralischer Berufung darauf lautstark oder gar rempelnd Platz für sich und ihren Kinderwagen einfordern, sind legendär - aber auch wahr.

Das halte ich für grundfalsch. Zwar tragen Eltern, indem sie Kinder aufziehen, tatsächlich zum gesellschaftlichen Nutzen bei, aber Kinder zu bekommen wird - einschließlich der Kinder selbst - durch diese Betrachtungsweise auf einen Nützlichkeitsaspekt reduziert. Die Kinder werden dabei in den Worten Immanuel Kants »bloß als Mittel« betrachtet und dadurch in ihrer Würde beschädigt.

Hinzu kommt, dass die Entscheidung, Kinder zu bekommen, meist eine freiwillige ist. Eltern treffen sie - hoffentlich -, weil sie Kinder wollen und nicht, um der Gesellschaft einen Dienst zu erweisen. Im Grundsatz stehen deshalb Eltern mit ihren Kindern keine Vorrechte aufgrund moralischer Verdienste zu.

Dennoch bin ich der Meinung, dass es gut gewesen wäre, dem Vater mit dem Kinderwagen Platz zu machen. Auch wenn die Entscheidung, Kinder zu bekommen, eine freie ist, gehört sich fortzupflanzen zur Natur des Menschen, zum Menschsein. Mehr als andere Entscheidungen, mit denen man seine Idee vom Leben gestaltet. Damit aber würde ich den Umstand, Kinder zu haben oder nicht, auf eine Stufe stellen mit den verschiedenen Möglichkeiten, die Menschen von der Natur mitgegeben bekommen; und für die hat John Rawls in seiner Theorie der Gerechtigkeit den Grundsatz geprägt, dass die Gesellschaft die Aufgabe hat, die unterschiedlichen Chancen auszugleichen, um Ungerechtigkeiten zu vermeiden.

Bezogen auf den Vater, der mit seinem Kinderwagen geringere Chancen hat, in die Trambahn zu kommen, kann dieser Nachteil am besten ausgeglichen werden, wenn einige von denen, die den Platz in der Trambahn leichter ergattern konnten, freiwillig zurücktreten und dadurch Platz schaffen. Wie gesagt, es geht nicht um Verdienste, Vorrechte oder gar moralische Überlegenheit, sondern lediglich um einen gerechten Ausgleich der Nachteile.     

 
Literatur:

Das Zitat von Immanuel Kant entstammt seinem Kategorischen Imperativ in der sogenannten „Selbstzweckformel" oder „Zweck-Mittel-Formel".

Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Akademie Ausgabe S. 429:
„Der praktische Imperativ wird also folgender sein: Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst."

Eine günstige Ausgabe ist im Reclam Verlag erschienen (dort S. 79)

Online abrufbar hier

John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1979, Kapitel 2 Die Grundsätze der Gerechtigkeit, 17. Die Tendenz zur Gleichheit, S. 121ff.

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Kommentare

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  • tina lehner (0) der vater mit kinderwagen ist ein sehr gutes beispiel. Ich würde alle mal auffordern, die das nicht für nötig halten, wieder mal mehr rücksicht aufeinander zu nehmen! Denn da kommt man schnell drauf das es noch viel mehr Menschen gibt, die nicht mal drängeln können (aus gesundheitlichen gründen) und das hat nix mit selbst schuld...kinderwunsch zu tun...übrigens sehr dumme argumentation!!
    Wenn man einfach versucht - rücksicht aufeinander zu nehmen- dann sieht man womöglich das alle in die straßenbahn, reinpassen, und für die Gestressten: sogar ohne Zeitverzögerung!!!!!
    ps: und bei kinder, denk ich mal, sollte verständnis und unterstützung da sein! wahrt ihr selbst keine?
  • Olga Bertinger (0) Woran sieht man jemandem denn seine "unausgesprochene moralische Berufung" an? Wenn ich jemand sehe, der meine Hilfe braucht, helfe ich, und wenn ich jemand im Regen stehen sehe, der es aus welchen Gründen auch immer schwerer hat als ich, sich ins Trockene zu retten, lass ich ihm den Vortritt, ohne darüber nachzudenken, ob er oder ich oder wer immer sich zu Recht oder Unrecht für was Besseres halten darf.
  • Kerstin C (0) Immer wieder gerne erzähle ich die Geschichte, wie ich an einem regnerischen Herbsttag mit meinen Kindern (einer im Buggy, einer an der Hand) Bus fahren wollte. Da wir gerade einen verpasst hatten, waren wir die Ersten an der Bushaltestelle. Es kamen immer mehr Leute, die auch warteten. Als der Bus eintraf, spurteten alle los und sprangen hinein. Durch meine Kleinkinder gehandicapt, war ich plötzlich die Letzte, die einsteigen wollte und sah mich dem Problem ausgesetzt, dass wir nunmehr eigentlich nicht mehr hineinpassten. Eine Rentnerin, die am Eingang stand, fragte mich: Warum nehmen Sie nicht den nächsten Bus? (!!!) Unglaublich, oder?
  • Sonja Vogt (0) In Gesellschaften, die Kindern in solchen Situationen Vorrang einräumen (praktisch alle außer der deutschen), nimmt man nicht an, dass Eltern moralisch hochstehende Wesen sind, sondern dass Kinder grundsätzlich schwächer sind und den Schutz der Gesellschaft brauchen, den man ihnen auch gerne gewährt, weil sie ja die Zukunft darstellen. Hier gelten sie halt als Privatvergnügen, und so viel Empathie, sich mit Schwäche auseinander zu setzen, bringt kaum einer auf. Hab schon stundenlang mit Säugling im Zug auf der Treppe gesessen, weil keiner aufstehen mochte oder schwanger im Bus gestanden. Wenn man Glück hat, sind schlecht integrierte türkische Mitbürger mit im Zug, die springen dann sofort auf.
  • A M (0) Um einen wirklichen Ausgleich der natürlichen Nachteile zu bedenken, muss wohl über den schwächsten Teilnehmer der Situation nachgedacht werden.
    Mitte November Kleinkinder ober Babys in die Tram zu lassen, hat nichts mit den Eltern oder deren Verdiensten an der Gesellschaft zutun, sondern nur um den Schutz der Kleinsten.
  • Glitzi Glitz (0) Natürlich hat man mit Kinderwagen keine Chance bei einer voll besetzten Trambahn wieselflink wie alle anderen Passagiere einzusteigen. Das kann dann aber auch bei der 2. oder 3. überfüllten Tram passieren. Ich halte es für selbstverständlich, in so einem Fall Platz zu machen, auch wenn die anderen früher da oder schneller beim Einsteigen waren. Die Argumentation des "Gewissensexperten" hier ist ja echt ein Armutszeugnis - weil Eltern freiwillig Eltern sind, haben sie keine Vorrechte, das wäre ja ungerecht, denn Eltern erwiesen ja nicht bewusst der Gesellschaft einen Dienst. Was für eine verquere Gedankenspur. Klar, dass jeder Mensch mit zwei gesunden Beinen darauf pochen darf, dass jemand, der mit Kinderwagen unterwegs ist, eben Pech gehabt hat, da langsamer, aber freiwillig mit sperrigem Gerät in der Stadt unterwegs. Genauso darf man dann ja auch Leute mit Rollator lässig abhängen, sind ja freiwillig so alt und klapprig geworden. Wie wäre es, die Blickrichtung mal in eine ganz andere Richtung zu lenken, nämlich in die, dass ein kleines Kind bei Regen und Wind lieber schneller nach Hause sollte, dass Eltern unterwegs einen Drahtseilakt zwischen Kind ist o.k. und Kind hat Hunger/Windel voll/ist knätschig absolvieren und es sehr nett wäre, diese einfach ohne Gedrängel einsteigen zu lassen. Das hat nichts damit zu tun abzuwägen, ob die Eltern jetzt in einer moralisch höherwertigen Position sind, weil sie Eltern sind, sondern damit, dass kleine Kinder schutzbedürftig sind und viel Verständnis - auch von der umgebenden Masse - benötigen. Zum Glück haben nicht alle Leute diese Abwägungswaage des Autors im Kopf, sondern folgen einem natürlichen Impuls, Schwächeren den Vortritt zu lassen. Jungen Männern packen in solchen Situationen übrigens oft ganz selbstverständlich mit an und lösen das Problem, im Gegensatz zu älteren Frauen/Männern und Männerpaare, die hauptsächlich genervt und ungeduldig, dafür aber null hilfsbereit reagieren. Dieser Klientel haben sie mit ihrem Artikel jetzt wenigstens auch noch die Absoution für ihren Egotripp gegeben.
  • N H (0) ich würde die eltern mit dem kindern alleine schon vorlassen, damit die kinder nicht länger frieren müßen
  • Max Jacobsen (1) Als Neuvater werfe ich mal in die Runde, dass man es als Vater (oder Mutter) mit Kind unterwegs meistens nicht besonders eilig hat...Und auch mal freiwillig zurück tritt...Man hat ja die Unterhaltung schon dabei...
  • V M (0) Wenn ich nicht einen ganz dringenden Termin hätte, würde ich den Kinderwagen schon vorlassen. Weil die es immer schwerer haben. Das Baby schreit, man bleibt mit den Rädern an irgendeiner Stufe hängen, man passt im Laden nicht um die Ecke, die Leute werfen einem böse Blicke zu... Man bricht sich doch keinen Zacken aus der Krone, wenn man einfach mal nett ist und hilft. Auch, wenn "die doch selber Schuld sind, hätten ja keine Kinder bekommen müssen". Ist doch egal. Nimmt man halt eine Tram später. Für einen selber macht es wahrscheinlich keinen großen Unterschied, für die Mutter oder den Vater kann man so vielleicht den Tag retten.
  • Hans Gruber (0) Nachdem die Trambahn auf fast jeder Relation innerhalb Münchens langsamer ist als das Fahrrad, ist logischerweise jeder Fahrgast als schwerbehindert einzustufen - warum soll da einer dem anderen Vortritt lassen?
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