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aus Heft 48/2012 Wirtschaft/Finanzen Noch keine Kommentare

Warum wird Brot immer teurer?

Eine einfache Frage – aber gar nicht so leicht zu beantworten. Acht Thesen und was dahintersteckt.

Von Claudio Musotto und Lars Reichardt 



Die Leute, die sich früher ein Seegrundstück zur Geldanlage zulegten, sind heute mit einem Weizenfeld besser beraten.

1.) Angela Merkel ist schuld.

Brot wird teurer. Die Bäckereikette Müller-Höflinger hat die Preise im Oktober als erste in Deutschland erhöht: das Sonnenblumenbrot gleich um zehn Cent. Die Verkäuferin in einer Münchner Filiale arbeitet seit 23 Jahren bei Müller-Brot, sie meint: »Alle Konkurrenten werden nachziehen. Die Politik ist daran schuld. Die Angela Merkel.«

Wird unser Brot tatsächlich teurer? Und wer ist schuld daran? Anruf bei der Konkurrenz: Die Bäckereien Kamps, Ihle und Bachmeier verweisen unisono auf ihre Firmenzentralen – »Wir dürfen dazu nichts sagen.« Auch in der Zentrale von Bachmeier heißt es: »Wir äußern uns gar nicht dazu und bitten dies zu akzeptieren.« Zwei Tage später verschickt Bachmeier doch noch eine offizielle Stellungnahme: »Aufgrund der Marktentwicklung und damit verbunden der steigenden Kosten stehen wir kurz vor einer Preiserhöhung. Die Umsetzung erfolgt in den nächsten Wochen.« Auch die Hofpfisterei will sich das überlegen. Torsten Fricke, der Sprecher von Müller-Höflinger, äußert sich nach Rücksprache mit seinem Chef Franz Höflinger: »Niemand persönlich ist schuld. Aber nächstes Jahr wird es noch schlimmer. Die Preise für Rohstoffe werden explodieren.«


2.) Die Bäcker sind schuld.

Angela Merkel also. Könnte an der Vermutung wirklich etwas dran sein? Die Pressestelle des Wirtschaftsministeriums erklärt sich für nicht zuständig und verweist an die Kollegen im Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Ein freundlicher Sprecher erklärt: Das Agrarministerium sieht sich nicht allein in der Verantwortung, wenn überhaupt könne man höchstens die gesamte Bundesregierung für eventuelle Preissteigerungen beim Brot verantwortlich machen. Das Ministerium hat nur bedingt Einfluss auf den Brotpreis. Der setzt sich zusammen aus: rund fünf Prozent Getreidekosten, rund 30 Prozent Lohnkosten, rund 65 Prozent Kosten für Energie, Steuern und Handel.Der Preis für Roggen ist kaum gestiegen in den letzten 40 Jahren, der für Roggenbrot dagegen erheblich. Das könnte an den Lohnkosten liegen, mutmaßt der Sprecher. Sind also die Bäcker selbst schuld?


3.) Die Energiewende ist schuld.

Dr. Wolfgang Filter ist der Geschäftsführer des Landes-Innungsverbandes für das Bayerische Bäckerhandwerk, er scheut sich nicht, einen Schuldigen zu benennen: »Die Personalkosten sind beachtlich, aber in erster Linie macht die Energiewende unser Brot teurer. Das Gesetz für Erneuerbare Energien führt zu höheren Betriebskosten, Bäcker brauchen viel Strom und Gas. Ich kenne einen mittelständischen Betrieb mit zwanzig Filialen, der nächstes Jahr wegen des Gesetzes über 90 000 Euro mehr zahlen muss.«

Ist also doch die Bundesregierung an den steigenden Brotpreisen schuld? Oder die Atomkatastrophe von Fukushima, die in Deutschland zur Energiewende geführt hat?


4.) Energiepflanzen sind schuld.

Laut Statistischem Bundesamt hat die Bundesrepublik dieses Jahr bis einschließlich August vier Millionen Tonnen Weizen ausgeführt und 1,9 Millionen eingeführt. Die Ernte von Weizen fiel durchschnittlich aus, trotz hoher Frostschäden durch wenig Schnee, die Qualität war gut. Bei Bioland sind 6000 Bauern Mitglied, Gerald Wehde ist für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Er sagt: »Neben steigenden Personal- und Energiekosten macht uns die Flächenkonkurrenz durch Energieplanzen zu schaffen. 11,7 Millionen Hektar Ackerfläche gibt es in Deutschland, auf 2,3 Millionen werden schon Energiepflanzen wie Mais, Raps und Getreide für Biodiesel und Ethanol angebaut, das sind 17 Prozent. Natürlich schlägt das jetzt langsam auf den Brotpreis durch.«


5.) Börsenspekulanten sind schuld.

Brot ist immer noch ein gutes Geschäft. Die Nachfrage ist stabil, 80 bis 82 Kilo isst ein Deutscher pro Jahr, das ist viel im europäischen Vergleich, nur Tschechen und Türken essen mehr Brot. Belegte Brötchen sind sogar ein Wachstumsmarkt bei der Bäckereikette Kamps. Jaap Schalken, deren Geschäftsführer, hält allerdings die Spekulation mit Nahrungsmitteln für die Hauptursache des Preisanstiegs: »Die Makrodaten von Angebot und Nachfrage haben sich nie so stark verändert, dass sie die extremen Ausschläge seit 2007 erklären könnten. Wären es nur die höheren Kosten für die Energieumlage, könnten wir die schon irgendwie einsparen oder umlegen. Wir müssen beobachten, wie sich die Rohstoffpreise entwickeln. Wenn die steigen, kommen wir nicht um eine Preiserhöhung herum. Wir plädieren schon länger dafür, gemeinsam mit den Bauern eine Formel für einen realistischen Preis festzulegen. Um so einem Vorschlag zu folgen, sind allerdings zu viele Spekulanten zu gierig.«


6.) Bodenspekulanten sind schuld.

Fred Pearce ist ein englischer Wirtschaftsautor und hat ein Buch über den weltweiten Landkauf durch Hedgefonds geschrieben, Land Grabbing. Er sagt: »Spekulanten sehen steigende Profitmöglichkeiten aufgrund von Dürren und zunehmendem Landverbrauch für Bio-Treibstoff. Natürlich würden solche Engpässe den Preis ohnehin in die Höhe treiben, aber das Geld der Spekulanten hat in den letzten fünf Jahren größere Preisschwankungen bewirkt. Ein eigentlich geringer Preisanstieg durch die Dürre in den USA 2012 ist um einiges größer ausgefallen. Investitionen in Land und Nahrungsmittel erscheinen zunehmend attraktiver, denn, wie immer auch die Weltwirtschaft sich entwickeln wird, essen müssen Menschen immer. Das Resultat wird eine Spekulationsblase bei den Nahrungsmitteln sein, die das Essen auf der ganzen Welt verteuern wird. Der arabische Frühling begann bekanntermaßen mit Brot-Aufständen in Tunis und Kairo. Ich halte weitere Brot-Kriege in den kommenden Jahren für wahrscheinlich.«


7.) Phillipe Jabre ist schuld.

Jean Ziegler, Globalisierungsgegner und ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, lebt in Genf und hat ein Buch über den Hunger in der Welt geschrieben: Wir lassen sie verhungern. Er sagt: Die Erhöhung der Strompreise mag eine von mehreren Ursachen sein, warum deutsches Brot teurer wird. Die Hauptursache sieht er in der Spekulation: »Nach der Finanzkrise 2007 sind die großen Hedgefonds und Banken auf die Rohstoffbörsen umgestiegen und haben vermehrt mit Grundnahrungsmitteln spekuliert: vor allem Mais, Weizen und Reis. Das Kapital, das in Nahrungsmittelpapieren steckt, ist vierzigmal so hoch wie der eigentliche Warenwert, der Markt wurde mit Future-Papieren überschwemmt, die Hedgefonds machen seitdem irrsinnige Gewinne, der Weizenpreis hat sich in der Folge verdoppelt. Die Preissteigerung bezahlen vor allem die 1,2 Milliarden Menschen, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen.«

Zu den Schuldigen rechnet Ziegler Großbanken wie die Commerzbank und Deutsche Bank: »Beide behaupten, sie hätten den Handel mit Nahrungsmittelfonds suspendiert, aber das stimmt nicht.« Daneben gibt er Hedgefonds die Schuld am Preisanstieg: »Nachdem London 2006 die Steuergesetzgebung geändert hat, wurde Genf die Hauptstadt der Nahrungsmittelspekulation. Allein der Jabre-Fonds besitzt 12 000 Warenterminkontrakte. Phillipe Jabre, ein Libanese, führt seinen Fonds selbst, die Schweizer Banken schießen ihm das Geld vor. Er gehört zu den Hauptverantwortlichen, dass Brot bei uns teurer wird und 1,2 Milliarden Menschen hungern. Und wir alle sind schuld, dass wir die Börsengesetze nicht verändern. Es wäre ganz leicht, allen den Zugang zu Nahrungsmittelbörsen zu verbieten, die weder produzieren noch verbrauchen.«


8.) Schuld sind mehr Fleischesser.


Anruf bei DWS, Fondsdienstleister der Deutschen Bank. Der Pressesprecher Claus Gruber erklärt: »Wir handeln nur mit Terminkontrakten, die es seit Ewigkeiten gibt.« Mehr Kapital im Rohstoffhandel helfe der Forschung. Es gebe keinen wissenschaftlichen Beweis für die Behauptung, die Spekulation heize den Brotpreis an. Dafür gebe es viele andere Gründe: Anbauflächen würden durch den Klimawandel kleiner; die Leute essen weltweit mehr Fleisch, weshalb mehr Getreide und Weizen für die Nutztierhaltung gebraucht würden. Bei der Commerzbank lautet die offizielle Sprachregelung: »Wir haben uns dazu entschlossen, keine neuen börsennotierten Anlageprodukte auf Basis von Grundnahrungsmitteln zu emittieren.«

Anruf bei Jabre Capital Partners S.A. Eine freundliche Dame erklärt, sie persönlich wisse leider nicht, warum das Brot in Deutschland teurer werde, und alle zuständigen Mitarbeiter, die die Frage gewiss beantworten könnten, seien augenblicklich in einem Meeting, würden aber eine schriftliche Anfrage umgehend beantworten. Wir warten immer noch.

Foto: Awais Yaqub
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