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aus Heft 49/2012 Die Gewissensfrage 3 Kommentare

Die Gewissensfrage

Darf man die in Spendenaufrufen beigelegten Briefumschläge weiterverwenden?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

»Jedes Jahr vor Weihnachten kriege ich Briefe, in denen ich um Spenden gebeten werde. Manchmal sind auch Postkarten und Briefumschläge drin. Da ich grundsätzlich nur dort spende, wo ich jemanden persönlich kenne und einigermaßen sicher bin, dass das Geld auch bei den Adressaten ankommt, werfe ich diese Schreiben meistens weg. Obwohl ich ein peinliches Gefühl dabei habe, verwende ich aber zuweilen die Umschläge. Ist das in Ordnung?« Wolfgang Schmidbauer, Paartherapeut und Autor der Liebeskolumne im ZEITmagazin     





1975 veröffentlichten die Psychologinnen Alice Isen und Paula Levin eine Untersuchung, der zufolge Menschen hilfsbereiter sind, wenn sie vorher ein kleines Geschenk bekommen. Und 2007 berichtete der Ökonom Armin Falk von einem Experiment, in dem Spendenaufrufen keine, eine oder vier dieser Postkarten und Umschläge beigelegt wurden – mit durchschlagendem Erfolg: Nach Abzug der Kosten konnten mit einer Postkarte 22 Prozent, mit vier Postkarten sogar 55 Prozent mehr Geld eingeworben werden. Die Psychologinnen führten ihr Ergebnis darauf zurück, dass man hilfsbereiter ist, wenn man sich wohl fühlt – es funktioniert nämlich auch bei angenehmer Musik oder Gerüchen. Falk verweist auf den Gabentausch als Form des Gegenseitigkeitsprinzips, der Reziprozität, das Ökonomen und Soziologen für ein Grundprinzip, eine tief verwurzelte Regel des Zusammenlebens halten.

Das könnte auch Ihr »peinliches Gefühl« erklären: Denn Sie würden mit der Verwendung der Umschläge ohne zu spenden gegen eine ungeschriebene Regel verstoßen. Und das empfindet man als peinlich, so wie es vielen auch peinlich wäre, gegen die Regel zu verstoßen, in der Öffentlichkeit nicht nackt herumzulaufen. Um sich dem zu entziehen, können Sie das Geschenk zurückweisen, indem Sie alles in den Papierkorb werfen, auch die Umschläge. Oder das Ganze hinterfragen.

Ihr Unbehagen, mit dem Sie übrigens nicht allein sind – das ist, seit es die Kolumne gibt, die Frage, die am häufigsten immer wieder gestellt wird –, ist offenbar das Ergebnis eines planvollen, wissenschaftlich untermauerten Vorgehens. Glücklicherweise muss ich nicht entscheiden, ob das positive Ergebnis (mehr Spenden) das Mittel (absichtliche Manipulation) rechtfertigt. Fest steht für mich jedoch, dass ein derartiges Vorgehen keinesfalls bei Ihnen als »Opfer« ein schlechtes Gefühl hinterlassen und Sie dadurch in Ihrer Freiheit beschränken darf.

Sie können deshalb aus moralischer Sicht vollkommen frei entscheiden, was Sie mit den »geschenkten« Umschlägen machen wollen. Sie zu verwenden scheint vernünftig; sie wegzuwerfen hielte ich sogar – aus ökologischen Gesichtspunkten – für falsch. Ebenso frei wären Sie allerdings auch, dennoch etwas zu spenden, nur haben Sie sich dafür entschieden, das woanders zu tun, und die Freiheit dieser Entscheidung brauchen Sie sich nicht trickreich nehmen zu lassen.

Welche Beziehungsfrage im Gegenzug unser Kolumnist Rainer Erlinger an Wolfgang Schmidtbauer gerichtet hat, erfahren Sie im aktuellen ZEITmagazin.

Quellen:

Elliot Aronson, Timothy D. Wilson, Robin M. Akert, Sozialpsychologie, 6. Auflage, Pearson München 2008, Kapitel 11 Prosoziales Verhalten: Warum Menschen helfen, S. 349ff.

Alice M. Isen, Paula F. Levin, Effect of Feeling Good on Helping, Journal of Personality and Social Psychology 1972, Vol. 21, No. 3, 384-388

Armin Falk, Gift Exchange in the Field, Econometrica, Vol. 75, No. 5 (September, 2007), 1501–1511

Robert B. Cialdini and Noah J. Goldstein, Social Influence: Compliance and Conformity, Annu. Rev. Psychol. 2004. 55:591–621

Robert A. Baron, The Sweet Smell of... Helping: Effects of Pleasant Ambient Fragrance on Prosocial Behavior in Shopping Malls, Pers Soc Psychol Bull May 1997 vol. 23 no. 5, 498-503

Adrian C. North, Mark Tarrant, David J. Hargreaves, The Effect of Music on Helping Behavior: A Field Study, Environment and Behavior, Vol. 36 No. 2, March 2004, 266-275

Christian Stegbauer, Reziprozität. Einführung in soziale Formen der Gegenseitigkeit. 2. Auflage, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2011

Frank Adloff, Steffen Mau (Hrsg.), Vom Geben und Nehmen. Zur Soziologie der Reziprozität, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005. Darin insbesondere: Frank Adloff und Steffen Sigmund, Die gift economy moderner Gesellschaften. Zur Soziologie der Philantropie, S. 211-235 mit zahlreichen Nachweisen


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Kommentare

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  • Snailmail Schneckenpost (0) Ich empfinde das Mitversenden von Weihnachtskarten als unverschämt und spende prinzipiell nicht für solche Organisationen und werfe auch die Postkarten weg.

    Natürlich, utilitaristisch betrachtet mag der Zweck die Mittel heiligen, jedoch möchte ich nicht einfach so etwas geschenkt bekommen. Denn hierdurch entsteht ein Ungleichgewicht, das ich nur durch ein schlechtes Gewissen oder durch eine Spende ausgleichen kann.

    Ich bin der Meinung, diese Aktion ist eine Milchmädchenrechnung. Vielleicht sind die Spenden zu Weihnachten dadurch höher, im restlichen Jahr sind sie durch die dadurch ausgelösten negativen Gefühle dafür niedriger. Ein anderes Konzept wäre in meinen Augen viel sinnvoller.
  • Georg Schmidt (0) also, ich schmeis das Zeug unbesehen in die blaue Tonne, spenden tu ich sowieso nicht, da ich meine asiatische Familie unterstütze und mal so nebenbei, wenn sich die ganzen Org nur wegen Spenden zum Jahresende dazu runterzulassen per PC Briefprogarmm an mich zu erinnern, können sie sich das auch sparen-schade um das Porto usw Gruss
  • Walter Kreuder (1) Ja, das ist in Ordnung und schont Resourcen. Meist verewigen sich die Institutionen ja auch auf den Umschlägen oder auf den beigelegten Adressaufklebern. Dann macht man beim Versand automatisch Werbung für die Sache und ist -evtl. auch ungewollt- ein Spendenmultiplikator. Alleine schon das macht ein gutes Gewissen!