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aus Heft 49/2012 Politik

Ich und er

Seite 2: Dabei haben wir es versucht.

Evelyn Roll  Foto: Stephanie Füssenich

Einst waren wir Könige: Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder im August 1997, während eines Waldspaziergangs im Saarland. Hier entstand die Legende einer Männerfreundschaft, die es in Wahrheit nie gab.

Dabei haben wir es versucht. ZEITmagazin und SZ-Magazin haben gemeinsam die alten Konkurrenten Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder um ein Treffen gebeten. Geplant war ein Wiedersehen, ein Gespräch über die Kämpfe, die vielleicht ja lang genug her sein könnten. Waren sie nicht. Schröder hat sofort abgesagt, mit einem sehr nüchternen Brief. Kein Interesse, auch nach Jahren nicht. Lafontaine hat zugesagt.

Neulich an der Universität Göttingen hätte es beinahe einen Showdown gegeben. Der Verein für Socialpolitik hatte Schröder eingeladen, über »10 Jahre nach der Agenda 2010« zu sprechen. Und der Arbeitskreis Real World Economics hatte am gleichen Tag Oskar Lafontaine eingeladen zum Thema »10 Jahre Agenda 2010: Eine kritische Bestandsaufnahme«.

Als die Studenten sagten, Lafontaine könne ja erst mal rüber in den anderen Hörsaal gehen zu Schröder, hat er gedacht: Ja, okay, das mache ich. Und wenn ich reinkomme, gehe ich mal zu ihm hin und gebe ihm die Hand. Er wollte Schröder einfach provozieren. Dann hat er aber nicht gesehen, dass der schon vorne in der ersten Reihe saß. Also hat er sich hinten in die Reihe 13 rechts an den Rand gesetzt und gewartet, dass Schröder reinkommt. Der stand aber plötzlich vorne auf und hielt seine Lobrede auf die eigene Agenda. Einen Halbsatz hat er in Richtung seines ehemaligen Parteichefs und Finanzministers gesagt: Leider verliere man »den einen oder anderen Unterstützer«, das müsse man in Kauf nehmen, wenn man als Reformer unpopuläre Entscheidungen trifft. Kein Gruß, kein Augenkontakt, kein Austausch der Argumente.

Lafontaine sagt: »Er wird sich mir nicht stellen, weil er weiß, er kommt argumentativ nicht durch.«

Hat er denn da in Göttingen nur Zorn empfunden oder sich auch mal den folgenden Gedanken erlaubt? Wenn Gerd Schröder und ich noch mal zusammen rankönnten zur nächsten Bundestagswahl, wir würden es schon reißen.

Oskar Lafontaine sieht aus wie früher, wenn er lachen muss, wie vor 20 Jahren. Dann sagt er: »Gut. Wenn das die Frage ist: Ja. Ich glaube, das würden wir. Wir waren ein gutes Wahlkampfgespann. Schröder ist ein exzellenter Wahlkämpfer mit hervorragenden Qualitäten. Die Klarsicht, das anzuerkennen, muss man sich behalten, auch nach Zerwürfnissen. Ergänzt mit meinen Fähigkeiten würden wir in jedem Fall …«

Man kann sehen, wie sehr er sich jetzt zurücknehmen muss, um den Satz so zu vollenden: »… die viel größeren Chancen haben als die jetzigen Führungspersonen.«

Dann stochert Lafontaine ein bisschen ratlos in seinem Babysteinbutt herum und sagt: »Gerd Schröder hat in mir immer den älteren Bruder gesehen. Das würde er heute zwar bestreiten, aber dafür gibt es genügend Zeugen. Dann kam das Trommelfeuer der Medien: Schröder ist der Schauspieler auf der Bühne und Lafontaine der Regisseur dahinter, der alles macht. Und das hat er natürlich nicht verkraftet, was ich menschlich sogar verstehe, aber trotzdem politisch nicht billige. Und dann kam die Kehrtwende hinter meinem Rücken, regelrecht hinter meinem Rücken.«

Ein Bruderkrieg also. Ein Kindheitsmuster? Oskar Lafontaine hat einen – um wenige Minuten erstgeborenen – Zwillingsbruder Hans. Im Saarland erzählen die Klassenkameraden noch heute davon, wie der vergleichsweise kurzbeinige Oskar die 400 Meter im Wettkampf unbedingt schneller laufen wollte als sein langbeiniger Zwillingsbruder. Lafontaine, das ist das Komische, glaubt heute noch, dass er tatsächlich auch der Schnellere war. Möglicherweise gibt es ja so etwas wie den Politik anfeuernden, aber auch schädigenden Wiederholungszwang, den Bruder niederkämpfen zu müssen: Reinhard Klimmt, Rudolf Scharping, Gerhard Schröder, Gregor Gysi …

»Ich habe einen entscheidenden Fehler gemacht. In dem Moment, wo Schröder die Kanzlermacht hatte, waren mir die Karten aus der Hand genommen. Jetzt konnte er die Partei steuern und nicht mehr ich.«

Da ist einer so lange und so erfolgreich in der Politik. Und kann nicht antizipieren, was Richtlinienkompetenz bedeutet in der Mediendemokratie?

Lafontaine spürt sofort, wenn sein Gegenüber etwas nicht glauben oder nicht fassen kann. Und sagt: »Ja, da kann man sich heute drüber lustig machen, aber es war so. Ich war der Meinung – und das war mein Irrtum –, weil ich ihn zum Kanzler gemacht habe, wird er mir gegenüber im Sinne von Kameradschaftsehre sein Versprechen halten: Die wichtigen Entscheidungen machen wir gemeinsam.«

So wie sie es sich im Restaurant »Ritter St. Georg« in Braunschweig versprochen hatten?

Lafontaine nickt zufrieden. Er redet gern mit Menschen, die solche Details wissen, weil sie offenbar seine Bücher gelesen haben. Und er benutzt seltsame Vokabeln: Kameradschaftsehre.

»Als ich erlebt habe, wie er, sobald er Kanzler war, sich nicht mehr mit mir abgestimmt hat, war mir klar, wie es enden würde.«

Seither ist Lafontaine links und hat immer recht. 2008, als Peer Steinbrück im Bundestag sagte, der Finanzkapitalismus ist an die Wand gelaufen, die Dinge werden sich ändern. Da hat er gesagt: Der Finanzkapitalismus ist zwar an die Wand gelaufen, aber ansonsten wird sich nichts ändern, weil sich die neoliberalen Denkstrukturen über Jahrzehnte halten. Neulich bei Maischberger ging es um den Euro. Da wurde Kohl eingespielt, 1998 im Bundestag: Der Euro ist stabil, alle Befürchtungen sind Geschwätz. Lafontaine hat nach Kohl gesprochen und ziemlich genau die jetzige Entwicklung prognostiziert. Auch bei der Wiedervereinigung hat er sich aus dem Fenster gehängt gegen die Mehrheitsmeinung. War links und behielt recht. Aber Politik haben die anderen gemacht. Weil er die Nerven verloren hat, ausgerastet ist.

Denkt er heute manchmal, er hätte bleiben sollen trotz allem, hätte versuchen sollen, die Dinge in seinem Sinn zu beeinflussen?

»Ja, denke ich. Kann sein. Vielleicht wäre das besser gewesen. Dass das spontan war, ist teilweise richtig. Aber wenn der Kanzler über die Bild-Zeitung sagt, er kann die Politik des Finanzministers nicht mehr mittragen, gibt es ja nur zwei Möglichkeiten: Entweder er geht oder der Finanzminister geht.«

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Evelyn Roll, Leitende Redakteurin der SZ, hat Oskar Lafontaine an ein Kapitel in einem Buch erinnert, das sie 1990 über ihn geschrieben hat, es hieß »Aufsteigen oder aussteigen?« Auf die als Frage getarnte Feststellung: »Eigentlich war es mit Ihnen immer schon so, wie es jetzt wieder ist, oder?«, sagte Lafontaine gut gelaunt und ohne zu zögern: »Ja, stimmt.«

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