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aus Heft 50/2012 Politik

»Alle Meinungen, die Claudia vertritt, halte ich für falsch« – »Geht mir genauso mit dir!«

Seite 2: Nähe entsteht, wenn man den anderen ernst nimmt.

Thomas Bärnthaler und Gabriela Herpell (Interview)  Fotos: Bert Heinzlmeier


Die Grünen hatten mal ein Plakat, auf dem stand: Beckstein würde auch Jesus abschieben.
Beckstein: Das betrachte ich heute noch als eine Gemeinheit!
Roth: Der Innenminister Beckstein war unser Feindbild. Zwei Dinge haben das bei mir relativiert: Die CSU hatte eine ziemlich unterirdische Anti-Türkei-Kampagne geführt. Beckstein aber hatte gute Beziehungen zu örtlichen türkischen Vereinen und machte deutlich: Die gehören dazu! Ein andermal wollten wir mit Rot-Grün ein neues Zuwanderungsgesetz, da hat er gesagt: Ihr müsst es ein Jahr vor der Wahl einbringen, so lange kann ich mich bewegen. Das war ein offenes Angebot. Bei konkreten humanitären Einzelfällen konnte man bei ihm anrufen und was erreichen.
Beckstein: Unter der Voraussetzung, dass es nicht öffentlich wird.
Roth: Das war mit ihm deutlich anders als mit Otto Schily!
Beckstein: Unsere Ausländerpolitik war damals total paralysiert. Ich wollte zeigen, dass man sich auch bewegen kann. Leute in den Kirchen und bei Pro Asyl haben sich unter hohem persönlichem Einsatz engagiert. Die wollte ich pro Staat haben, nicht gegen Staat.

Wann wurde aus dieser symbolischen Freundschaft auch eine persönliche?

Beckstein: Nähe entsteht, wenn man den anderen ernst nimmt. Wenn man offen reden kann. Was ich nicht mal mit manchen Parteimitgliedern machen würde.
Roth: Stichwort: doppelte Staatsbürgerschaft, die ich befürworte, Günther aber rigoros ablehnt. Ich stehe aber jetzt nicht auf und sage: Was mache ich noch hier?! Man muss reden. Und mit ihm mache ich das gerne. Wer hätte gedacht, dass heute 71 Prozent der Unionsanhänger für die Homoehe sind?

Sind Sie für die Homoehe, Herr Beckstein?
Beckstein: Ich war einer derjenigen, die nach Karlsruhe gegangen sind. Heute weiß ich: Die systematische Diskriminierung der Homosexuellen war eine schlimme Verirrung.

Geht es bei Ihrer Freundschaft immer nur um Politik?
Beckstein: Eigentlich schon.
Roth: Und um Fußball! Da haben seine Parteifreunde ihm mal was angetan. Günther war Ministerpräsident und kam zum Spiel nach Augsburg. Augsburg hat die Farben Rot und Grün. Das gefällt mir natürlich. Kommt der Günther mit einem Schal, an den unten noch zwei Zentimeter in Schwarz nachgestrickt waren. So peinlich!

Ist echte Freundschaft über die Parteigrenzen hinweg überhaupt möglich?

Beckstein: Eher sogar als innerhalb der Partei. Angenommen, ich stehe am Abgrund und bin im Begriff runterzufallen. Ein Freund würde mich auf eigene Gefahr retten. Ein politischer Freund wirft einen hinunter. In einer Partei hat man gemeinsame Interessen, aber man liebt sich nicht. Da herrscht Wettbewerb.
Roth: Natürlich gibt es Leute in meiner Partei, denen fühle ich mich nahe. Aber so richtig enge, persönliche Freundschaften kann ich an einer Hand abzählen. Es gibt welche, die merken, wenn es dir nicht gut geht, ohne dass du etwas sagst. Die dann für dich kochen.

Als Frau Roth die Politband »Ton Steine Scherben« managte, da waren Sie, Herr Beckstein, gerade auf dem Weg ins Innenministerium. Hatten Sie nie eine rebellische Phase?
Beckstein: Ich bin heute noch rebellisch! Es ist ja bekannt, dass ich mal bei einer Straßenblockade der Jungen Union in Nürnberg mit dabei war. Protest gegen den Abriss des Mauerdenkmals. Aber das waren sehr brave Veranstaltungen.
Roth: Innerhalb der Partei warst du schon eine Art Rebell.
Beckstein: Sagen wir mal so: Als ich junger Abgeordneter war, habe ich nicht immer darauf geachtet, was karriereförderlich ist. Ich war zum Beispiel gegen den Kreuther Trennungsbeschluss, der 1976 die Abspaltung der CSU von der CDU markierte. Strauß hatte damals alle wissen lassen, wer nicht für mich ist, also für die Trennung, der ist mein Todfeind.
Roth: Die CSU versucht ja nach wie vor, uns krampfhaft in eine bestimmte Ecke zu stellen. Vor ein paar Jahren gab es ein spektakuläres CSU-Plakat, das mich bei einer Sitzblockade in Gorleben zeigte. In meiner Partei hieß es nur: Claudia, da bist du aber gut getroffen! Das hat uns eher genützt. Die plumpe Diffamierung funktioniert eben heute nicht mehr. Oder Stuttgart 21, da hieß es vom Dobrindt, die Grünen haben Steine geworfen. Dann stellte sich heraus, dass es Kastanien waren.

Leiden Sie beide mit dem anderen, wenn es mal nicht so läuft?

Roth: Einmal hab ich mich furchtbar aufgeregt: Da war der Günther gerade Ministerpräsident und gab einen Neujahrsempfang, dein erster Empfang mit deiner Frau, erinnerst du dich? Es war kalt, die Schlange sehr lang, ich hab mich ganz normal angestellt, und ich glaube, ich stand zweieinhalb Stunden. Ich hab dann zum Günther gesagt, weißt du eigentlich, was da draußen für eine miese Stimmung ist? Man hätte den Leuten Tee bringen oder dir sagen müssen, Herr Beckstein, reden Sie nicht mit allen so lang, lassen Sie die Leute durch und halten Sie eine Rede an alle. Da haben seine eigenen Leute ihn nicht informiert. Die haben ihn ins Messer laufen lassen.
Beckstein: Das war eine Fehleinschätzung meiner Leute. Das war keine böse Absicht. Roth: Ich bin mir da nicht so sicher. Ich fand den Umgang mit dem Politiker Günther Beckstein in seiner eigenen Partei ziemlich schäbig. Wie jemand allein verantwortlich gemacht wird für eine Wahl, die nicht so gut ausging, wie man es gewohnt war. Da geht’s zum Teil schon brachial zu. Ich bin da überhaupt nicht objektiv, sondern wirklich Freundin. Und denke, was glauben die eigentlich? Soll ich da mal hin, und peng?

Herr Beckstein, wie haben Sie die Urwahl der Grünen mitbekommen, als Frau Roth nur 20 Prozent bekam?
Beckstein: Ich war total überrascht, dass Frau Göring-Eckardt die meisten Stimmen unter den Frauen bekam. Dass Claudia so schlecht abschnitt, hat mich sehr getroffen. So gemein kann eine Partei also mit ihrer Vorsitzenden umgehen, war mein erster Gedanke. Da lebt Claudia für diese Partei, sie wird als Vorsitzende für jede Arbeit gebraucht, dann diese Klatsche, ungerecht. Aber ich dachte auch, schau an, die Grünen werden auch in Deutschland ein Stück bürgerlich, Herr Kretschmann lässt grüßen.
Roth: Erst einmal danke ich dir von Herzen für deinen wunderbaren Beitrag auf heute.de, wo du mich zum Weitermachen ermuntert hast. Das hat mich wirklich berührt. Es war nicht bitter, dass ich verloren habe, sondern wie. Umso mehr hat mich der Zuspruch auf dem Parteitag bei meiner Wiederwahl als Parteivorsitzende gefreut.

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Gabriela Herpell und Thomas Bärnthaler haben Claudia Roth und Günther Beckstein nach ihrer Bootstour gefragt, ob sie sich noch andere gemeinsame Aktivitäten vorstellen könnten. Beckstein schlug Skifahren vor. Aber Roth winkte ab: »Du fährst doch nur schwarze Pisten!«

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