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aus Heft 51/2012 Fernsehen 2 Kommentare

Erinnern Sie sich?

TV-Weihnachtsserien wie Timm Thaler, Patrik Pacard oder Anna gehörten von 1979 bis 1995 zu den deutschen Feiertagsritualen - wie Plätzchen und Tannenbaum. Die jungen Darsteller wurden über Nacht zu Berühmtheiten. Aber … was wurde später aus den Kinderstars? Wir haben die Helden von damals an einen Tisch gebeten.

Von Gabriela Herpell, Malte Herwig und Marc Baumann (Interview) 



Die Weihnachtsserien-Stars haben sich mit drei Redakteuren des SZ Magazins in einer Privatwohnung in Berlin-Mitte getroffen.


Patrick Bach
(zu Katja Studt): Wir haben uns, glaube ich, schon mal gesehen, oder?
Katja Studt: Ich glaube nicht.
Bach: Oh. Das ist ja ein Phänomen in unserer Branche, dass man denkt, man hat mal zusammengearbeitet. Man ist sich über den Bildschirm so vertraut.
Studt: Ich habe dir als Kind mal einen Liebesbrief geschrieben. Ich muss das jetzt zugeben.
Bach: Ehrlich?

SZ-Magazin: Was haben Sie genau geschrieben?
Studt: Es fing schon damit an, dass jeder i-Punkt ein Herzchen war, natürlich. Patrick war ja als Hauptdarsteller der Weihnachtsserien Silas, Jack Holborn und später in Anna der Mädchenschwarm der Achtzigerjahre, du hast meinen Jungengeschmack schon sehr geprägt. Ich weiß noch, dass ich geschrieben habe: »Patrick, ich liebe Dich so, dass ich jede Nacht von Dir träumen muss.« Ich habe ihn abgeschickt, aber nie was gehört. Und als ich nach der Ausstrahlung meiner Weihnachtsserie Clara auch solche Briefe bekam, habe ich mir gesagt: Ich antworte jedem! Denn ich habe damals wirklich gehofft und gebangt. Aber das soll jetzt kein Vorwurf sein.
Bach: Jedem zu antworten war bei uns gar nicht möglich. Kurz nach Silas habe ich 2000 Briefe täglich bekommen, über Wochen. Der Postbote kam jeden Tag an mit einem Riesensack. Nach zwei Wochen hat er gesagt, wir sollen die Post selber abholen, er schleppt den Sack nicht mehr.
Alexandra Henkel: Bei mir gab es nach Ron und Tanja pausenlos Anrufe zu Hause und auch Fanpost. Teenies waren ja okay, aber es waren auch Erwachsene dabei, das war ein bisschen unheimlich.
Hendrik Martz: Um 18.50 Uhr war damals der erste Teil von Patrik Pacard im ZDF zu Ende, ab 19.10 Uhr klingelte das Telefon, 24 Stunden. Die Leute haben in der Schule angerufen und gesagt, meine Eltern seien tödlich verunglückt. Sie haben mir aufgelauert, und nicht nur Mädchen, sondern auch Jungs, die nicht so toll fanden, dass ihre Freundin mein Bild an der Wand hatte. Ich habe ernsthaft Morddrohungen erhalten, Briefe, wo ich am Galgen hing und »Wir kriegen dich« draufstand. Wir haben Polizeischutz mit Streifenwagen vor dem Haus gehabt. Das ging drei, vier Monate so. Und ich war gerade mal 16.

Sind Sie überhaupt noch vor die Tür gegangen?

Bach:
Ich hab versucht, meinen Tagesablauf ganz normal zu gestalten wie sonst auch. Sich einzusperren ist ja keine Lösung. Meine Schule hat das ganz toll gemacht, ich bin weder gemobbt worden, noch haben die anderen mich für doof erklärt. Die waren stolz, dass sie den »Silas« auf der Schule hatten.
Martz: Bevor ich Patrik Pacard gedreht habe, bin ich sitzen geblieben. Nach den Dreharbeiten habe ich meinen Notendurchschnitt um 2,8 verbessert – die Erfahrung am Set unter all den Erwachsenen hat mich reifen lassen. Nach der Ausstrahlung ging der Schnitt wieder um 2,2 runter. Der Erfolg und der Druck – ich konnte mich auf gar nichts mehr konzentrieren. Ich war froh, dass ich die Realschule gerade noch geschafft habe. Dann habe ich Die Wicherts von nebenan gedreht, eine Familienserie, das war eine andere Art von Bekanntheit. Ruhiger. Diese krasse Teenie-Begeisterung, die über einen einfach so hereinbricht, war es nicht mehr. Zwischen zehn und 17 sind die ja am härtesten drauf.
Kathrin Toboll: Also, ich bin in der Schule fertiggemacht worden, nachdem meine Serie, das Nesthäkchen, an Weihnachten ausgestrahlt wurde. Das war die Zeit, in der ich gerade von der Grundschule aufs Gymnasium gekommen war. Da hatte jeder Mitschüler die vorgefertigte Meinung, dass man als Schauspieler wahnsinnig arrogant und scheiße sein muss.
Studt: Weil einem die Unsicherheit schnell als Arroganz ausgelegt wird.
Toboll: Es gab auch tätliche Angriffe, unheimlich viel Neid. Da wurde ich dann schnell mal »Nestflittchen« genannt.

Haben Sie damals eigentlich gedacht, dass Sie jetzt ganz schnell reich werden?

Henkel und Bach: Ja.

Was haben Sie denn am Tag verdient?
Martz: Tagesgagen gab es nicht. Ich glaube, ich habe 20 000 Mark bekommen für die erste Serie.
Studt: Für den Dreiteiler habe ich auch so um die 20 000 Mark bekommen.
Henkel: Ich auch.
Bach: Meine zweite Gage, für Jack Holborn, habe ich mit 13 Jahren selbst mit dem Produzenten Bernd Burgemeister am Hoteltresen verhandelt. Er fragte mich, was ich mir finanziell vorstellen würde, da habe ich gesagt: Bernd, ich will das Doppelte wie bei Silas. Und ich habe es bekommen.

Die Serie Anna wurde auf DVD mehr als 100 000 Mal verkauft. Bekommen Sie noch Geld, wenn die Serien heute wiederholt werden oder auf Video erscheinen?
Bach:
Wenn Silas wiederholt wird, kriege ich geschätzte 150, 30 Euro. Ich weiß von einem Vertriebsleiter von Saturn, dass die DVD-Boxen der alten Weihnachtsserien sehr gut laufen. Aber davon sehen wir keinen Cent.
Studt: Im Vergleich dazu, was meine Freundinnen damals als Babysitter verdient haben, war es aber viel Geld.
Henkel: Dafür, dass man Spaß hatte, war das doch super.
Studt: Ja, ich hätt’s auch ohne Geld gemacht.

Wenn Sie zurückblicken: Finden Sie es in Ordnung, die eigenen Kinder in einer Fernsehserie mitspielen zu lassen? Es war ja nach dem Riesenerfolg von Timm Thaler 1979, dem ersten Weihnachts-Sechsteiler, klar, welche Ausmaße der Ruhm annehmen könnte. Und man kennt das traurige Schicksal der berühmtesten Kinderstars, von Macaulay Culkin oder von Daniel Radcliffe, dem Harry-Potter-Darsteller, der zum Alkoholiker wurde.
Studt: Wenn die Eltern ihre Kinder drängen, tut mir das immer unglaublich leid. Das merke ich beim Drehen mit Kindern heute sofort. Aber ich kann da nichts machen und versuche, mit dem Kind eine schöne Zeit zu haben, sodass es zumindest fröhlich aus dem Dreh rausgeht. Du kannst den Eltern ja nicht reinreden.
Bach: Ich bin oft gefragt worden: Hat dir das geschadet? Was wurde aus deiner Kindheit? Ich sage dann: Leute, Silas und Jack Holborn waren zwei Serien à drei Monate, das waren Abenteuer und natürlich auch Strapazen. Aber wir reden doch nicht über sieben Jahre Straflager. Mich hat das Drehen als Person eher gestärkt und charakterlich weiter gebracht, als wenn ich drei Monate weiter mit Schlümpfen gespielt hätte. Das hat mir Reife gegeben und dem Kindsein trotzdem keinen Abbruch getan.
Henkel: Man wusste: Du bist Teil des Teams, du wirst um fünf Uhr morgens abgeholt und abends irgendwann nach Hause gebracht. Das war schön, und zugleich war klar, dass man ein wichtiger Baustein des Ganzen war. Ich fühlte mich erwachsen.

Hat man als Kind auch Momente, in denen man vor der Kamera Angst bekommt und denkt, ich schaff das nicht?
Martz: Das kommt später.
Bach: Da kommt der Regisseur und sagt: Pass mal auf, du steigst aufs Pferd und reitest wie der Wind in die Richtung. Und dann machst du das. Weil du dir keine Gedanken machst, bist du in dem Moment der Richtige.

Sigi Rothemund, der Regisseur von Silas, hat erzählt, dass Sie ihn angeschrien haben, als er einen Dreh abbrechen wollte. Weil Sie unbedingt weitermachen wollten.
Bach: Da funktionierte das Boot nicht, eine Unterwasserkamera ging kaputt, es lief eigentlich alles schief – und acht Stunden später ging der Flug von den Cook Islands zurück nach Deutschland. Ich hatte eine beidseitige Mittelohrentzündung und musste auf drei, vier Meter runtertauchen, wo der Kapitän lag. Sie dachten, das packe ich nicht mehr. Und ich hab gebrüllt: Nein, wir machen das jetzt! Warum, weiß ich bis heute nicht.
Toboll: Ich war noch zu sehr Kind, um das zu tun. Mein Körper hat irgendwann bei den Dreharbeiten gestreikt, ich hatte hohes Fieber, bekam Wadenwickel und fiebersenkende Mittel vom Notarzt, damit ich weiterdrehen konnte. Das wurde knallhart durchgezogen, bis jemand aus dem Team todesmutig meine Mutter informierte, die ans Set kam und ausflippte. Ich musste zwei Wochen pausieren, weil ich eine schwere Lungenentzündung hatte.

Ihre Mutter war zickig, fand der Nesthäkchen-Regisseur.
Toboll: Aus seiner Sicht war sie das sicher. Aber sie hat sich einfach Sorgen gemacht und mich gut behütet.

War das Ihre Rettung?
Toboll: Sie hat immer darauf bestanden, dass diese Serie eine einmalige Sache ist. Sie hat sich später schon gefragt, ob das zu strikt war, aber ich glaube, es war genau das Richtige.

Ist das Etikett »Kinderstar« schlecht für die spätere Karriere?

Martz: Als Kinderdarsteller hat man nicht die Möglichkeit zu wachsen. Wenn Jürgen Vogel älter wird und weniger Haare hat, geht das Publikum mit. Als ich anfing, war ich 16 und sah sehr kindlich aus. Dieses Bild von Patrik Pacard blieb. Die Leute sagen: Du warst ein Teil meiner Jugend. Dieser Teil der Jugend bin ich aber jetzt nicht mehr, schon rein äußerlich. Und das ist eine Diskrepanz, mit der die Leute Probleme haben.
Bach: Der Schritt vom Kinderstar zum erwachsenen, ernst zu nehmenden Schauspieler ist fast unmöglich. Ein paar von uns haben’s geschafft, ein Großteil, auch in Amerika, hat’s eben nicht geschafft. Weil man als Kind auch ganz anders spielt: natürlich, frei, naiv. Mit 18 oder 20 schaut man auf einmal in den Spiegel und denkt, wie gucke ich denn jetzt böse? Du fängst an, darüber nachzudenken: Wie spiele ich jetzt diese Rolle?



PATRICK BACH

Serien: Anna, Silas und Jack Holborn
Ist der Kinderstar des deutschen Fernsehens schlechthin. Bach spielte gleich in drei Weihnachtsserien Hauptrollen, 1981 als Zirkusartist in Silas, 1982 als Schiffsjunge Jack Holborn und 1987 als Teenager im Rollstuhl, der der Balletttänzerin Anna nach einem Unfall zurück ins Leben hilft. Es folgten Gastrollen im Vorabendprogramm, etwa im Großstadtrevier. Heute vor allem als Synchronsprecher tätig, etwa in der Verfilmung von Herr der Ringe oder gerade in der Disney-Serie Jake und die Nimmerland Piraten. Patrick Bach, Jahrgang 1968, lebt mit Frau und Kindern in seiner Geburtsstadt Hamburg.
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Kommentare

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  • Katharina Gsöll (1) Die drei anderen Titel von Herrn Rothemund klingen ja auch sehr vielversprechend...
  • Nils Juhl (0) Als Kleiner wollte ich wollte immer die Frisur von Patric Pacard haben. Ich habs jetzt geschafft!