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aus Heft 03/2013 Die Gewissensfrage 4 Kommentare

Die Gewissensfrage

Ist es moralisch in Ordnung, wenn man ein Geldgeschenk nicht wie vereinbart für den Kauf einer Jacke verwendet, sondern einem wohltätigen Zweck spendet?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

»Meine Tochter, die studiert und nicht mehr zu Hause wohnt, erzählte kürzlich von einer Jacke, die sie gern hätte, und guckte dabei so, wie Kinder eben gucken – kurzum, ich gab ihr die 50 Euro für die Jacke. Als ich ein paar Wochen später nachfragte, meinte sie, sie habe mit dem Geld ›etwas viel Besseres gemacht‹, sie habe es den Maltesern gespendet. Obwohl ich es prinzipiell gut finde zu spenden: Müsste sie mir nicht das Geld zurückgeben?« Karin B., Hamm




Kann es falsch sein, Gutes zu tun? Natürlich ist es gut, Geld für Bedürftige zu spenden. Noch dazu, wenn es – wie hier – lediglich auf Kosten von nicht notwendigem Konsum geschieht: Ihre Tochter scheint nicht frieren zu müssen ohne die neue Jacke, es war vermutlich nur die Lust am Neuen, womöglich sogar am Konsumieren selbst. Und es geht sogar noch einen Schritt weiter: Ich vertrete ja die Auffassung, dass das Ziel jedes Geschenkes sein sollte, den Beschenkten zu erfreuen. Wenn Ihre Tochter nun meint, die Spende habe sie viel zufriedener gemacht als eine weitere Jacke, müssten eigentlich alle zufrieden sein, denn das Endziel Ihres spontanen Geldgeschenks wurde damit ja erreicht.

Nun könnte man einwenden, dass Sie das Geld speziell für die Jacke gegeben haben. Zwar schmälert jede Bedingung, die man an ein Geschenk knüpft, das Geschenk, denn der oder die Beschenkte wird in der Freiheit beschränkt, dennoch muss man das einer Schenkenden zugestehen, wenn ihr etwas besonders am Herzen liegt.

Nur ist das hier weniger das Problem: Sie haben gegen eine Spende für gute Zwecke nichts einzuwenden, begrüßen sie sogar. Trotzdem bleibt bei Ihnen – und auch bei mir – ein gewisses Unbehagen. Und wenn man fragt, woher das kommt, landet man meines Erachtens im Zentrum der Moralphilosophie. In gewissem Sinne belegt Ihr Fall, und das ist das Schöne an ihm, dass eine ihrer Kernaussagen auch bei kleinen Begebenheiten im Alltag gilt und wirkt. Auch wenn alles stimmt, was Ihre Tochter sagt – dass sie zunächst die Jacke wollte, aber danach bemerkte, dass sie lieber spenden würde, und es tatsächlich auch tat – ist eines passiert: Sie wurden durch diese unabgesprochene Vorgehensweise abgewertet, von einer gleichberechtigten Akteurin zur Spielfigur. Sonst war alles in Ordnung, ja die Spende sogar besser als der Jackenkauf, aber Sie wurden bei dem Ganzen im Endeffekt zur bloßen Geldquelle. Und damit in der Kantschen Terminologie nicht mehr als eigenständiger Zweck, sondern nur mehr als Mittel gebraucht.

Nun geht es darum, die Abwertung möglichst rückgängig zu machen. Aber wie? Das Geld zurückgeben? Das wäre eine Möglichkeit. Für besser hielte ich jedoch ein offenes Gespräch, bei dem genau diese Punkte angesprochen werden. Denn dabei sind Sie beide dann wieder gleichberechtigte Akteurinnen.

Quellen:

Die Abwertung lässt sich erkennen an der Zweck-an-sich-Formel oder Selbstzweckformel von Kants Kategorischen Imperativs: »Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.«

Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, AA Band IV S. 429
Eine preisgünstige Ausgabe ist im Reclam Verlag erschienen.

Zur Erläuterung der verschiedenen Formeln des Kategorischen Imperativs sehr empfehlenswert ist Ralf Ludwig, Kant für Anfänger. Der Kategorische Imperativ, dtv 2004

Peter Schaber, Instrumentalisierung und Würde, mentis-Verlag, Paderborn 2010


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Kommentare

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  • Georg Schmidt (0) ja, der Kant-die 50? waren zu dem Zweck der Anschaffung der Jacke gegeben worden und der Anstand hätte es erfordert dem Spender darüber zu informieren, dass man das Geld eben anderweitig verwenden will, da wäre ein kurzer Griff zum Handy gewesen-!
  • Justus Well (1) Ein schönes Beispiel, wie Kant und anderen von mediokren Schrift- und Wortauslegern das Wort im Mund umgedreht wird. Bei Kant ist keineswegs davon die Rede, dass ein anderer nicht auch Mittel sein dürfe. Aber nur Mittel, das soll er nicht sein, ZUGLEICH soll er auch noch Zweck sein. Ich kann nicht erkennen, dass durch die Umwidmung der 50 Euro dieser Zweck des Gebers aufgehoben wäre. Die Nehmerin hat sich ja überlegt, wie sie der Absicht des Gebers, ihr eine Freude zu machen, am besten entspricht. Dass das vom ursprünglichen Anstoß zur Geldspende abwich, beweist geistige Flexibilität, die dann der Geber auch noch einbringen müsste.
    Und Kant als Autorität könnte man auch noch hinterfragen. Über das mechanistische Weltbild des ausgehenden 18. Jahrhunderts ist man doch heute hinaus. In zwischenmenschlichen Beziehungen ist der Satz "Der Weg ist das Ziel" doch weitgehend Allgemeingut, also eine Trennung von Mittel und Zweck kaum erkennbar.
  • Georg Schmidt (0) solange se nun nich noch mal kommt und Kohle haben will-aber mal im Ernst, war die Jacke nun bloss eine Anschaffung ohne Sinn sind oder eben als Bekleidung gedacht, über Hilfsorg hab ich so meine eigne Meinung, aber egal!
  • Olaf Neumann (1) Ja nee, is klar. Und vorher war sie noch beim Roten Kreuz zum
    Blutspenden...