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aus Heft 04/2013 Gesundheit 3 Kommentare

Das falsche Signal

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt besser nicht. Denn wenn Sie ihn falsch verstehen, könnte das tödlich enden.

Von Werner Bartens  Fotos: Markus Burke



Medizinisches Neuland Der Nocebo-Effekt, also die Wirkung negativer Gedanken auf das Befinden von Patienten, ist kaum erforscht.

Ein Mann, der zum Tode verurteilt wurde und auf seine Hinrichtung wartet, bekommt Besuch von einem Arzt, der ein Experiment vorbereitet hat: Er verbindet ihm die Augen, fesselt ihn an Armen und Beinen an sein Bett und ritzt mit einem Skalpell die Haut an Handflächen und Fußsohlen ein. Gleichzeitig sticht er kleine Löcher in Wasserbeutel, die er an den Bettpfosten angebracht hat. Mit dem Schnitt in die Haut beginnt das Wasser in Blechschüsseln zu tropfen.

Der Arzt stimmt einen monotonen Singsang dazu an, der immer leiser wird. Irgendwann tropft das Wasser nur noch langsam in die Schüsseln, und der Mann ist nicht mehr ansprechbar. Der Arzt vermutet, der Mann sei eingeschlafen oder ohnmächtig geworden. Doch er irrt, der Verbrecher ist tot – gestorben an dem Glauben, dass er verbluten würde. Dabei hat er durch die kleinen Schnitte in die Haut nicht mal ein Schnapsglas voll Blut verloren.

Dieses ebenso grausame wie aufschlussreiche Experiment fand in den Dreißigerjahren in Indien statt. Es ging in die Medizingeschichte ein, als drastisches Beispiel für die Kraft negativer Gefühle und Vorstellungen. Dass diese Gefühle ausgerechnet von einem Arzt ausgelöst werden, mag auf den ersten Blick verstören. Doch gerade die Medizin, die eigentlich gesund machen soll, trägt bis heute dazu bei, dass Menschen sich krank fühlen oder überhaupt erst krank werden: Voreilige Diagnosen können ebenso massiv schaden wie übertriebene Warnungen vor Risiken und Nebenwirkungen von Medikamenten oder Therapien. Der Turiner Neurophysiologie-Forscher Fabrizio Benedetti hat den Einfluss negativer Gedanken auf den Körper untersucht. Mal sei »ein gemeiner und rücksichtsloser Arzt« schuld am Elend des Patienten, sagt er, mal bereits »das Geräusch des Zahnarztbohrers, das schon Schmerzen auslöst, bevor überhaupt damit gebohrt wurde«.

An dieser Macht der negativen Gedanken wäre auch beinahe Vance Vanders zugrunde gegangen, ein weiterer Fall aus dem Lehrbuch, der ebenfalls in den Dreißigerjahren spielt, diesmal in den USA. Auf dem Friedhof eines kleinen Ortes in Alabama traf er spätabends einen Mann, der in dem Ruf stand, ein Hexendoktor zu sein. Der Magier nahm eine Flasche mit stinkender Flüssigkeit, schwenkte sie vor Vanders Gesicht herum und prophezeite ihm, dass er bald sterben müsse und nichts ihn retten könne.

Vanders war nach dem Treffen wie erschlagen. Zu Hause ging es ihm stündlich schlechter. Wenige Tage später war er so ausgezehrt, dass er ins Krankenhaus musste. Die Ärzte fanden keine Erklärung für seinen miserablen Zustand. Dann erzählte Vanders Frau einem Arzt von den seltsamen Verwünschungen. Der Mediziner war zunächst ratlos, dann fasste er einen Entschluss. Er rief die Familie am Krankenbett zusammen und erzählte, er habe den Hexer zur Rede gestellt. Der obskure Medizinmann habe demnach Eidechseneier in Vanders Magen gebracht, die Tiere seien dort geschlüpft – und nun sei ein Reptil im Körper verblieben und würde ihn langsam von innen auffressen.

Auf Geheiß des Arztes kam eine Krankenschwester, die eine enorme Spritze mit Brechmittel vorbereitet hatte. Unter großem Zeremoniell spritzte der Doktor das Emetikum und der Patient begann sich zu übergeben. Im allgemeinen Trubel zog der Arzt in einem unbeobachteten Moment eine Eidechse aus seiner Tasche und zeigte sie triumphierend: »Schau, Vance, was aus dir herausgekommen ist«, sagte er. »Es ist gut jetzt, der Zauber ist vorbei.« Der Patient trank einen Schluck Wasser und fiel in tiefen Schlaf. Nach einer Woche wurde er entlassen, völlig gesund, wie mehrere Ärzte bezeugten.

Die Verwünschungen der heutigen Medizin sind vergleichsweise unspektakulär, aber nicht weniger verheerend, weshalb sie von Wissenschaftlern eifrig studiert werden, »Nocebo« lautet der Fachbegriff, was wörtlich übersetzt »Ich werde schaden« bedeutet, im Gegensatz zum Placebo (»Ich werde gefallen«). In beiden Fällen gibt es keinen materiell fassbaren Wirkstoff. »Der Placebo-Nocebo-Effekt ist ein erstaunliches Beispiel dafür, wie Seele und Geist mit dem Körper interagieren«, sagt Fabrizio Benedetti.

Amerikanische Psychologen konnten zum Beispiel zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, an einem Herzschlag zu sterben, für Frauen dreimal so hoch ist, wenn sie glauben, sie seien besonders anfällig für einen Infarkt. »Negative Gefühle erhöhen bei allen Menschen die Gefahr für einen Infarkt so stark wie Bluthochdruck«, sagt Karl-Heinz Ladwig, Herzexperte in der Klinik für Psychosomatik der Technischen Universität München. Symptome wie Erschöpfung oder Hoffnungslosigkeit in den sechs Monaten vor einem Infarkt seien so typisch, dass Ärzte den seelischen Beschwerden und Stimmungstiefs viel mehr Aufmerksamkeit schenken und nicht nur die klassischen Risikofaktoren Bluthochdruck, Diabetes und erhöhtes Cholesterin beachten sollten.

Bekannt ist auch das Phänomen, dass Patienten erst dann
Nebenwirkungen erleiden, wenn sie davor gewarnt wurden. »Schlechte Neuigkeiten fördern schlechte Physiologie«, sagt Clifton Meador von der Vanderbilt-Universität in Nashville, Tennessee. Krebsärzte etwa wissen, dass manchen Patienten bereits vor der Chemotherapie übel wird und sie schon Tage vorher oder auf dem Weg ins Krankenhaus brechen müssen. Es ist die negative Erwartung, die ihnen übel aufstößt. Umgekehrt erfahren viele Menschen Linderung von einer Kopfschmerztablette, die sie gerade erst geschluckt haben und die aus rein pharmakologischer Sicht noch gar nicht den Schmerz dämpfen kann, weil sie die Rezeptoren und Schmerzzentren im Körper noch nicht erreicht hat.

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Kommentare

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  • Georg Schmidt (0) heute machen das die Arzt TV Runde, es ist erwiesen, dass, wenn am Abend eine dieser Ärzte talkschows läuft, am nächsten tag jede Menge kranke Menschen in den Praxen sind, den Rest übernehmen heute die Internetforen, also ich habe so ein Forum einige Zeit besucht, bin aber ausgestiegen, weil ich die Kommentare oft sehr anstrengend fand, wenn Laien über Behandlungen und Krankheiten diskuttieren, ist das manchmal extrem belastend!
  • Ekkehard Durst (1) Könntet ihr beim nächsten Artikel über ein Medizinthema bitte ein Fotomodell nehmen, das nicht schwerst untergewichtig aussieht? Es geht ja schließlich nicht um Dr. Mengele ... DANKE
  • Klaus Protz (1) "Der Mensch glaubt das, was er glauben will"
    Einem Patienten mit einer tatsächlichen Haselnuss-Allergie wird bei diffusen Verdauungsbeschwerden gesagt, dass das auch Folgen einer Allergie sein könnten. Inzwischen meint er nun, wirklich, allergisch gegenüber Weizenmehl, Tomaten, Paprika, Blumenkohl u.v.m. zu sein. Er ist Privatpatient und so wird er von seinem Arzt in diesem Glauben unterstützt.
    "Mein liebster Patient ist ein gesunder Dauerpatient."
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