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aus Heft 04/2013 Gesundheit Noch keine Kommentare

Sparen oder helfen

Seite 3: Die Aussichten auf einen neuen Job könnten kaum schlechter sein

Von Alexandros Stefanidis  Fotos: Nikos Pilos





In einer schriftlichen Stellungnahme bestätigt Fresenius Medical Care, dass die Preisvorgaben zwar von den griechischen Behörden festgesetzt werden, aber: »Die Verkaufspreise für Dialysefilter in Griechenland liegen je nach Ausführung derzeit eher im europäischen Mittelfeld.« 40 Euro zahle in Griechenland kein Krankenhaus dafür. Aus dem griechischen Gesundheitsministerium heißt es pauschal, man arbeite gerade daran, die Preise für Medikamente und andere Gesundheitsprodukte herabzusetzen.
Vielleicht ist es also falsch, von einem »System« im griechischen Gesundheitswesen zu sprechen. Denn hier greift kein Rädchen mehr ins andere: Apotheker streiken, weil ihnen die griechische Gesundheitskasse EOPYY Geld schuldet. Ärzte und Krankenschwestern streiken, weil ihnen die staatlichen Kliniken bis zu acht Monatsgehälter schulden. Viele Medikamentenhersteller haben ihre Lieferungen bereits eingestellt, weil noch offene Rechnungen bestehen. Krankenhäusern fehlt es an Basis-Utensilien.

Lambrini Asteriou ist Krankenschwester im Papageorgiou, das auf Grund privater Zuwendungen mit den Gehaltszahlungen noch nicht in Rückstand geraten ist. Und trotzdem: Vor der Krise hat sie 1400 Euro netto verdient, jetzt sind es noch rund 1000 Euro. Für ihre Zehn-Stunden-Nachtschicht in der Notaufnahme erhält sie einen Nettozuschlag von gerade einmal 14,73 Euro. Sie sagt: »Früher war ich am Dritten jeden Monats noch im Plus. Heute bin ich immer im Minus. Und das bei einem Arbeitspensum, das die 60-Stunden-Woche häufig überschreitet. Verdammt noch mal! Ich habe einen regulären, kräftezehrenden Job in einem der besten Krankenhäuser dieses Landes, und es reicht vorne und hinten nicht.«

Der Chefneurologe spricht von Zuständen »wie im Krieg«, der Oberärztin ist zum Heulen zumute, der Vorstandsvorsitzende ist ratlos, die Krankenschwester stocksauer.  Die Nationale Gesundheitskasse EOPYY, die für fast alle Griechen zuständig ist, hat Schulden in Höhe von rund zwei Milliarden Euro: bei Krankenhäusern, Apothekern,  Medikamentenherstellern. Experten führen diese Ausstände auf die rasant gestiegene  Arbeitslosenrate in Griechenland zurück. Je weniger Menschen einem regulären Job nachgehen, desto weniger Einnahmen verbuchen die staatlichen Sozialkassen. In den vergangenen drei Jahren hat sich die Arbeitslosenrate von neun Prozent im Oktober 2009 auf 26 Prozent im September 2012 nahezu verdreifacht. Und in Griechenland existiert kein soziales Netz, kein Hartz IV, das die Menschen auffängt. Wer seinen Job verliert, erhält ein Jahr Arbeitslosenhilfe. Danach stellt der Staat seine Unterstützung ein. Vollends. Das bedeutet auch, dass jeder nach einem Jahr Arbeitslosigkeit seine Krankenversicherung verliert. Zurzeit sind mehr als 1,3 Millionen Griechen arbeitslos. Die Aussichten auf einen neuen Job könnten kaum schlechter sein.

Und selbst diejenigen, die noch Arbeit haben, sind am Ende ihrer Kräfte. Für Kiparisia Karatzidou, die Oberärztin, und Lambrini Asteriou, die Krankenschwester, steht fest: »Wenn sich hier nicht schnell etwas ändert, werden auch wir Griechenland verlassen.«
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