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aus Heft 04/2013 Gesundheit Noch keine Kommentare

Das Wunderkind

Tollwut gilt seit Jahrtausenden als tödliche Krankheit. Aber die achtjährige Precious Reynolds aus Kalifornien lebt. Denn ein Arzt hatte eine Idee.

Von Monica Murphy und Bill Wasik  Fotos: Lucas Foglia



Totgesagte leben länger Precious Reynolds, hier mit ihrer Hausente vor der elterlichen Farm, überlebte eine eigentlich tödliche Tollwutinfektion.

Precious Reynolds, acht Jahre alt, schmal, die Haare zum Pferdeschwanz gebunden, hüpft vom Aufzug zur Pforte der Kinder-Intensivstation. Sie zappelt herum, während sie darauf wartet, dort eingelassen zu werden, wo sie – ginge es nach den Erkenntnissen aus 2000 Jahren Medizingeschichte – hätte sterben müssen. Neun Monate zuvor hat sie hier am UC Davis Medical Center in Sacramento, Kalifornien, einen Anfall von Tollwut überlebt – und damit eine Krankheit besiegt, die bisher als zu hundert Prozent tödlich galt.

In der Kinderstation wird sie von den Krankenschwestern wie ein kleines Wunder begrüßt. Precious kann sich zwar nicht mehr an alle erinnern, wechselt aber mit jeder ein paar Worte, erzählt von zu Hause. Wie vor ihrem Anfall lebt sie mit ihren Geschwistern und Großeltern auf einer Farm in Willow Creek, mitten in der Wildnis von Humboldt County in Kalifornien. Auf der langen Zufahrtsstraße zur Farm läuft sie ihre Trainingsrunden, um für die Ringersaison in der Kinderliga fit zu werden. Sie macht auch schon wieder beim »Hammelreiten« mit: Ähnlich wie beim Rodeo versuchen sich Kinder dabei so lange wie möglich auf dem Rücken bockender Schafe zu halten; vor Kurzem hat Precious den dritten Platz belegt und 23 Dollar Preisgeld eingestrichen.

Ihre Begegnung mit dem Tod begann mit einer grippeähnlichen Erkrankung, die von seltsamen Symptomen begleitet wurde: Kopf- und Nackenschmerzen, Schwäche in den Beinen. Im örtlichen Krankenhaus brachte ihr eine Schwester etwas zu trinken, doch sie konnte die Flüssigkeit nicht schlucken, fast erstickte sie daran. Die Symptome wurden so heftig, dass das Mädchen per Hubschrauber in das Universitätskrankenhaus von Sacramento gebracht wurde. Als das kalifornische Gesundheitsamt von ihrem Zustand erfuhr und davon, dass die Patientin aus dem ländlichen Humboldt County stammte, kam der Verdacht von Tollwut auf. Die Labortests bestätigten die Diagnose: In Precious’ Blutserum und Rückenmarksflüssigkeit fanden sich Antikörper – was nur die Folge einer Impfung oder einer Infektion sein kann. Und tatsächlich, ein paar Wochen zuvor war sie beim Spielen vor ihrer Schule von einer verwilderten Katze gebissen worden. Damals hatte niemand an eine Behandlung gegen Tollwut gedacht, und nun war es zu spät für die übliche Gegenmaßnahme – mehrere Impfungen über zwei Wochen hinweg, um dem Körper Zeit zu einer Immunreaktion zu geben, bevor das Virus das Gehirn erreicht. In Precious’ Fall war klar, dass ihr Gehirn bereits befallen war.

Noch vor einem Jahrzehnt gab es keinen anderen Weg, als solchen Patienten zumindest das Sterben zu erleichtern: Man hätte mit Beruhigungs- und Schmerzmitteln versucht, die Leidensphase etwas erträglicher zu machen. Ohne Behandlung ist Tollwut schon für Beobachter kaum auszuhalten, ganz zu schweigen von denjenigen, die davon befallen sind. Die Schluckbeschwerden, auch Hydrophobie genannt, sorgen dafür, dass sich der Körper des Patienten gegen jede Flüssigkeit wehrt, die man ihm einflößen möchte, selbst wenn er fast am Verdursten ist. Es folgen Fieberanfälle, heftige Krämpfe, plötzliche Aggressionsschübe. Die Schmerzensschreie aus den verkrampften Kehlen der Opfer sind schier unerträglich, sie klingen wie tierisches Gebell. Am Ende setzt der Teil des Gehirns aus, der die vegetativen Funktionen wie Atmung und Blutkreislauf steuert. Die Folge: Entweder ersticken die Patienten oder sie sterben an einem Herzstillstand.

So war es bislang, unweigerlich. Doch inzwischen können Krankenhäuser eine Behandlung zumindest versuchen. Entwickelt hat sie der Kinderarzt Rodney Willoughby aus Milwaukee, der im Jahr 2004 mit einer 15-jährigen Tollwutpatientin konfrontiert wurde. Wie die meisten Ärzte in den USA hatte Willoughby zuvor noch nie mit Tollwut zu tun gehabt. Trotzdem konnte er dem Mädchen mit einer ganz einfachen Idee das Leben retten: Mithilfe von Medikamenten wurde die Patientin eine Woche lang in ein tiefes Koma versetzt und schließlich behutsam wieder zurückgeholt.

Es war der erste dokumentierte Fall, in dem ein Mensch eine Infizierung mit Tollwut überlebte, ohne vor Auftreten der Symptome geimpft worden zu sein. Willoughby stellte seine Behandlungsmethode ins Internet, machte in Zusammenarbeit mit Krankenhäusern auf der ganzen Welt ihren Einsatz wiederholbar und entwickelte sie weiter. Sein sogenanntes Milwaukee-Protokoll zeigt einen, wenn auch begrenzten, Erfolg: Bei weltweit 41 Behandlungsversuchen haben fünf weitere Patienten überlebt. Eine davon ist Precious.

Müsste man für einen Film einen genialen Arzt besetzen, der sich gegen alle medizinischen Konventionen stellt, käme man kaum auf einen wie Rodney Willoughby, 57, untersetzt, gemütlich im Auftreten, bedächtig in der Wortwahl. Der Spezialist für ansteckende Krankheiten am Children’s Hospital of Wisconsin war zuerst skeptisch, als im Oktober 2004 eine Patientin mit Tollwut-Symptomen in seine Obhut übergeben wurde: »Ich hatte so meine Zweifel, dass es sich wirklich um Tollwut handeln könnte. Das kommt einfach nicht vor!«

Die Patientin Jeanna Giese, 15, Schülerin und Sportlerin, litt an Erschöpfung, Erbrechen, Seh-, Sprach- und unspezifischen Koordinationsstörungen. Bei ihr war die mögliche Quelle einer Tollwutinfektion klar: Vier Wochen zuvor war sie in ihrer Gemeindekirche von einer Fledermaus gebissen worden, die sie vom Boden des Altarraums aufgehoben hatte. Trotzdem schien für Willoughby zunächst eine andere Form von viraler Gehirnentzündung oder eine Autoimmunkrankheit im Gehirn die wahrscheinlichere Erklärung für ihre Beschwerden zu sein. Doch um Tollwut auszuschließen, ließ er binnen Stunden Blut- und Rückenmarksproben von Jeanna an die Centers for Disease Control in Atlanta (CDC) schicken, die US-amerikanische Seuchenschutzbehörde.

Obwohl Spezialist für Infektionskrankheiten, wusste Willoughby fast nichts über Tollwut: »Fürs Examen musste man nur eines lernen: dass sie zu hundert Prozent tödlich ist.« Telefonisch erkundigte er sich bei den CDC, ob irgendwo an einer Heilbehandlung geforscht wurde – eine vielversprechende neue Therapie vielleicht, die bislang noch in keinem Ärztejournal veröffentlicht wurde. Die Behörde konnte nicht weiterhelfen. Willoughby blieb nur ein knapper Tag zur Ausarbeitung eines Plans, also verschaffte er sich durch Querlesen einen Überblick über die neurowissenschaftlichen Grundlagen der Tollwut. Am zweiten Tag von Jeannas Krankenhausaufenthalt in Milwaukee kam das Ergebnis der CDC: In ihrem Blutserum und in der Rückenmarksflüssigkeit befanden sich Antikörper gegen Tollwut. Eine Stunde später trafen sich ihre Ärzte, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

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