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aus Heft 04/2013 Gesundheit

Das Schubladen-Ohr

Andreas Wenderoth 

Hörgeräte werden ständig besser, unauffälliger, auch teurer. Warum liegen dann trotzdem so viele ungenutzt in der Schublade?

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»Tut wirklich gut, die Sonne im Gesicht!«
»Ja, meine ist auch wasserdicht.« »Sag ich doch seit Jahren, der Typ ist ein Wicht.«
(Foto: Ricardo Cases)

Aus eigenem Antrieb hätte sie nichts getan. Es waren ja die anderen, die Probleme mit ihr hatten. Ihre Tochter zum Beispiel, die eines Tages sagte: »Du hörst schlecht!« Also ging Ilse Weiß vor drei Jahren dann doch zum Ohrenarzt, der eine Einschränkung des Frequenzgangs vor allem auf dem linken Ohr feststellte. Der Hörakustiker bestätigte diesen Eindruck, legte ihr ein Audiogramm vor, das ihre Unzulänglichkeit sozusagen amtlich bewies, und dann hatte Ilse Weiß auf einmal zwei Hörgeräte zu Hause, die sie in der Schatulle eigentlich schöner fand als in ihren Ohren. Der Hörakustiker hatte gesagt, sie solle sie möglichst dauernd tragen. Ilse Weiß, 79 Jahre, sagt: »Bis heute mache ich sie zu Hause nicht dran. Und wenn ich rausgehe meist auch nicht.«

Natürlich kann ein Hörgerät seine Wirkung nur begrenzt entfalten, wenn es in einer Schublade liegt, das weiß sie selbst. Aber wenn sie es benutzt, macht es ihr Leben oft auch nicht leichter: »Ein einziges Ärgernis!« Als sie einmal damit im Theater war, hatte sie den Eindruck, im Inneren einer Blechdose zu sitzen, so schepperte es. »Stört mich wahnsinnig«, sagt Ilse Weiß. Vielleicht hätte sie sich mehr Zeit nehmen sollen, sich nicht gleich für das zweite Gerät festlegen, aber sie wollte die Sache erledigt haben. »Ein schöner Mist«, sagt sie. Alle paar Monate geht sie zum Akustiker, der freundlich-bemüht daran herumstellt und betont, man sei jetzt auf einem guten Wege. Am Ende spürt sie jedes Mal: keine Verbesserung.

Ilse Weiß ist ein Einzelfall. Sagen die Hörgeräteverbände und Hersteller. Sie reden von der großen Zufriedenheit ihrer Kunden und führen Statistiken an, die belegen sollen, dass die meisten Hörgeräte auch tatsächlich täglich getragen werden. Aber kennt nicht jeder in der Familie oder bei Freunden mindestens einen Senior, der ein teures Hörgerät hat, das er aus unterschiedlichsten Gründen eben nicht trägt? Das in einer Schublade vermodert, möglichst ganz hinten, damit man nicht unangenehm an das viele Geld erinnert wird, das es einmal gekostet hat?

Laut einer Umfrage des europäischen Hörgeräteverbandes sind 73 Prozent der Hörgeräteträger mit ihrem Hörgerät »überwiegend zufrieden«. Wenn aber nun, etwas zugespitzt, 27 Prozent der Hörgeräte eher nicht getragen werden, hieße das übersetzt für den deutschen Markt: Fast 1,5 Millionen Hörgeräte liegen in der Schublade. Legt man einen eher moderaten durchschnittlichen Preis von 1000 Euro zugrunde (ein Hörgerät kann pro Seite durchaus 3000 Euro und mehr kosten), ergibt das ein totes Kapital von rund 1,5 Milliarden Euro.

Als im engeren Sinne schwerhörig gilt laut Weltgesundheitsorganisation, wer eine Hörminderung von mehr als 25 Dezibel hat, also zum Beispiel das Ticken einer Armbanduhr nicht mehr hören kann. Natürlich gibt es einen Grad von Schwerhörigkeit, ab dem man keine Wahl mehr hat, will man nicht außerhalb jeder Kommunikation stehen. Ab dem ein Hörgerät also unbedingt notwendig ist. Aber gerade im Bereich der leichten Schwerhörigkeit scheint es aus Sicht der Betroffenen, die sie oft anders und weniger gravierend empfinden als ihre Angehörigen, durchaus Argumente zu geben, die gegen das Tragen eines Hörgerätes sprechen.

Davon ist auf der 1. Hörmesse im Münchner Alten Rathaus eher weniger die Rede. Der Andrang der Schwerhörigen ist so gewaltig, dass das Haupttor bereits nach einer guten Stunde vorübergehend geschlossen werden muss. Das führende bayerische Hör-akustik-Unternehmen Seifert hat zum »InfOHRmationstag« geladen. Auf dem Rednerpult unter holzgetäfeltem Gewölbe Seifert-Geschäftsführer Wolfgang Luber, der sich zunächst für die schlechte Akustik entschuldigt. »Sie können auf Induktionsspule stellen« – eine Einstellung, die das Hören in großen Hallen erleichtert. Luber sagt, er verspreche, es gehe heute nicht um die Firma Seifert. Was nicht ganz stimmt. Aber zu einem 50. Firmenjubiläum darf und muss man als Geschäftsführer schon ein paar Worte verlieren dürfen. Erst recht, wenn man der Veranstalter ist.

Luber hat also gerade ein bisschen über seine 70 Filialen und die guten Aussichten der Branche gesprochen, als sich in der mittleren Reihe »spontan« eine Mutter erhebt, die der Firma Seifert im Namen ihrer Tochter danken möchte, weil ihr neues Hörgerät sie wieder mit dem Leben verbunden habe. Sie übergibt einen Strauß »Esperanza-Rosen«, »weil Hörgeräte doch Hoffnung machen«, und lobt die netten Akustiker bei Seifert. Weil das jetzt ein bisschen wie auf einem Parteitag ist, beeilt sich Herr Luber zu sagen, dies sei nicht geplant gewesen. Auch wenn es ja ganz gut passt.

Im Folgenden reden Wissenschaftler, Ärzte, Akustiker und ein paar Mitarbeiter der Firma Seifert. Fast alle folgen dabei einem ähnlichen Schema. Erst zeichnen sie auf, wie sich der Schwerhörige in die Isolation begibt. Dann bieten sie den Ausweg an. Professor Hamann von der HNO-Klinik Bogenhausen folgt dieser Redetechnik am konsequentesten: Soeben also hat er erzählt, dass zwar 88 Prozent der Risikogruppen einen Sehtest machen, aber nur 44 Prozent einen Hörtest. Dass Schwerhörige häufiger stürzen, wovor man sich in Winter ja sowieso fürchtet. Er hat die Deutschland-Zahl – 14 Millionen Schwerhörige – in großen Buchstaben an die Wand projiziert, »eine traurige Zahl«, wie er sagt und dabei besonders traurig guckt, um dann überzuleiten zu dem, was er »Nachholbedarf« nennt: In leuchtendem Rot unterlegt erscheint an der Wand: »7 Millionen unterversorgte Schwerhörige. Einzig sinnvolle Therapie: Hörgeräteversorgung.«
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Andreas Wenderoth hat zum Hören ein besonderes Verhältnis, weil er einen Großteil seiner Honorare in alles investiert, was ihn der Illusion eines perfekten Klanges näherbringt: verbesserte Elektronik, Tonabnehmersysteme, Lautsprecher. Als »Kulturträger« im Oelmüller’schen Sinne ist seine größte Sorge vor dem Alter deshalb auch der drohende Hochtonabfall.

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