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aus Heft 05/2013 Fernsehen 2 Kommentare

»Jedes Schicksal ist besonders«

Zwei Dokumentarfilmer aus Berlin haben 30 Menschen in ihrer Nachbarschaft mehr als ein Vierteljahrhundert lang mit der Kamera begleitet. Ihre Filme zeigen: Nichts ist spannender, anrührender und abgründiger als das ganz normale Leben.

Von Tobias Haberl (Interview) 



SZ-Magazin: Sie haben 30 Menschen aus Berlin-Wilmersdorf 26 Jahre lang mit der Kamera begleitet. Warum so lange?

Hans-Georg Ullrich: Weil es der Traum jedes Dokumentarfilmers ist. Wir hatten damals gerade den Grimme-Preis bekommen, als der WDR uns das Angebot machte: »Jungs, dreht, was euch interessiert. Wir senden es.«
Detlef Gumm: Heute wäre so was undenkbar. Viel zu teuer. Viel zu aufwändig. Wir haben unser halbes Leben mit diesem Projekt verbracht.

Das Langzeitfilmprojekt Berlin – Ecke Bundesplatz startete 1986, aber nicht jeder will jahrelang ein Kamerateam um sich haben. Wie haben Sie Ihre Protagonisten gefunden?
Gumm: Es gab kein Casting, wenn Sie das meinen. Wir haben ein paar Zeilen aufgesetzt, unsere Telefonnummer drunter geschrieben, die Zettel kopiert und in die Briefkästen der Nachbarschaft geworfen. Die Leute, die sich gemeldet haben, sind unsere Protagonisten geworden.
Ullrich: Da hat sich ganz automatisch ein gesellschaftlicher Querschnitt ergeben: der Kleinbürger, das schwule Pärchen, die türkische Familie, der reiche Jurist, die alleinerziehende Sozialhilfeempfängerin, es war alles dabei.

Gibt es einen Menschen, der Sie besonders fasziniert hat?
Ullrich: Am Anfang denkt man, der ist spannend, der eher nicht, aber mit der Zeit merkt man, dass jedes Menschenleben gleich faszinierend ist, wenn man sich mit ihm auseinandersetzt. Natürlich finde ich die fleißige und liebe Bäckersfrau erst mal sympathisch und den Notar, der wegen irgendwelcher Finanzgeschichten in den Knast kommt, eher zwielichtig, aber beide sind gleich spannend.
Gumm: Und keiner ist nur gut und keiner nur böse, deswegen ja dieser enorme Zeitraum. Man versteht die Menschen besser, ihre Motive, Ängste, Wünsche und Defizite. Die Diskrepanz zwischen den Träumen der Menschen, wenn sie jung sind, und der Realität, das langsame Abschiednehmen von Plänen, das ist bewegend. Natürlich kann so ein Alltag auch gnadenlos langweilig sein, aber auf lange Sicht gibt es kein Schicksal, das einen nicht berührt.

Nennen Sie ein Beispiel.
Ullrich: Drüben im Park hauste sechs Jahre lang ein Penner namens Karl. Das war ein wahnsinnig liebenswerter Kerl, klug, sensibel, saß den ganzen Tag im Regenhäuschen und hat gelesen. Mit der Zeit haben wir uns angefreundet und ihm geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Kalle bekam eine kleine Wohnung vom Sozialamt, eine Nickelbrille, neue Zähne…
Gumm: … bis uns auffiel, dass wir ihn schon ein paar Tage nicht mehr gesehen hatten, was ungewöhnlich war, weil er jeden Tag bei uns im Büro vorbeikam.
Ullrich: Ich bin dann rüber, habe geklopft und gerufen, am Ende brachen zwei Feuerwehrmänner die Wohnungstür auf. Das Bild werde ich nie vergessen: wie der Kalle da tot im Sessel liegt, wo er doch gerade erst Fuß gefasst hatte.
Gumm: Bei solchen Szenen haben wir die Kamera abgestellt. Es gibt Regisseure, die würden so was nachstellen, aber das kam für uns nicht in Frage. Wir wussten, dass durch die vielen Jahre auf der Straße sein Herz kaputt war. »Wer gibt einem wie mir schon ein Ersatzherz?«, hat er immer gesagt.

Hat sich während der 26 Jahre Ihre Sicht auf Deutschland verändert?
Ullrich: Mir ist klar geworden, wie ungerecht es in unserem Land zugeht. Die Bäckersfrau Dahms zum Beispiel, deren Mann 2010 an Kehlkopfkrebs gestorben ist, hat den ganzen Kiez zwanzig Jahre lang mit wirklich guten Brötchen versorgt. Heute rennt sie zweimal pro Woche zur Gemeindetafel, um sich ihre Schrippen zu holen.
Gumm: Sie kriegt vielleicht 340 Euro Rente, während der Hausmeister von der Schule drüben, der sich nicht gerade krummgearbeitet hat, 1200 Euro bekommt.
Ullrich: Vor ein paar Tagen hat sie uns mal wieder besucht, weil sie irgendeine Telefonnummer gebraucht hat: »Oh«, hat sie gesagt, »das ist ja eine Handynummer, da kann ich leider nicht anrufen, dafür hab ich kein Geld.«
Gumm: Als ihr Mann noch lebte, haben die zwei mal eine Butterfahrt nach Dänemark mitgemacht und sich selbst eine Postkarte nach Hause geschrieben, weil sie auch mal Post aus dem Ausland bekommen wollten. Das ist so naiv und rührend, das kann einen gar nicht kaltlassen.
Ullrich: An diesem Bäcker Dahms erkennt man gut, wie ein einzelner Mensch fehlen kann. Der war nicht wichtig, kein Held, aber was hat dieser Mann für eine Rolle
gespielt mit seiner liebenswerten Art, wenn er abends in der Kneipe sein Bier getrunken hat. Er hat seine Frau und seine zwei Kinder durchgebracht und jedem zugehört, der war kein Gutmensch, sondern ein guter Mensch, und er fehlt, ganz eindeutig. Ich weiß noch, wie er eines Tages zu uns kam und sagte: »Wisst ihr was, ich fahre morgen nach Auschwitz. Ich war da noch nie und finde, da muss man mal gewesen sein.«
Gumm: Wir waren total baff. So was hatten wir von ihm nicht erwartet.
Ullrich:
Aber wir mussten natürlich mit, wir haben im Laufe der Jahre etliche Urlaube spontan über den Haufen geworfen, aber es hat sich gelohnt. Ich werde nie vergessen, wie dieser einfache, redliche Mann gemeinsam mit einer dänischen Schulklasse durch das Lager läuft, stumm und betroffen, ohne ein Wort zu sagen. Ich saß mit meiner Kamera in einer Zelle und filmte durchs Fenster nach draußen, als mein Assistent zu mir sagt: »Du, Georg, jetzt reden wir mal ein paar Minuten nicht, ich schäme mich.« Wir haben Herrn Dahms an diesem Tag keine Frage gestellt, der Film zeigt nur seine Sprachlosigkeit.

Warum haben Sie sich den Bundesplatz in Berlin-Wilmersdorf für Ihre Filme ausgesucht?
Ullrich: Weil es ein ganz normaler Platz ist, an dem ganz normale Leute wohnen. Und er ist nur 200 Meter von unserem Büro entfernt, das war logistisch wichtig. Diese Leute sind unsere Nachbarn, die kamen jeden Tag vorbei und haben uns aus ihrem Leben erzählt.
Gumm: Trotzdem hätten wir auch in Hannover oder Braunschweig drehen können.
Ullrich:
Aber nicht in Schwabing oder Kreuzberg, das sind Viertel mit einem zu starken Image. Der Bundesplatz ist bürgerlich, an vielen Ecken kleinbürgerlich, ganz normale Bundesrepublik. In den schickeren Wohnungen leben Ärzte und Rechtsanwälte, in den anderen der Taxifahrer, der Schweißer, die Bedienung. 100-Quadratmeter-Wohnungen kriegt man hier noch für 750 Euro warm.

Wie oft haben Sie Ihre Protagonisten getroffen?
Gumm: Pro Jahr haben wir sechs Monate ausschließlich an Berlin – Ecke Bundesplatz gearbeitet. Mit manchen haben wir ein paar Tage ganz intensiv gedreht, dann war wieder zwei Monate Funkstille und wir haben mit anderen weitergemacht, je nach Anlass und Lebenslage. Insgesamt haben wir sechzig Stunden Echtzeitfilm und Tausende Stunden Rohmaterial.
Ullrich: Lange Zeit waren wir die Einzigen, die in der Gegend ein Faxgerät hatten. Und viele sind regelmäßig zu uns ins Büro gekommen, um was zu verschicken. Und dann sind sie geblieben und haben uns erzählt, was in der nächsten Zeit so ansteht: eine
Geburt, eine Prüfung, eine Reise.

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Kommentare

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Kommentar:

  • Urs Maeder (0) Einzigartiges Zeitzeugnis. Für zukünftige Generationen eine geschichtlich wertvolle Dokumentation. Berührend. Dank gebührt den Verantwortlichen, die dies ermöglicht haben!
  • Marcus Müller (1) Zitat: "Berlin - Ecke Bundesplatz« ist ein in der deutschen Fernsehgeschichte einmaliges Projekt." Das finde ich ein bisschen sehr schwach angesichts der "Kidner von Golzow", oder? Nichts gegen "Ecke Bundesplatz" - die Dokumentation ist grandios, aber eben genau so wie die "Kinder von Golzow".
    Ein bisschen mehr Sachverstand erwarte ich vom SZ-Magazin schon.