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aus Heft 08/2013 Mode

Overdressed? Aber gern!

Thomas Bärnthaler  Illustartion: Jordy van den Nieuwendijk

Vom Mailänder Mann können wir viel lernen. Eine Hommage.


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Wo, wenn nicht in Mailand, könnte man ein paar Antworten finden auf die alte Frage: Der Mann und die Mode – geht da noch was? In kaum einer europäischen Stadt ist mehr Modeindustrie ansässig, in kaum einer gibt es mehr Männerboutiquen. Der Sinn für Stil ist hier allgegenwärtig: in den Schaufenstern, in der Architektur, aber vor allem im Straßenbild. Vor gut dreißig Jahren brachte dieses Selbstverständnis sogar eine eigene Jugendkultur hervor – die Paninari. Das waren Mailänder Popper, die sich in Panini-Bars rund um die Piazza San Babila trafen, um bei einem Espresso die linke Weltrevolution auszurufen, vor allem aber, um mit ihren neuen Ray-Ban-Sonnenbrillen anzugeben.

Aber wer genau ist eigentlich gemeint, wenn man vom Mailänder spricht? Der distinguierte Signore jenseits der fünfzig mit Hut und Blume am Revers? Der gegelte Beau, der sich selbstverliebt in den Schaufenstern der Via Montenapoleone mustert? Die jungen Wilden auf ihren Vespas, die in ausgewaschenen Jeans übers Kopfsteinpflaster rasen? Oder gar die professionellen Selbstdarsteller – Modejournalisten, Einkäufer und Blogger –, die zweimal im Jahr zu den Männermodenschauen in Mailand einfallen und es fertigbringen, bis zu dreimal täglich ihr Outfit zu wechseln?

Am liebsten würde man sich den Mailänder natürlich als Quersumme aus Adriano Celentano (die frühen Jahre), Paolo Maldini und Luchino Visconti vorstellen, alles Söhne Milanos. Doch wer je eine Stunde in einem Straßencafé vor dem Dom saß, weiß: Den Mailänder an sich gibt es so wenig wie den Londoner oder den Berliner. Aber es gibt natürlich überall lokale Eigenheiten, die auch einem Touristen auffallen. In Mailand gibt es zum Beispiel eine gewisse Freude daran, dick aufzutragen. Und das nicht nur im übertragenen Sinne: Kaum hat es unter 15 Grad plus, sieht man auf der Straße nur noch Daunenjacken, Mützen und Winterstiefel. In London macht man da gerade mal den zweiten Knopf des Poloshirts zu. Warum der obligatorische Schal dazu ausnahmslos als Lasso-Schlinge, nicht als Knoten getragen wird, wäre eine schöne Frage, die man gern mal von Soziologen erklärt bekommen würde.

Im Sommer ein ähnliches Bild: Mag die sengende Sonne die Stadt auch in einen Steinofen verwandeln – den Mailänder wird das nicht daran hindern, mit schwitzender Duldsamkeit seinen Dreiteiler auszuführen. Und dann wären da noch die Schuhe, auf deren Distinktionsmacht hier noch Wert gelegt wird: Vom handgenähten Loafer bis zum völlig überteuerten Designer-Turnschuh reicht die Skala, die man gerne barfuß trägt oder kombiniert mit bunten Socken. Was man kaum sieht: modische Totalverweigerung, was auch am sozialen Druck liegen könnte, den die Modestadt Mailand ihren Bürgern ungefragt auferlegt. Macht euch gefälligst schick für mich! Selbst in drittklassigen Lokalen ist der Kellner, der Fliege trägt und seinen Beruf ernst nimmt, die Regel, nicht die Ausnahme.

Vielleicht unterscheidet das ja den Mailänder von deutschen Städtern: die Achtsamkeit, mit der er vor die Tür und durchs Leben geht. Sie ist eine Form des Lokalpatriotismus, die an Liebe grenzt. Das – möchte man in unsere Fußgängerzonen hineinrufen – macht eine Weltstadt aus, nicht Hipster in Coffeeshops oder protzige Vorzeigearchitektur.
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