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aus Heft 10/2013 Außenpolitik

»Sie wollten uns zerstören. Aber wir haben überlebt«

Gabriela Herpell  Fotos: Armin Smailovic

Die meisten Frauen, die im Bosnienkrieg Opfer sexueller Gewalt wurden, reden bis heute nicht darüber. Aus Scham. Und aus Angst vor der Reaktion ihres eigenen Volkes. Doch jetzt sprechen die ersten - denn die Welt soll sich erinnern an ihre Schicksale.



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Den Leuten in Bosnien wäre es lieber gewesen, die Frauen hätten den Mund gehalten. Der Krieg steckt allen noch in den Knochen. Jeder ist damit beschäftigt, wieder auf die Beine zu kommen, da ist kein Platz für Mitgefühl. Und was die Frauen zu erzählen haben, taugt auch nicht zur Legende. Hasija war 18, als sie von Soldaten abgeholt wurde. Es regnete leicht an jenem Morgen im Mai 1992, sie wollte sich schnell eine Jacke überziehen, aber die Männer schubsten sie raus. »Sie haben mich beschimpft und bedroht. Dann haben sie mich in die Schule gebracht. Da fing die Party an«, sagt sie bitter und starrt auf die weiße Tischdecke.

»Als ich aufwachte, war ich nackt und voller Blut«, sagt Asmira*. »In einer Ecke des Zimmers hockte meine Schwiegermutter mit meinen Kindern im Arm. Ich fragte, wer mich ausgezogen hatte. Meine Schwiegermutter weinte und sagte, du weißt doch, was geschehen ist.«

»Ich kannte die Männer, die mich gefangen genommen und vergewaltigt haben«, sagt Sebiha, scharf geschnittenes, zorniges Gesicht. »Vor dem Krieg haben sie in meinem Restaurant gegessen.«

»Einen meiner Vergewaltiger habe ich vor drei Jahren auf der Straße gesehen«, sagt Amra*. »Ich habe ihn angezeigt. Es ist nichts passiert.«

»Sie wollten, dass wir serbische Babys kriegen«, sagt Enisa. »Sie wollten uns zerstören. Aber wir haben überlebt. Und jetzt sind wir laut. Anfangs haben wir die Fenster zugemacht, damit niemand hört, was wir sagen. Jetzt lassen wir sie geöffnet.«


(Foto: Enisa, die Kämpferin, spricht im Namen aller Frauen, die sexuelle Gewalt im Krieg erlebt haben.)

Die fünf Frauen sprechen aus, was viele andere Frauen in Bosnien bis heute niemandem gesagt haben, nicht ihren Freunden, nicht ihren Angehörigen, nicht ihren Ehemännern. Manchmal sind die Frauen es auch leid, dass immer nur sie sagen, was geschehen ist, vor Gerichten, Staatsanwälten, Menschenrechtlern, Journalisten. Doch sie tun es. Damit sich etwas ändert im Land. Sie wollen geachtet werden dafür, dass sie überlebt haben. Nicht verachtet. In jedem Krieg werden Frauen vergewaltigt. Immer steckt dahinter die Absicht, sie zu erniedrigen und für die eigenen Männer unbrauchbar zu machen. Ein Verbrechen, das noch nachwirkt, wenn die Truppen das Land längst verlassen haben.

Im Bosnienkrieg, der von 1992 bis 1995 andauerte, wurden dem Europarat zufolge 20 000 Frauen Opfer sexueller Gewalt und Folter. Die meisten der Täter waren bosnisch-serbische und serbische Soldaten, die meisten der Opfer muslimische Bosnierinnen. Von Tag eins des Krieges an wurden so viele Frauen wie möglich so oft wie möglich vergewaltigt, in »Einzel-, Gruppen- und Dauervergewaltigungen«, wie Human Rights Watch die Verbrechen klassifizierte. Im Juni 2001 deklarierte der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien auf der Basis der Prozesse in Den Haag Vergewaltigung im Krieg als Kriegstaktik und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

In den ersten acht Kriegsmonaten überrollten die bosnisch-serbischen Armee-Einheiten von Radovan Karadzic und die paramilitärischen Truppen Milosevics die ländlichen Gebiete Bosniens, die im Osten und Nordosten an Serbien und im Norden an Kroatien grenzen. Über zwei Millionen muslimische und kroatische Bosnier und Bosnierinnen mussten ihre Heimat verlassen. Die Soldaten gingen überall nach einem ähnlichen Muster vor: Sie nahmen ein Dorf unter Beschuss, vertrieben die muslimische oder kroatische Zivilbevölkerung aus ihren Häusern, die sie plünderten und niederbrannten. Dann trennten sie Männer und Frauen. Die Männer, die nicht flüchten konnten, wurden in Lager gebracht; viele wurden gefoltert, viele getötet. Die Frauen wurden in Lager, Keller, Schulen, Cafés, Hotels, Fabriken, Bars gebracht; sie wurden gefoltert, sexuell missbraucht, viele geschwängert. In einer patriarchalischen Gesellschaft wie der bosnischen ist eine Frau, die im Krieg vergewaltigt wurde und überlebt hat, nicht zu bemitleiden, sondern eine Schande. »Die Frau ist die Säule in der bosnischen Familie«, sagt Saliha Duderija, Vizeministerin für Menschenrechte und Flüchtlinge in Bosnien und Herzegowina. »Sexuelle Gewalt bringt diese Säule zum Einstürzen.«






Video: Wir konnten nur einen Teil der dunklen Porträts, die Armin Smailovic von im Bosnienkrieg vergewaltigten Frauen aufgenommen hat, im Heft abbilden. Also zeigen wir Ihnen die vielen anderen digital. Dazu erzählt Smailovic von seinen Begegnungen mit den Frauen, deren Schicksale ihn zu diesem Werk inspiriert haben. Und von der Freundschaft, die sich zwischen ihm und drei dieser Frauen entwickelt hat. Smailovic ist als Kind bosnischer Eltern in Deutschland aufgewachsen und lebt heute in München und Sarajewo.     

Ich flehte um meinen Tod ist der Titel einer Sammlung von Protokollen bosnischer Frauen, die Kriegsvergewaltigungen zum Opfer gefallen waren und lieber gestorben wären, als ihren Männern, Vätern, Brüdern und Söhnen wieder unter die Augen treten zu müssen. Auch Enisa, Hasija, Sebiha, Amra und Asmira wollten lange lieber tot sein als lebendig. »Bei jedem Streit wirft mein Mann mir vor, dass ich mich habe vergewaltigen lassen«, sagt Amra. »Als wir geheiratet haben, hat er mir gesagt, ich sei nicht schuld daran und er könne damit leben. Aber er kann es nicht.« Ihr kleines Gesicht ist eingerahmt von einem Berg dunkler Haare.

In Brezovo Polje, dem einzigen muslimischen Dorf in der Gegend, fielen die ersten Schüsse am 30. April 1992. Amra war 21. »Wir wurden in die nächste Stadt gebracht und zusammengepfercht wie im Ghetto. Am 17. Juni holten die Soldaten die Männer zwischen 16 und 80 Jahren aus den Häusern und transportierten sie ab. Mit uns Frauen fuhren sie tagelang in Bussen durch die Berge. Ständig wurde geschossen. Später erfuhren wir, dass die Soldaten uns als Schutzschilde benutzt hatten. Es gab nichts zu essen. Die alten Frauen hatten bald keine Kraft mehr. Schließlich kamen wir an einen Ort, in dem wir in eine Baracke gesperrt, nacheinander aufgerufen und vergewaltigt wurden. Ich hatte mehr Angst um meine Mutter als um mich selbst.«

Amra nimmt Tabletten gegen Depressionen. Manchmal muss sie sich zwingen, nicht alle auf einmal zu nehmen. Ihren Mann hat sie bald nach dem Krieg kennengelernt. Es ist keine gute Ehe. Sie haben Zwillinge, Söhne, 17 Jahre alt. Amra ist abhängig von ihrem Mann, weil sie nicht mehr voll arbeiten kann. In ihrer Heimat war sie in einer Textilfabrik angestellt. Heute wohnt sie in Tuzla. Vor einem Jahr hat sie angefangen, die Vereinigung »Nas Glas – Unsere Stimme«, aufzubauen, für Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben. Inzwischen ist sie froh, überlebt zu haben. »Das zeigt, dass die bosnische Frau stark ist. Dass der Plan, unser Volk zu vernichten, nicht aufgegangen ist.«

Nichts traumatisiert tiefer als eine Vergewaltigung, sagen Psychologen. »Die Opfer empfinden die Tat meist nicht als sexuelle Handlung, sondern als extreme und demütigende Form der Gewaltausübung gegen ihre Person und ihren Körper, die mit starken Todesängsten verbunden ist«, schreibt die Regensburger Militärsoziologin Ruth Seifert. Hasija weiß nicht, was ihre Mutter in der Gefangenschaft durchgemacht hat; sie hat nie darüber geredet. Hasija ist die Einzige aus der Familie, die bekennt, dass sie vergewaltigt wurde.


(Foto: Das Land, das Hasijas Familie gehört, liegt brach. Manchmal verirrt sich ein wildes Pferd hierher.)

»Ich habe 1996 vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Sarajewo ausgesagt, anfangs nicht unter meinem Namen. Sie haben mir angeboten, mich in ein anderes Land zu bringen, in die USA oder nach Kanada. Aus Sicherheitsgründen. Aber nur mich. Und ich wollte doch mit meiner Familie zusammenbleiben.« Ihre Mutter, die um die 60 ist, sieht uralt aus. »Sie hat zu viele Menschen verloren«, sagt Hasija. »Nun ist sie bedürftig wie ein Kind. Wenn es nichts zu tun gibt, räume ich ihre Kleider aus dem Schrank, damit sie sie wieder einräumen kann. Sie muss sich nützlich fühlen.«

Von den sechs Kindern der Mutter haben vier überlebt. Der älteste Sohn starb im Krieg, eine Tochter, drei Jahre alt damals, ist bis heute vermisst. Als nach dem Krieg die Leiche ihres Mannes gebracht wurde, verlor Hasijas Mutter ihre Lebenskraft. Da war ihre jüngste Tochter zwei. Als Älteste wurde Hasija zum Familienoberhaupt. Sie wusch und kochte und putzte bis tief in die Nacht. »Vielleicht war das gut für mich so, denn ich hatte keine Zeit, daran zu denken, was mit mir los war. Wie ich das finanziell gemacht habe, weiß ich nicht. Manchmal bin ich sehr müde. Dann weine ich. Es ist auch wichtig, traurig zu sein, denke ich.«

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Gabriela Herpell begleitete Armin Smailovic durch Bosnien, um einige der Frauen zu besuchen, die er seit mehr als drei Jahren fotografiert. Schwarze Porträts nennt er die Bilder, für die er die Frauen im Licht einer Taschenlampe aufnimmt und so daran erinnert, was ihnen im Krieg widerfuhr. Das Projekt, das bisher rund 60 Porträts umfasst, wird fortgesetzt, in Zusammenarbeit mit der UNFPA in Sarajewo, die den Frauen zu ihren Rechten verhelfen will.

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