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aus Heft 10/2013 Fernsehen

»Ich habe davon profitiert, dass ich eine Frau bin«

Rebecca Casati (Interview)  Fotos: Markus Jans

Die TV-Moderatorin Anne Will hat sich in einer Männerwelt durchgesetzt. Ein Gespräch über weibliche Strategien und grapschende Vollidioten.


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SZ-Magazin: Frau Will, Sie sind in einer exponierten, herzlosen Branche an allen vorbeigezischt. Und doch sagt Ihnen kaum jemand Schlechtes nach.

Anne Will: Echt? Das höre ich natürlich gern.

Man könnte auch sagen: Sie sind eine geschickte Strategin.
Wenn Sie das mal nicht überschätzen.

Fangen wir von außen an. Möchten Sie im Fernsehen wie Sie selbst rüberkommen? Oder haben Sie sich ein Alter Ego zugelegt?
Das ist ein Dauerthema, seit ich beim Fernsehen bin. In Wahrheit hat man es nicht unbedingt selber in der Hand. Die häufigsten Kommentare, die ich auf der Straße höre, sind jedenfalls: »Ui, Sie lachen ja auch manchmal!« Und: »Mein Gott, ich hätte ja gar nicht gedacht, dass Sie so dünn sind!«

Man sollte vielleicht erwähnen, dass Sie sehr zierlich sind …
… aber zäh.

Und richtig ernst waren Sie eigentlich zuletzt in den Tagesthemen. Ob Peter Scholl-Latour dauermonologisiert oder Jürgen Trittin nur Parteipolitik macht: Sie schweben leicht amüsiert drüber.

Es ist tatsächlich eine meiner Strategien: Auch wenn etwas nicht so läuft wie geplant, will ich entspannt bleiben. Und weniger kontrolliert sprechen, als ich das in einem konfrontativen Interview machen würde. Wie die meisten Talkmoderatoren habe ich meinen Redaktionsleiter per Knopf im Ohr. Ich habe mit ihm abgemacht, dass er mir Bescheid sagt, wenn ich mal zu streng gucke. Was wiederum im auf Perfektion getrimmten Tagesthemen-Format erforderlich war. Meine viel beschriebene hochgezogene Augenbraue war ja damals die einzige Möglichkeit zur Abweichung.

Bei den Tagesthemen zündete Ihre Karriere. Bedeutet Ihnen dieses Wort eigentlich viel? Sie benutzen es nämlich häufig.
Ich habe mir schon vor einer Weile vorgenommen, selbstbewusst über meinen Weg zu reden, weil ich allzu oft gelesen habe, dass erfolgreiche Frauen ihre Karriere als Abfolge von Zufällen und Glück darstellen. Damit macht man sich unnötig klein.

Wie erklären Sie sich dieses Verhalten?

Frauen haben die tief sitzende Sorge, sich unnötig unbeliebt zu machen. Ich beobachte das auch im Redaktionsalltag. Wir versuchen sehr gezielt, möglichst viele Frauen in die Sendung einzuladen; oft erfolglos. Davon abgesehen, dass es nun mal weniger Frauen in Führungs- und Verantwortungspositionen gibt, sehen Frauen sich seltener aufgefordert, der Welt die Welt zu erklären. Viele sagen auch: Das möchte ich mir gar nicht antun, die Anfeindungen in der Sendung oder den Shitstorm hinterher im Internet. Und so ziehen sie bei einer Anfrage mit den Worten zurück: »Da werden Sie bestimmt jemand anderen finden.« Das finde ich sympathisch, es hilft aber nicht. Es wäre schön, wenn sich mehr Frauen aus der Deckung wagen würden.

Wollten Sie selber schon immer so bekannt werden?
Ich wollte immer Journalistin werden, aber ich hatte keine Vorstellung davon, in welche Richtung es gehen würde. Als Schülerin wusste ich nur: Ich kann mich gut ausdrücken, und nach den ersten Wochen bei der Kölnischen Rundschau merkte ich: Das liegt mir.

Gibt es ein Thema, das auch Sie trotz Erfahrung und immerhin 75 Minuten Sendezeit nicht besprochen kriegen?
Man kann alles thematisieren, aber muss dabei schon einen Schritt weiterkommen. Unsere Sendung zur Sexismus-Debatte war in der Hinsicht schwierig. Warum? Das ist mir erst im Nachhinein klar geworden. Wir haben ein Gefühl angesprochen, das fast alle Frauen kennen, das sich aber an einzelnen Geschichten besser illustrieren lässt als an grundsätzlichen Fragen. Gefühlig taugt nicht für eine klare Debatte. Trotzdem war es richtig, das Thema zu machen, man muss das Problem immer wieder neu beschreiben, damit es als solches wahrgenommen wird.

Darauf wurde sich in allen Sexismus-Runden verständigt: Gut, dass wir mal wieder drüber gesprochen haben. Aber was folgt daraus? Gibt es in Ihren Augen einen Gewinner?

Nee. Das muss ich auch mit Blick auf mein eigenes Medium zugeben. Wir reiten Debatten manchmal tot. Zwar hält bei Twitter nach wie vor der »Aufschrei« an, aber es ist schwer nachzuprüfen, ob er was verändert hat. Und wer in die soundsovielte Karnevalssitzung mit Sexismus-Kalauer geschaut hat, denkt einfach nur noch: Herr, lass Abend werden. Meine Hoffnung ist, dass wir ein Wort zur Verfügung haben, wenn wir uns beleidigt sehen.

Nämlich?
Sexistisch.

So richtig neu ist das ja nicht.
Aber es war verstaubt. Um nicht zu sagen, tot. Mir war es als junge Frau jedenfalls nicht geläufig.

In welcher Situation hätten Sie es denn gebraucht?
Zum Beispiel im Volontariat beim SFB. Da gab es einen Kollegen, der junge Kolleginnen anfasste. Auch mich. Es war eindeutig total daneben, aber als junge Frau – ich war 25 – hat man nicht unbedingt das Instrumentarium, so einen in die Schranken zu weisen. Ich unterstelle sogar, dass ein gewisser Typus Mann sich gezielt junge Frauen aussucht. Erstens findet er die wahrscheinlich attraktiver. Zweitens sind sie nicht zwingend in der Lage zu kontern. Damals kam die Frauenbeauftragte zu mir und sagte: Hier gibt es einige Frauen, die den Kollegen X anzeigen wollen, allerdings anonym. Da hab ich gesagt: Ich mache mit, allerdings nicht anonym. Woraufhin sie sagte: Bist du verrückt? Du bist doch in der Ausbildung. Aber ich wollte das. Und es hat ihm dann auch geschadet.

Ist er rausgeflogen?
Das nicht, aber er hatte sich für eine leitende Funktion beworben, die er dann nicht bekam. Gut so.

Hat er sich entschuldigt?
Nein. Mir ist ja auch nicht furchtbares Unrecht geschehen damals. Aber es war gut, um zu üben. Jahre später dachte ich allerdings: Okay, doch nicht alles richtig gemacht. Da hat er sich, als ich meine Firma gründete, bei mir beworben.

Weil er fand, dass Sie ihm noch was schulden?
Nö. Das war Unverfrorenheit, beinhartes Selbstbewusstsein. Hopfen und Malz verloren. Ein seltenes Exemplar, zum Glück.

Denn eigentlich sind Sie in Ihrer Karriere speziell von Männern gefördert worden, oder?
Ja, das stimmt. Weil die auch damals in den entsprechenden Positionen waren.

Was Sie mit »Kohls Mädchen« Angela Merkel verbindet. Merkel hat sich niemals darauf berufen, eine Frau zu sein, oder?
Nein. Und damit hat sie eine kluge Strategie gefunden.

Was ist daran so klug?
Sagen wir, die Strategie ist aufgegangen. Merkel ist die erste deutsche Bundeskanzlerin geworden.

Und das eine hat etwas mit dem anderen zu tun?

Meiner Wahrnehmung nach erklärt sich die Karriere von Angela Merkel aus vielen Punkten. Unter anderem hat sie vermutlich sehr genau durchanalysiert, warum sie lange Zeit so dermaßen unterschätzt wurde, und dabei erkannt: Es gereicht ihr zum Vorteil. Daraufhin hat sie eine nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung aufgestellt. Ist mit beispiellosem Geschick vorgegangen, hat ein Machtkalkül an den Tag gelegt, auch eine Härte und Durchsetzungsstärke, mit der sie anderen weiß Gott überlegen war. Nur an einer einzigen Stelle hat sie, glaube ich, justiert. In der Frage: Was wird von der Repräsentantin eines Landes verlangt? Und sich entsprechend umgestellt.

In welchem Punkt?
In ihrem Auftreten. Das ist die einzig wahrnehmbare Stelle, an der sie sich mit ihrem Frausein und den Anforderungen, die man an Frauen in öffentlichen Positionen stellt, arrangiert hat.

Sie meinen Ihre Kleidung? Die Jacken in allen Pantone-Farben?
Richtig, sie hat sich eine Garderobe zugelegt, die immer funktioniert, egal wo sie auftritt. Sie hat sich eine Frisur schneiden lassen, über die man keine Witze mehr machen kann. Und sie lässt sich jeden Morgen schminken. Sie ist die meistfotografierte Frau des Landes und hat all das als notwendiges Übel akzeptiert. Ansonsten war da nix. Na ja, außer dem tiefen Ausschnitt vielleicht, in Oslo, aber das war ein einmaliger Ausreißer. Das ist alles verdammt klug. Sie will nicht vom Wesentlichen ablenken.

Verstehen Sie das so gut, weil Sie es ähnlich gemacht haben?
Bei mir lief’s eher andersrum. Ich habe davon profitiert, dass ich eine Frau bin. Es ging damit los, dass mein damaliger Chef mich zur ersten Sportschau-Moderatorin aufgebaut hat. Das ZDF hatte längst Frauen in dieser Funktion präsentiert, die ARD musste aufholen, das war mein Vorteil. Genauso, als es um die Besetzung der Tagesthemen ging. Da wurde eine Frau gesucht. So fiel die Wahl auf mich.

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Rebecca Casati hätte schwören können, dass Anne Will jede Sendung einen Anzug trägt. Stattdessen trägt sie, seit sie am Mittwoch auftritt, Jeans. Gehört zur Lässigkeitsstrategie.

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