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aus Heft 10/2013 Gesundheit

Bis später, Baby

Christoph Cadenbach  Fotos: Julian Röder

Die biologische Uhr lässt sich jetzt anhalten. Diese Frau hat ihre Eizellen einfrieren lassen - wenn sie will, kann sie also auch mit 40, 50, 60 noch Mutter werden. Der letzte Schritt zur Vollendung der Emanzipation?


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Wenn Anna Rehler* über ihre Zukunft nachdenkt, über die Schicksalsschläge, die ihr noch begegnen könnten, und ob sie dagegen ausreichend abgesichert ist, kommt sie schnell zu dem Ergebnis: »Die krasseste Versicherung, die ich für mein Leben abgeschlossen habe, sind eigentlich die Eier.«

Sie muss lachen über diese Formulierung und zündet sich am Küchentisch ihrer Altbauwohnung in Berlin-Mitte noch eine Zigarette an. Anna Rehler ist 35, wirkt aber noch jugendlich und nicht wie jemand, der sich normalerweise viele Sorgen macht. Abends geht sie noch immer lieber mit Freunden essen als Fernsehen zu schauen. Sie sagt »geil«, wenn sie etwas gut findet, und trägt an diesem Freitagabend Ende Januar eine gelbkarierte Retro-Bluse und leuchtend roten Lippenstift; auf dem Stuhl neben ihr liegt ein Stapel Modemagazine. Ihr Geld verdient sie als Regisseurin und Filmautorin. Früher hat sie Musikvideos gedreht, für die Beatsteaks oder Stefanie Heinzmann, jetzt macht sie Werbung und Kulturbeiträge fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen. Freiberuflich. Um eine vernünftige Vorsorge fürs Alter oder im Fall einer Arbeitslosigkeit hat sie sich bisher nicht gekümmert. Aber seit einem Jahr lagern 13 Oozyten von ihr, unbefruchtete Eizellen, eingefroren in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad, in einem mattgrauen, etwa kniehohen Metallfass, das im Labor des Kinderwunschzentrums an der Gedächtniskirche in Charlottenburg steht.

Diese Eizellen kann sie jederzeit auftauen, künstlich befruchten und dann in ihre Gebärmutter einsetzen lassen. Mit 40, aber auch mit 45 oder 50 Jahren. Es ist ihre Versicherung gegen die Unfruchtbarkeit, und dass sie lieber dafür als in eine Rente investiert, zeigt, wie dringlich dieses Problem für sie war.

Denn mit Mitte 30 sinkt für Frauen die Möglichkeit, schwanger zu werden, rapide. Gleichzeitig steigt die Gefahr einer Fehlgeburt. Entscheidend dafür ist nicht die Gebärmutter, es sind die Eizellen, deren Anzahl und Qualität von Jahr zu Jahr abnehmen. So liegt die Chance für eine 30-Jährige, in einem Zyklus schwanger zu werden, bei etwa 20 Prozent, bei einer 40-Jährigen sind es nur noch rund fünf Prozent. Das Risiko einer Fehlgeburt, die meistens in den ersten Schwangerschaftswochen auftritt, beträgt bei Frauen zwischen 25 und 29 Jahren elf Prozent, bei 35- bis 39-Jährigen 24 Prozent, und bei Frauen, die über 45 sind, mehr als 90 Prozent, wie Gesundheitswissenschaftler der Universität Aarhus in Dänemark in einer Langzeitstudie herausgefunden haben.

Bisher war es nicht möglich, diese biologische Uhr zu stoppen, die vor allem junge Akademikerinnen unter Druck setzen kann. Denn wenn sie ihr Studium samt Praktika und Auslandsaufenthalten mit Ende 20 abgeschlossen haben, bleiben ihnen knapp zehn Jahre, um nicht nur ihre Karriere, sondern auch den Kinderwunsch zu realisieren. Sozialforscher nennen diese Phase die »Rushhour des Lebens«, die für Männer zumindest psychologisch entspannter abläuft, weil sie relativ sicher sein können, dass ihre Spermien auch mit Mitte 40 noch zeugungsfähig sein werden. Sie können sich Zeit nehmen: für die Karriere, die Selbstverwirklichung oder um die richtige Partnerin zu finden, während die Frauen in ihrem Alter langsam nervös werden. Es ist eine biologische Ungerechtigkeit, die sich auch durch Elternzeit oder verbesserte Kinderbetreuung nicht auflösen lässt. Nun aber durch die Medizin.

Vor etwa sechs Jahren erschienen die ersten Meldungen, dass das Einfrieren unbefruchteter Eizellen nun möglich sei. Eine Revolution wie die Pille, prophezeiten einige Wissenschaftler. Das Verfahren dafür nennt sich Vitrifikation, eine Art Schockgefrieren in flüssigem Stickstoff. Allerdings wurde es in Deutschland zunächst nur Krebspatientinnen angeboten, die kurz vor einer Chemotherapie standen, bei der die Eierstöcke und Eizellen geschädigt werden könnten. Zu diesem Zeitpunkt wussten die Mediziner noch zu wenig über die Erfolgsaussichten und Risiken dieses Verfahrens, um es auch Frauen anzubieten, die keine medizinisch notwendigen Gründe hatten, sondern nur sogenannte soziale: ihre Karrieren zum Beispiel.

Seit etwa einem Jahr hat sich das nun geändert und die ersten deutschen Kinderwunschzentren informieren ihre Patientinnen auch über dieses sogenannte Social Freezing. »Wir stehen gerade am Anfang«, sagen Ärzte wie Sören von Otte oder Frank Nawroth, die als führende Experten gelten. Bei Nawroth haben sich bisher 14 Frauen zum Social Freezing entschieden, bei von Otte 25. Deutschlandweit gibt es vielleicht vier, fünf andere Zentren, die so viele Fälle betreut haben. Beide Ärzte sind auch im Netzwerk FertiProtekt organisiert, einem Zusammenschluss von Reproduktionsmedizinern, die sich speziell mit dem Erhalt der Fruchtbarkeit beschäftigen. Social Freezing war 2012 eines der Hauptthemen auf ihrem Jahrestreffen. Und das Interesse unter Medizinern dürfte noch größer werden, seit im Oktober die weltweit angesehene American Society for Reproductive Medicine das Einfrieren unbefruchteter Eizellen vom Experimentier- in eine Art Routinestatus erhoben hat. In den USA ist die Entwicklung ohnehin schon weiter: Prominente wie Kim Kardashian haben über ihre tiefgefrorenen Eizellen im Fernsehen geredet, Internetseiten wie extendfertility.com oder eggsurance.com bewerben das Ganze als ultimatives Freiheitsversprechen: »Fertility. Freedom. Finally.«

Es geht hier also nicht mehr nur um die Frage, was das Social Freezing für die Frauen bedeutet, für die Geschlechterrollen, für die Emanzipation, sondern auch darum, wie man daraus ein Geschäft macht.

Für Anna Rehler fing der Druck mit 33 an. Sie hatte gerade ihren Freund Mathias kennengelernt, einen Fernsehjournalisten. »Und bei uns ist es genau umgekehrt wie bei den meisten anderen Paaren«, erzählt sie in ihrer Küche. »Er hat mir relativ schnell klargemacht, dass er irgendwann Vater werden will. Und dass wir damit ja bald anfangen müssten, weil ich immer älter werde. Das hat mich ziemlich gestresst damals, weil ich mich gefragt habe: Bin ich in zwei, drei Jahren beruflich schon da, wo ich sein will? Gleichzeitig wusste ich aber, dass er der Richtige ist.«

Anna Rehler ist in München aufgewachsen. Ihr Vater ist Rechtsanwalt, ihre Mutter war Hausfrau. Dieses Ungleichgewicht, sagt sie, habe zu Spannungen zwischen den beiden geführt. »Auch deshalb ist das klassische Familiending nie erstrebenswert für mich gewesen.« Nach dem Abitur ist sie nach London gegangen, um Modejournalismus zu studieren, dann zurück nach München, dann nach Berlin. Ihre Wohnung wirkt noch heute provisorisch eingerichtet: ein paar stilvolle Secondhand-Möbel, kaum Regale an der Wand. Über ihre Berliner Freundinnen sagt sie: »Wir wollten die Welt erobern, und dann haben die alle Kinder gekriegt.« Für Anna Rehler passt das nicht zusammen.

Im Sommer 2011 hat sie in einem Bordmagazin dann das erste Mal vom Social Freezing gelesen. Ihre Frauenärztin, der sie von dem Artikel erzählte, hatte noch nie davon gehört und verwies sie an das Kinderwunschzentrum an der Gedächtniskirche.

Sechs Ärzte arbeiten dort auf 900 Quadratmetern am Traum verzweifelter Paare. Der Eingangsbereich wirkt elegant wie in einer Wellness-Klinik. Neben dem Empfangstresen steht eine bronzene Statur auf dem Holzparkett, im Wartezimmer hängen Fotos von lächelnden Babys. Es sind Dankeschön-Karten, auf vielen sind Zwillingskinder zu sehen, weil bei einer künstlichen Befruchtung die Chance einer Mehrlingsgeburt deutlich höher ist als bei einer natürlichen Schwangerschaft.

* Name von der Redaktion geändert
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Wer mehr über das Social Freezing erfahren möchte, dem empfiehlt Christoph Cadenbach den niederländischen Dokumentarfilm »Eggs for Later« von Marieke Schellart. Die Autorin zeigt darin, wie ihre Familie und Freunde auf ihre Entscheidung reagiert haben, sich Eizellen einfrieren zu lassen. Mit englischen Untertiteln zu bestellen unter eggsforlater.com

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