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aus Heft 12/2013 Das Beste aus aller Welt

Das Beste aus aller Welt

Axel Hacke  Illustration: Dirk Schmidt

Alle ärgern sich darüber, dass der Berliner Flughafen und die Elbphilharmonie nicht fertig werden - unser Autor freut sich. Denn das Unfertige kann auch etwas Inspirierendes haben.


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Nun gibt es in fast allen führenden deutschen Großstädten unvollendete Großbauprojekte: Stuttgart hat den Bahnhof, München die zweite S-Bahn-Stammstrecke, Köln seine U-Bahn, Hamburg die Elbphilharmonie und Berlin den Flughafen (von der neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes und dem Stadtschloss jetzt mal nicht zu reden). Lediglich aus Frankfurt und aus, sagen wir, Hannover, ist nichts dergleichen bekannt. Aber wer weiß, was die Leute dort verheimlichen. Am Ende bauen sie seit Jahrzehnten an Kathedralen herum und sagen nix.

Was ich nicht verstehe: die heftige Kritik an den Planern der Vorhaben. Was ist so schlimm daran, wenn etwas nicht fertig wird oder gar nicht erst so recht entstehen will? München hat im Zentrum seit 1945 einen leeren Platz, den Marienhof hinter dem Rathaus. Dieses Gelände wird immer neu bearbeitet, mal begrünt man es, dann wieder wühlen Archäologen herum, im Winter gibt es Eislauf, im Sommer ein Weinfest, bisweilen stehen nur Baucontainer herum, in Staub und Schlamm. Der Marienhof ist für München eine permanente Möglichkeit. Immer, wenn man dort vorbeikommt, macht man sich Gedanken, was dort sein könnte. So etwas regt die Fantasie enorm an.

Es gibt ja nichts Lähmenderes als eine fertige Stadt. Berlins Attraktivität rührt nicht daher, dass dort alles wunderbar in Ordnung wäre, sondern dass es sozusagen eine dauerhafte große Chance ist. Früher sagte man, wie toll Berlin sein könnte, wenn die Mauer weg wäre. Nun ist sie weg, und es heißt: Berlin könnte großartig sein, wenn Wowereit nicht regieren würde, wenn der Flughafen mal in Betrieb ginge, wenn in der Mitte endlich das Stadtschloss stünde. Das schöne Berlin existiert immer nur in der Vorstellung der Menschen. Genau das macht die Anziehungskraft der Stadt aus. Dass man hier ohne Fantasie nicht auskommt.

Der Mensch möchte doch planen, er braucht das Potenzielle, Visionen. Nehmen wir Barcelona: Seit 1882 wird an der Kathedrale Sagrada Família gebaut, die Fertigstellung liegt in weiter Ferne. Aber die Kirche ist die größte Touristenattraktion Spaniens, bisweilen kommen mehr als zwei Millionen Besucher pro Jahr, mehr als zur Alhambra oder in den Prado. Gerade las ich, dass der Berliner Nichtflughafen nicht etwa deshalb Tag und Nacht strahlend hell erleuchtet ist, weil man das Licht für Bauarbeiten oder Putzkolonnen benötigte oder damit Mehdorn durchblickt. Sondern die Lampen sind an, weil keiner weiß, wie man sie ausmacht. Vielleicht gibt es keine Lichtschalter, vielleicht hat man sie in die Entrauchungsanlage eingebaut, vielleicht sollten sie mit dem Flugzeug geliefert werden und dieses konnte nicht landen, weil der Flughafen nicht eröffnet wurde, wer weiß das schon? Als man in Köln vor Urzeiten mit dem U-Bahn-Bau begann, montierten sie das Vordach der Philharmonie ab, damit es keinen Schaden nehme. Aber man hat dieses Vordach dann nie wiedergefunden, es ist einfach weg.

Wir brauchen doch dies’ Unerklärliche. Unser Leben ist so vernunftgesteuert und durchrationalisiert, das Religiöse verschwindet – aber solche Bauvorhaben geben uns etwas Numinoses. Und: Eine Stadt braucht Gesprächsthemen, etwas die Bürger Verbindendes, auch ein Generationen übergreifendes Ziel: Wir packen das, irgendwann, auch wenn es erst im Jahr 3000 ist. Am Kölner Dom hat man mehr als 600 Jahre gebaut.

Und das Geld ist ja nicht weg. Im Tatort kürzlich (dem mit Til Schweiger) schleppte sich eine russische Zwangsprostituierte schwer blutend aufs Dach der Elbphilharmonie, aus tief im Drehbuch verborgenen Gründen. Warum? Weil es die Elbphilharmonie eben gibt. (Oder jedenfalls beinahe.) Gäbe es sie nicht, hätte man sie bei Kosten von etwa einer Milliarde Euro extra für den Tatort errichten müssen. Und das wäre vielleicht doch übertrieben gewesen.

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