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aus Heft 16/2013 Fernsehen

»Sex ohne Humor kann ich nicht ernst nehmen«

Sven Michaelsen (Interview)  Fotos: Gianni Occhipinti

Ina Müller hat es zur besten Schnodderschnauze des deutschen Fernsehens gebracht. Ein Gespräch über Alkohol vor der Kamera und die Kunst, mit der Bettdecke nur das Nötigste zu verhüllen.


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SZ-Magazin: Frau Müller, können Sie einen Bullen kastrieren?
Ina Müller:
Ja. Und ich kann auch einer Kuh beim Kalben helfen. Ich bin ein Bauernhofkind.

Stimmt es, dass Sie als Kind an Hospitalismus litten?

Ja. Bis ich 13 war, gab es keine Nacht, in der ich nicht im Bett so lange hin und her schaukelte, bis ich bewusstlos zur Seite wegkippte. Das muss ein tragisches Bild gewesen sein, aber mir war halt immer so unglaublich langweilig. Meine Eltern haben sich wenig mit uns Kindern beschäftigt. Ihnen war wichtig, dass wir die Hosen nicht voll hatten, dass uns der Rotz nicht lief und dass wir still waren, wenn die Nachrichten kamen. Wir waren keine Kuschelfamilie, in der körperliche Nähe angesagt war.

Sie haben vier Schwestern. Hatten Sie Ihr eigenes Zimmer?
Nein. Wir Kinder schliefen zu fünft in einem Raum, aufgeteilt auf drei Betten. Das waren noch diese alten Oma-Hochzeitsbetten. Wir waren Laufgitterkinder. Morgens wurden wir aus dem Bett gehoben, gewickelt, und dann ab ins Laufgitter. Das war schon sehr öde, denn es passierte ja nichts auf diesen Bauernhöfen. Manchmal hörte man einen Trecker, oder der Hund lief am Laufgitter vorbei. Unser Blockbuster hieß Hausschlachtung. Als ich mit vier Jahren in den Kindergarten kam, brach die schönste Zeit meiner Kindheit an. Endlich passierte was.

Wie waren Sie mit 15?
Viel mehr Kind als die Girls heute. Es war unvorstellbar für mich, eine Nylonstrumpfhose anzuziehen oder Nagellack zu benutzen. Das hätte ich als peinlich und eklig sexy empfunden. Vor der Schule half ich oft beim Melken. Danach musste ich schnell Haare waschen, weil die nach Kuh stanken. Das Wasser war eiskalt, weil die Kälber das warme Wasser bekamen. Im Winter froren meine langen Haare auf dem Weg zur Bushaltestelle zu einem Eisfladen. Passend dazu hörte ich auch noch uncoole Musik von Angelo Branduardi, Hermann van Veen und Barclay James Harvest. Ich trug weiße Netzhandschuhe und in meinem Boris-Becker-Stirnband steckte eine lange Feder. Ich fürchte, ich war die Einzige, die das extrem modern fand.

Nach der Schule arbeiteten Sie zehn Jahre lang in Apotheken.
Ich mochte gern mit diesem weißen Kittel rumlaufen und mag Apotheken bis heute. Die riechen so gut. Nicht dreckig sein, gut riechen und immer warmes Wasser: das Paradies.

Peter Ustinov sagte einmal über sich: »Indem einem fast alles zur Pointe wird, hält man die Welt auf sicherem Abstand. Ich bin ein scheuer und schüchterner Mensch, der sich versteckt, indem er die Flucht nach vorn antritt.« Trifft das auch auf Sie zu?
Fast alle Humoristen behaupten, sie seien als Kind entweder dick oder hässlich gewesen, und beginnen ihre Lebensgeschichten mit dem Satz: »Ich war ja mal Messdiener …« Bei mir dagegen kamen die Komplexe erst nach der Pubertät. Ich war ein verklemmter Spätzünder. Flirten war mir peinlich. Dass ich mit 18 Sex hatte, hat sich zufällig so ergeben. Es hätte auch gut erst mit 25 passieren können.

Woody Allen meint: »Hochkomische Menschen fürchten sich tief in ihrem Inneren vor Sex. Das Lachen ist für sie der Schutzmechanismus gegen Sex.« Richtig?
Wahrscheinlich ist das so. Ich reagiere seit jeher auf flirtige Situationen mit Humor – immer in der Hoffnung, dann keinen Sex haben zu müssen. Klappt aber zum Glück nicht immer. Ich finde, Humor darf beim Sex nicht fehlen. Was sonst passiert, kann man in Pornofilmen beobachten. Das sieht meist tragisch aus und hört sich albern an. Ich könnte Sex ohne Humor nicht ernst nehmen, auch meinen eigenen nicht. Außerdem ist sich totzulachen ja auch eine Form von Orgasmus. Man müsste mal ausprobieren, ob es geht, sich gleichzeitig oben- und untenrum totzulachen.

Ist Witz die Kultivierung einer Aggression, wie Freud behauptete?
Der zynische, bösartige Witz vielleicht. Meine Witze tänzeln fluffig auf der Gürtellinie rum und fallen manchmal runter. Damit könnte Freud nichts anfangen.

Wann verlässt Sie Ihr Humor?
Wenn beim Joggen ein Hund auf mich losgeht und das Herrchen schreit: »Sie dürfen nicht stehenbleiben! Das mag er nicht.« Oder wenn ich beim Schlangestehen den Atem fremder Menschen in meinem Nacken spüre. Da trete ich nach hinten aus.

Erzählen Sie gern Witze?
Ja. Mein momentaner Lieblingswitz geht so: Wohin geht Pinocchio, wenn er erkältet ist? – Zum Holz-Nasen-Ohrenarzt. Darf ich noch einen? Wie heißt das Geschlechtsteil vom Elefanten? – Dicktiergerät.

Gehören Sie zu den Naturen, die dreißig, vierzig Witze am Stück erzählen können?
Überhaupt nicht. Jürgen von der Lippe kann das richtig gut oder, was ich nicht gedacht hätte, Olli Dittrich. Er mag das nicht, aber er kann es. Als Fips Asmussen in meiner Sendung war, habe ich mich zur Vorbereitung durch alte Kassetten von ihm gehört. Nach dreißig Minuten wurde ich aggressiv und dann wurde mir schlecht. Zu viele Witze verursachen Übelkeit. Das ist wie zu viel Alkohol.

Warum gibt niemand zu, dass er keinen Humor hat?
Alle Frauen wollen einen Mann mit Humor. Da sagt doch keiner freiwillig: »Du, Uschi, isch habe Jeeeld, isch sehe jut aus, aber isch bin leider völlich humorlos.« Da kickt der sich doch selber ins Off.
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Sven Michaelsen wurde auf Ina Müller aufmerksam, als sie in »Inas Nacht« den Schauspieler Florian David Fitz fragte: »Würdest du dir lieber von mir eine Injektion mit Ringerlösung verpassen lassen oder einen Pferdepimmel lutschen?« Als Fitz sich für Letzteres entschied, rief Müller: »Komm rein!« In der gleichen Sekunde wurde ein Pferd in den Raum geführt.

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