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aus Heft 17/2013 Wissen

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Roland Schulz 

Seit Jahrhunderten scheitern Forscher an einem Buch aus dem Mittelalter: Keiner kann es entziffern, niemand kennt die Sprache. Dabei könnte es eine einfache Lösung für das Geheimnis geben.


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Sie sperren das Buch inzwischen in einen Tresor. Wer es sehen will, darf seine Seiten nicht blättern, seine Buchstaben nicht berühren. So bleibt Forschern nur ihr Blick darauf. Die Schrift läuft in einem fremden Schwung, der strichweise wie Sanskrit wirkt, seltsame Minuskeln, die Schlingen von Wort zu Wort werfen. Die Zeichnungen dazwischen zeigen Planeten, die keiner je entdeckte, Pflanzen, die niemand auf Erden wachsen sah, und Hunderte nackte Frauen. Lesen kann die Schrift kein Mensch.

Versucht haben es viele. Sie sind alle gescheitert an diesem Schriftstück, das nach seinem Entdecker das Voynich-Manuskript genannt wird. Es gilt als das geheimnisvollste Buch der Welt. Aber was, wenn das einzige Geheimnis des Buchs darin besteht, dass es keines gibt?

Im Jahr 1912 entdeckt der amerikanische Antiquar Wilfrid Voynich in einem italienischen Jesuitenkolleg einen Packen Pergament: mehr als 200 Seiten, eng beschrieben, in einer seltsamen Schrift ohne Satzzeichen. Kein Punkt. Kein Komma. Kein Strich. Nur Text, unlesbar. Voynich – ein Abenteurer polnischer Abstammung, der als Jüngling gegen den Zaren agitiert hatte, nach Sibirien verbannt worden und von dort geflohen war – erklärt, ein Brief habe sich bei dem Manuskript befunden. Lesbar. Auf Latein.

Darin schrieb im Jahr 1666 der Rektor der Universität von Prag an den Universalgelehrten Athanasius Kircher in Rom, einen Jesuiten, der im Ruf stand, alle Sprachen der Welt zu beherrschen. Kircher, so die Bitte, möge das Manuskript entziffern.

Das Schriftstück sei einst von Kaiser Rudolf II. von Habsburg erworben worden, der annahm, es stamme aus der Feder des Franziskaners Roger Bacon – der legendäre »Doctor Mirabilis« des 13. Jahrhunderts, dessen Wissen seiner Zeit weit voraus war: Wo die Mehrheit noch Magie am Werk wähnte, erkannte Bacon bereits die Gesetze der Naturwissenschaft.

Der Antiquar Voynich ergötzt sich an diesem Aufmarsch sagenhafter Gestalten. Er verschickt Abschriften an Wissenschaftler, die er für fähig hält. Einer von ihnen, William Newbold, entziffert den Text als Geheimschrift und erklärt, Bacon müsse bereits das Mikroskop gekannt und die Spirale des Andromeda-Nebels geschaut haben. Die Sensation macht Schlagzeilen, Zeitschriften berichten seitenweise, das Motiv eines geheimnisvollen Manuskripts schwappt in die Populärkultur: Der Schriftsteller H. P. Lovecraft schreibt Horrorstorys über ein in seltsamen Runen abgefasstes Buch namens »Necronomicon«, das die Tore zu den Dämonensphären öffnet. Voynichs Schriftstück wird ein Star. Als Newbold 1926 überraschend stirbt, veröffentlicht ein Freund dessen vermeintliche Übersetzung. Sie gleicht Fieberträumen. Niemand kann sie nachvollziehen. Es ist ein Fiasko.

Wissenschaftler verfemen das geheimnisvolle Werk. Als Fingerübung versuchen Kryptografen amerikanischer Geheimdienste den Code zu knacken, vergebens. Nach Voynichs Tod 1930 fällt das Manuskript dem Vergessen anheim. 1969 gelangt es in den Besitz der Beinecke Bibliothek, einer Sammlung seltener Schriften an der Universität Yale. Die Archivare nehmen es auf ihre entwaffnend ehrliche Art als MS 408 auf, »Mitteleuropa (?), XV. – ausgehendes XVI. Jahrhundert (?), wissenschaftlicher oder magischer Text in nicht identifizierter Sprache, verschlüsselt«.

Nur wenige Zirkel standhafter Wunderlinge bemühen sich weiterhin, die Bedeutung des Textes zu ergründen. Sind die nackten Frauen vielleicht schwanger, das Buch verschlüsseltes Wissen eines Engelmachers? Könn-te die Sprache des Schriftstücks nur Konsonanten verschriftlichen, wie das Arabische? Ist das Kauderwelsch eine Kurzschrift? Ein aus dem Pergament ausgekratzter Namenszug, der Name eines kaiserlichen Leibarztes, stützt die Darstellung, das Schriftstück habe sich im Besitz von Rudolf II. befunden. Man mutmaßt, Verkäufer des Buches könnte John Dee gewesen sein: Der englische Astronom scharwenzelte durch die Höfe Europas, seinen Kumpan Edward Kelley im Schlepp, einen schillernden Mönch, der durch eine Glaskugel zu Engeln und Geistern zu sprechen glaubte. Wenn Kelley in Zungen sprach – könnte das Manuskript nicht das mittelalterliche Werk eines schizophrenen Menschen sein oder eines Autisten?

Ende des 20. Jahrhunderts wird ein Alphabet entwickelt, um den unlesbaren Text zu Zeichen zu machen, maschinenlesbar. Die reine, brutale Rechenkraft von Computern soll das Buch und seinen Code stückweise bezwingen: Häufigkeit der Buchstaben, Länge der Wörter, statistischer Abgleich mit sinnhaftem Text. Die Ergebnisse deuten auf eine Mischung aus Englisch und Hawaiianisch, doch finden statistische Analysen – ein österreichischer Physiker hat das Manuskript mit Alice im Wunderland und der Bibel auf Mandarin verglichen – keinen Sinn. Alle Erklärungen bröseln. Außer einer.

Was, wenn das gesamte Buch eine Fälschung wäre? Geschaffen, um genau den Eindruck zu erwecken, ein mysteriöses Manuskript zu sein – die mittelalterliche Entsprechung der Hitler-Tagebücher? Als 2009 eine Radiokarbon-Analyse feststellt, das Pergament des Buches stamme aus den Jahren 1404 bis 1438, scheidet der Antiquar Voynich als Fälscher aus. Wer mag dieses Manuskript dann fabriziert haben, irgendwann im Mittelalter? Wieder wird das Werk berühmt. Schriftsteller wie Dan Brown nehmen es in ihre Bücher auf, Musiker vertonen es, in der Horrorliteratur schlägt seine Lesart einen Bogen zurück zu H. P. Lovecraft: Das reale Voynich-Manuskript wird als Übersetzung des fiktiven »Necronomicon« aufgefasst. Was aber darin steht, weiß immer noch niemand.

Eine Rezension des berühmtesten Buches, das niemand gelesen hat, erklärt das Manuskript zur größten Kränkung einer Schriftkultur, die alles wissen will. Falsch, antworten Kritiker: Das Buch sei die Krönung unserer Schriftkultur. Das Voynich-Manuskript ist der perfekte Text – er erlaubt, alles zu sehen, was seine Leser darin zu sehen glauben.

Foto: akg-images
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Allen Hobby-Kryptologen, die sich selbst einen Eindruck vom Voynich-Manuskript verschaffen wollen, empfiehlt Roland Schulz die Webseite www.jasondavies.com/voynich

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